Haiti: Vom Regen in die Traufe

Sklavenauslad-5

Datum: 29. Juli 2010
Uhrzeit: 15:03 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Aber es kam noch schlimmer. Im Westen Hispaniolas übernahmen die Franzosen das Regiment und verdrängten die Spanier nach dem Osten. So entstand eine Art zweirassige Insel, auf der heute dominikanischen Seite wüteten die Spanier mit ihren verbliebenen versklavten Indianern, sodass dort die helleren Mulatten entstanden, die westliche Seite wurde von den noch gierigeren Franzosen ausgebeutet, die die Hauptschuld tragen am heutigen Debakel.

Vor allem Westafrikaner aus verschiedensten Staaten wurden zusammengetrieben, in Ketten gelegt und nach der fernen Berginsel Haiti entführt. Dies damit sie sich nicht verstehen sollten, denn in Afrika sprach jeder Stamm seine eigene Sprache, und wenn sich die Gefangenen nicht verstehen und unterhalten konnten, gab es auch keine Aufstände. Glaubte man wenigstens. In Wirklichkeit entwickelte sich dennoch eine neue Sprache, eine Art haitianisches Esperanto, das „von allen“ verstanden wurde, mehr oder weniger. Diese neue Sprache nannte man „Kreolisch“, eine Bezeichnung, die übrigens auch andernorts auf der Welt Eingang fand, stets für Mischsprachen eingeführter Afrikasklaven mit denjenigen der bisherigen Kolonialmächte, besonders Franzosen.

Bei diesen Sklaventransporten ging es keineswegs zimperlich zu und her. Die Opfer lagen dichtgedrängt auf den harten Holzböden und Zwischenböden, die man eigens fertigte um noch mehr Transportgut laden zu können. Tausende überlebten den Transport nur knapp, Nahrung und Wasser gab es nie, unzählige überlebten die Reise überhaupt nicht und wurden den Haien zum Fraß vorgeworfen. In einigen abgelegenen Buchten wurde in den gefürchteten Sklavenhäfen angelegt. In langen Kolonnen aneinander gekettet wurden die Erschöpften an Land getrieben; sie waren froh, sich jetzt wenigstens bewegen und frische Luft einatmen zu können.

Ihr unsägliches Leiden war noch nicht zu Ende. Je nachdem mochte es noch monatelang dauern, und die armen Opfer hatten keinerlei Einfluss auf ihr Schicksal. Wenn es dem rüpelhaften „Besitzer“ zu lange dauerte, seine „Ware“ los zu werden, wurden die Ärmsten einfach liquidiert. Was das in jenem Umfeld hieß, mag sich jeder selber vorstellen. Einige der hingehaltenen Gefangenen schnitzten ihre Geschichten auf Baumstämme, die heute noch da und dort gefunden werden (Sie schnitzten an ihrer Vergangenheit und an ihrer Zukunft).

Schiffsweise wurden die Afrikaner auf diese bestialische Weise nach Amerika verschleppt, das noch kaum eben entdeckt war, bald auch nach Nordamerika. Es gibt keine verlässlichen Statistiken über die teuflischen Machenschaften unserer weißen, hochkultivierten und erst noch christlich-religiösen Vorfahren. Es gibt immerhin einige Mönche und andere Chronisten, die übereinstimmend nur von Scheußlichkeiten und tausenden von Opfern berichten.

Dass nicht alle für Nordamerika vorgesehenen Transporte ihr Ziel erreichten, haben Sie in Royale-Dahomey schon gelesen, die Inselleute in Haiti betrieben eben gern auch die Piraterei. Manchmal sogar zum Glück der gestohlenen Beute, denn die für die USA vorgesehenen, jetzt gestohlenen Afrikaner durften fortan in Haiti arbeiten und entgingen so für immer der Sklaverei.

Die Franzosen hatten eben die Zuckerrohr-Plantagen und anderes entdeckt, und die waren arbeitsintensiv. Und mit unbezahlten Arbeitskräften ließ sich Geld machen. Zur Arbeit wurden sie gezwungen, die französischen Aufseher wussten schon wie. Trotz der „Rekrutierung“ der Sklaven aus verschiedenen Sprachgebieten war es doch zum Aufstand gekommen. Begreiflich, dass die schwarzen Sklaven um die 19.Jahrhundertwende das französische Joch gewaltsam abschüttelten und die Weißen umbrachten, die sich nicht retten konnten. Nicht wenige Sklaven und Sklavinnen hatten es jedoch zu einem guten Herrn oder einer guten Herrin gebracht, und sie wurden Eheleute und Neureiche. Sie hatten eben das teuflische Spiel der weißen Werte erlernt, die da heißen „Geld und Gewalt“, und ihre altehrwürdigen Werte vergessen.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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