Haiti: Der Präsident wird weiterrappen

wyclef

Datum: 11. August 2010
Uhrzeit: 16:51 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Am 7. August ist die Bewerbungsfrist abgelaufen. Das Rätselraten hat ein Ende. 52 Kandidaten haben ihre Unterlagen für die Präsidentenwahl in Haiti, das sich die Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt, eingereicht. 36 Kandidaten (andere sprechen von 52) muten sich zu, den Unstaat wieder aus dem Schlamassel und auf die Gleise zu bringen.

Die meisten Kandidaten stammen aus der reichen Elite oder sind korrupt – oder beides. Etienne Winter ist ein einstiger Rebellenführer, der im Februar 2003 gegen Präsident Aristide kämpfte. Auch Guy Philippe ist ein Rebellenführer aus dem gleichen Lager, der mit der Korruption aufräumen will, wohl ein vermessener Vorsatz.

Auch zwei Neffen von Gérard Latortue liebäugeln mit dem höchsten Amt. Latortue ist Chef der aktuellen Übergangsregierung. Youri Latortue ist Polizeichef, und Charles Henri Baker alias „Charlito“ ist Unternehmer und ist weiß.

Von den meisten habe ich noch gar nichts gehört. Ich meinerseits räume dem Rapper die besten Chancen ein. Er genießt vor allem unter den Jüngeren eine enorme Popularität. Bei den anderen Kandidaten sorgt das für Unruhe und Frust. In seinem Rapsong „If I was President“ singt er selbst „Ein alter Mann sagte mir, anstatt Milliarden für Kriege auszugeben, sollten wir das Geld im Ghetto verwenden“.

Seine Popularität ist nicht nur seinem Rappen zu verdanken. Die 2005 von ihm gegründete Yele Haiti Foundation macht es sich zum Ziel, Armut zu bekämpfen. Er hat sich ganz dem Kampf gegen die Armut verschrieben, weil er bereits als Kind kennenlernte, wie sehr die Menschen darunter leiden. Damals wurde der Sohn eines Priesters im Vorort der haitianischen Hauptstadt und später in New York mit Menschen konfrontiert, die wegen Hunger und Armut bei seinem Vater um Rat und Trost baten. Auch in seinen Liedtexten verarbeitet er diese Eindrücke.

Mit neun Jahren zog Wyclef in die USA, feierte dort mit dem HipHop-Trio Fugees Erfolge und gewann in dieser Formation dreimal den Grammy Award. Entertainment könne er laut eigener Aussage seit dem Erdbeben jedoch nicht mehr betreiben. Für Politik interessiere er sich schon lange. Er unterstützte Barack Obama im Wahlkampf. Jetzt könnte er selber ein haitischer Obama werden.

Jean geht auf Tutti. In den letzten Tagen erscheinen seine Aussagen in den führenden Zeitungen. In CNN LARRY KING LIVE erläuterte er, wie er auf „vier Säulen“ aufbauen wolle: „Bildung, Schaffung neuer Jobs, Landwirtschaft und Sicherheit“. Damit bekennt sich Jean grundsätzlich zu den bisherigen Konzepten von Bill Clinton. Die Pläne von Bill Clinton, der derzeit als Uno-Sonderbotschafter auf der Insel weilt, sind gut und fortzuführen. Er will sie aber ergänzen. „Präsident Clinton konzentriert sich auf die Kleidungsindustrie und all das. Ich denke, das ist großartig. Aber auch Landwirtschaft spielt eine Rolle“, sagte Wyclef. „Wir müssen beide Komponenten gleichzeitig ins Spiel bringen.“ Auch der Bergbau müsse angesichts steigender Rohstoffpreise wieder gefördert werden, bislang wäre der vernachlässigt worden.

Nicht bewerben konnten sich die alten Präsidenten Préval und Aristide, der in Südafrika im Exil weilt, denn per Gesetz gibt es keine dritte Amtszeit, und nachdem Aristide von den Großmächten entführt und abgesetzt worden war, kommt eine Wiederwahl nicht in Frage.

Aber fast hätte ich die Kirchen vergessen: Voudous, Katholiken, Protestanten, Adventisten, Evangelisten, Baptisten und mehr. Alle Menschen sind gläubig und laufen häufig zur Kirche, und die Kirchen sind wohlhabend und einflussreich. Sie rufen die Gläubigen vor allem am Sonntag auf, zur Wahl zu gehen. Doch auch sie können ihnen nicht erklären, warum Gott sie scheinbar verlassen hat.

„Wyclef President, Wyclef President, Wyclef President“ tönt es jetzt auf allen Straßen. Ich wünsche dem neuen Hoffnungsträger, den jungen Leuten und dem jungen Land recht viel Glück.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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