Haiti: Warum in meinem Garten Helmtragen ratsam wurde

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Datum: 29. Juli 2010
Uhrzeit: 20:16 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Der Brotfruchtbaum heißt kreolisch „Arbre véritable“ oder „echter Baum“. „Der Wahrhaftige“ ist denn auch von stattlicher Erscheinung, gern 20 Meter hoch mit einem Meterstamm und prächtigen Brettwurzeln. Es war wohl mein einziger Gartengast, der ursprünglich nicht aus meinem Schulhaus in Waltenstein stammte, sondern aus Polynesien. Von hier wurde er nach Hawaii, Asien, Afrika, Mittelamerika und in die Karibik als Nutzpflanze verschleppt.

Schon 1787 befahl König Georg III. dem britischen Seefahrer William Bligh, Stecklinge des Brotfruchtbaums als preiswertes Nahrungsmittel für die Sklaven auf den dortigen Zuckerrohrplantagen von Tahiti zu den Westindischen Inseln zu bringen. Es war der erste staatliche Pflanzenschmuggel mit der Absicht, das Nahrungsangebot zu verbessern. Die erste Expedition scheiterte wegen der berühmten „Meuterei auf der Bounty“, und die Sklaven akzeptierten das ungewohnte, neue Nahrungsmittel nicht. Bligh erhielt nun Übernamen „Breadfruit-Bligh“.

Mich interessierte der Baum mehr wegen seiner riesigen, bizarren, lederigen Blätter am Ende langer Stiele und seiner prächtigen Früchte, auf kreolisch „Lam“ geheißen. Die grünen, 2 kg schweren Früchte haben ein weißes Fruchtfleisch, das heute ein Grundnahrungsmittel bildet. Das aus dem getrockneten Fruchtfleisch gewonnene Mehl mit seinem hohen Nährwert enthält viel Stärke, Zucker, Eiweiß und etwas Fett. Die Lam wird noch grün geerntet, wird nach der Reife goldgelb und besitzt dann einen süßen, kartoffelähnlichen Geschmack. Reife, gelbliche Früchte werden roh verzehrt, unreife grüne werden gekocht und als Gemüse oder Mus verzehrt. Man kann auch frittieren, Salate anrichten, pürieren, zu Jus und mit Alkoholen zu Likör und Crémasse verarbeiten und vieles mehr. Die zwei Dutzend Nussfrüchte im Innern werden geröstet und zu Mehl vermahlen. Daraus lassen sich köstliche Brote backen, das gab der Frucht auch den deutschen Namen. Zu den Produkten zählen auch Heilmittel, zum Beispiel gegen Zuckerkrankheit. Sie gehört zu den grössten Baumfrüchten in Haiti, das sich die Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt,  noch grösser werden nur die Melonen, die aber nicht auf den Bäumen wachsen.

In meiner haitischen Frühzeit hatte ich einen diebischen Wächter namens Azuli, mein Haus war noch voll im Bau. Außer dem gewaltigen Brotfruchtbaum gab es eine Baugrube, die später das Schwimmbad aufnehmen sollte; sie war ein paar Meter tief. Da unten befand sich die provisorische Latrine für die Bauzeit. Vom Zoo Miami hatte ich ein junges Riesenschildkrötchen erstanden, kaum faustgroß hatte ich es in der Hosentasche im Kursflugzeug nach Haiti geschmuggelt, wo es lernte auf seinen Namen zu hören und zu kommen. Eines Tages hat es Azuli der Tölpel aus Unachtsamkeit totgetreten.

Einmal kam Besuch aus Deutschland, mit Chauffeur wie sich das gehört. Ich war von Durchfall geplagt und wartete ungeduldig, bis meine Gäste abzogen, denn zum Erreichen der Latrine musste in die tiefe Baugrube geklettert werden, das dauerte seine Minuten. Ich drückte dem Wächter meine Geldbörse zum Halten in die Hand und kletterte los. Als ich erleichtert zurück kam, war sie ebenfalls erleichtert, nämlich leer. Auf meine Frage wollte mir der Wächter weis machen, der Chauffeur meiner Besucherin hätte den Inhalt gestohlen, sie waren schon abgefahren, und die Unmöglichkeit seiner Version war nicht mehr beweisbar. Offenbar aus Intuition spürte mein damaliger Deutscher Schäfer Max meine Gefühle und zog Azuli die Hosen aus. Und am gleichen Abend noch fiel ihm im Garten eine Brotfrucht auf den Kopf und machte ihn für einige Tage bettlägerig. Ich riet ihm, inskünftig den Garten nur noch im Helm zu betreten.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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