Haiti: Hier entsteht wieder Welt

Hegnauer&Elstner

Datum: 31. Juli 2010
Uhrzeit: 12:37 Uhr
Leserecho: 2 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Hier war Jahrtausendtragödie. Hier war ein Stück Weltuntergang. Wo Welt unterging, muss Welt neu erfunden werden. Und erprobt. Sicher für Leben und Überleben, des ganzen Planeten. Unsicherheit herrscht, allenthalben. Eine zunehmende Kontinentaldrift mit bisher nie gekannten Erdbeben- und Vulkankatastrophen, Klimaänderungen, Steigen der Meere, und der großen Seen, Naturkatastrophen titanischen Ausmaßes, neue noch nie da gewesene Bedrohungsbilder. Vulkane speien so viel Asche, dass Flughäfen geschlossen werden müssen, auch in Süd-, Mittelamerika und der Karibik. Man konnte nicht einmal fliehen. Tektonische Bewegungen, Hebungen und Senkungen, Wachsen des Meeres durch das Schmelzen der Eiskappen. Küstennahe Wohnzonen tauchen unter Wasser, oder sind bereits abgetaucht.

Dazu lokale Bedrohungsbilder, in den Alpen weggleitende Bauten und Siedlungen durch schmelzenden Permafrost, oder in Haiti Erdrutsche, Erosionsphänomene, Geschiebeschüttungen, Überflutungen und Wirbelsturmschäden. Auch die großen Binnengewässer sind am Überlaufen. Die Verkehrswege wurden beim wachsenden See von Miragoâne unter Wasser gesetzt, und hastig mussten Umwegstraßen über die Berge gebaut werden. Bei Malpasse steigen seit Jahren der Lac d’Azüey und der Lago Enriquillo, sie haben Städte und Grenzübergänge unpassierbar gemacht, neue Verkehrswege müssen über das Gebirge gebaut werden. Die Meeresdepressionen und Täler füllen sich auf, und die größten Seen der Insel steigen durch unterirdische Zuflüsse.

Einsichtige Menschen kämpfen schon lange für die Wiederaufforstung, den Schutz der Bäume, aber auf verlorenem Posten. Zum Beispiel versucht man die Bevölkerung durch Einführung neuer Bräuche für das Problem zu sensibilisieren (Sie feiern den Tag der Arbeit). Alles was in der freien Natur wieder entsteht wird gleich abgeschlagen und verkohlt oder vergoldet. Denn auf dem Markt bedeutet Holzkohle schwarzes Gold. Schwarz wird goldfarben. Gold wird zu Gourdes. Erosionsstop ist das Wichtigste, um endlich die großen Katastrophen zu verhindern.

Eine weitsichtige Planung fehlt. Zu lange hat man die Freiheit genossen, die fordert jetzt ihren Preis. Orts-, Regional- und Landesplanung ist ungeläufig, Bau-, Industrie-, Landwirtschafts- und andere Zonen sind unbekannt, von Gefahrenzonen keine Spur. Ganz Haiti ist zersiedelt. Bald ist es die ganze Welt. Ist Haiti ein Modell der Welt? Wie und wo soll man in der Zukunft wohnen? Wie und wo kann Nahrung angebaut werden? Wo hat Natur noch Platz? Wie und wo ist die Zukunft?

Man muss weitere Naturereignisse abwarten und die Auswirkungen beobachten, zum Beispiel welche Bauweisen sich am besten bewähren. Neue Baustoffe sind gefragt. Die Plachen der kurzfristigen Zeltlager müssen durch andere Leichtstoffe ersetzt werden. Ihre Widerstandskraft gegenüber Zeit und Tropenstürmen muss verglichen werden, neue Gewebe sind zu entwickeln. Das Gleiche gilt für die mittelfristig erstellten Holzhäuser, für Statik und Normen, Bauvorschriften und Kontrollen. Für langfristig zu erstellende Betonbauten müssen die Universitäten der Welt Normen und Baumaterialien überprüfen, neue erforschen. Die gewonnenen Erkenntnisse dienen nicht nur der Zukunft des Landes, sondern dem Überleben des ganzen Planeten.

Eine neue Welt muss aufgerichtet und durchgeprobt werden. Das kann nicht dort geschehen, wo bereits Milliarden leben. Vielleicht in höchster Bedrohung leben. Neue Stoffe müssen entwickelt werden, Baustoffe, die Menschen nicht totschlagen. Die Erdbeben jeder Stärke überstehen. Die jahrelang halten, nicht zerreißen und nicht faulen. Neue Normen und Regeln sind zu entwickeln, noch niemand weiß, wie die auszusehen haben. Hochschulen und Weltorganisationen sind gefordert, man darf nicht warten, morgen kann es für Haiti, das sich die Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt, zu spät sein.

Auch Zivil- und Katastrophenschutz muss neu entwickelt werden. Das können zurzeit wohl am besten die erfahrenen Japaner, aber sie müssen hier arbeiten, wo es geschieht – bevor noch größere Verluste erwartet werden müssen. Die Welt muss hier aktiv werden, hier in Haiti, dem Labor einer neuen Welt.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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  1. 1
    Williner Philipp

    Dieser Weckruf spricht mir aus dem Herzen. Die Grossaktionäre und deren Lakaien werden sich mit Händen und Füssen gegen jegliche Änderung wehren. Denn solches könnte ja die Dividenden schmählern. Von den Universitäten ist nicht Viel zu erwarten, sind sie doch am Tropf der Industrie- und Bankbosse. Einen Ansatz in die Richtung neuer Baustoffe habe ich von einem kleinen Unternehmer gefunden. Hier Links dazu: http://www.br-online.de/wissen/forschung/futuristische-haeuser-DID1245763354482/papierhaus-papierhaeuser-baustoff-ID1245748521618.xml
    http://www.swissinfo.ch/ger/index.html?cid=7471468
    Es ist nur zu hoffen, dass die Mächtigen diesem und weiteren Vorhaben nicht den Garaus machen.

  2. 2
    Jean-Luc

    Es liest sich schön…

    Wenn es ein Land gibt, in dem die Vorstellungen, Maßstäbe und Gesetze der westlichen Welt nicht funktionieren, dann ist es Haiti. Haiti war immer ein vergessenes Land – wir verstehen nicht, was da passiert und wir können das überhaupt nicht nachvollziehen. Deswegen.

    Das naheliegendste ist, daß man die Enwticklung zu einem Agrarland stimuliert…, daß das Land sich politisch und gesellschaftlich selbst reformieren kann und muß. Es wird ihr Weg sein, nicht unserer.

    Ich glaube, Gedanken zur Baustoffverordnung und wie überlebt der Rest der Welt mit seinem imensen Industrieglobalismus, diese Sorge kann nur bei wenigen Haitianern ernsthaft aufkommen.

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