Haiti ist ein Paradies für Wanderer

fussweg&eggen

Datum: 12. August 2010
Uhrzeit: 11:55 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Wenn Sie glauben, Haiti sei nur ein Schutt- und kein Wanderland, dann haben Sie sich gründlich getäuscht. Wander- und Wunderland beginnen gleich hinter dem Haus, wo ich Gastrecht genieße, und das ich stolz „Bergburg“ nenne. Mein eigenes, einst großes Haus in Gressier ist ja bekanntlich zusammengestürzt am 12.Januar, und hat alles begraben, was mir Freude machte und was ich, und schon meine Vorfahren, generationenlang aufgebaut hatten. Mir blieb das Leben und die einmalige Chance, dieses neu zu gestalten, und viel Neues zu entdecken.

Über die launische Impasse Bossier Prolongé muss ich ja nichts mehr erzählen. Wenn man sie weiter verfolgt, natürlich auf Schusters Rappen, beginnt schon nach ein paar hundert Metern ein Wander- und Wunderland, das sich zu entdecken lohnt. Gutes Schuhwerk ist angesagt, die Wanderschuhe habe ich schon im Flugzeug getragen. Wichtig ist natürlich eine perfekte Outdoor-Kleidung. Speziell dafür gefertigte Jacken sind ein umfassender Wetterschutz und bieten hohe Funktionalität. So spart man Gewicht und kommt nicht schnell ins schwitzen. Bussole, Höhenmesser, GPS und derlei Kram hingegen nützen nichts, und Karten gibt es auch keine brauchbaren. Und was die Satellitenbilder von Google Earth bringen, wissen auch die Blauhelmoffiziere nicht besser als Sie. Also ist echter Entdeckerdrang und Rückkehr über die gleiche Route angesagt.

Wanderführer mit Rundtouren-Vorschlägen sind noch zu erfinden, und die Landschaft ist großartig-jungfräulich. Bei uns würde das einen stolzen Namen tragen, etwa Höhen- oder Panoramaweg. Die Tiefblicke, die sich bieten, wechseln jeden Meter. und das Meer scheint auf diese Distanz sauberer und klarer, als es wirklich ist, für den Wandervogel ist das ja kein Nachteil. Der Ornithologe kommt auch auf die Rechnung, wenn er nicht jeden Vogel an seinen Lautäußerungen kennen will, denn Feldführer wie in normalen Ländern gibt es halt in diesem Land so wenig wie Karten, nicht einmal in der Karibik. Dasselbe gilt für die anderen Naturschätze.

Auch den Gesteins- und Mineralienfreunden rate ich, zu trinken was die Wimper hält, es sei denn man erinnere sich noch der einen oder anderen Schulweisheit über die lang-lang-langfristigen Vorgänge der Erde. Die seismischen, die eben erst ihre grausamen Zeugnisse hinterlassen haben, die vulkanischen, denn die letzten Feuersäulen sind ja immerhin vor ein paar tausend Jahren aufgestiegen.

Selbstredend begegnet man auf Schritt und Tritt den Zeugen der Erosion, und wenn der ganze Wanderweg abgerutscht ist, sieht man erst, was gutes Schuhwerk taugt. Hier oben gilt leider noch die Unsitte, kaum angewurzelte Hölzer zu verkohlen, die Holzkohle wird teuer bezahlt und ist die einzige Einnahmequelle vieler Menschen. Sie dient zum Kochen und Feuern, wie das seit altersher war, und der Wurzelschutz für den Boden fällt weg, das durchnässte Erdreich gleitet bei Wolkenbrüchen ab, die Lawinen werden immer grösser, während sie sich nach unten wälzen, reißen Gebäude und alles mit, was sich ihnen in den Weg stellt, und unten begraben sie Menschen und Menschenwerk metertief unter Schlammkegeln und verbreiten Tod und Verderben.

Wie in normalen Ländern folgen die ersten Menschenpfade den Wechseln der Wildtiere, die in Haiti beinahe verschwunden sind. Armut und Not sind hier leider natürlich geworden, und damit ging eine gründliche Übernutzung einher, nicht nur Holz, auch Wildtiere betreffend. Ihre Wechsel aber, wie man die Pfade der Tiere nennt, blieben und wurden in der Folge von den Menschen genutzt und weiter ausgetrampelt: von Jägern und Sammlern, den Köhlern und heute vereinzelten Wanderern. Sie haben alle Chance, in einem touristischen Haïti der Zukunft richtige Wanderwege zu werden.

Das Land versteckt ein enormes Potential von Naturschätzen und hat das Zeug, dereinst zu einem der beliebtesten Wanderländer zu avancieren. Der Prinzengolf wird beidseits eingerahmt von zwei Küstenkordilleren, die direkt aus dem Meer bis auf 2500 m auf steilen und eine Vielfalt wundervoller Tiefblicke bieten. Auch ohne Wildwechsel und vorgetrampelte Fußwege ist es mit den heutigen Mitteln ohne großen Aufwand möglich, vielstündige Wander-, Höhen- und Panoramawege zu gestalten, wie sie die ganze Karibik noch nicht bietet.

Ganz zu schweigen von Bergwegen auf einige Gipfel. Einzelne Übernachtungshütten und etwas Landschaftspflege, Informations- und Kartenmaterial würden mit wenig Aufwand dabei zu helfen, dass Haiti ein Magnet für Naturfreunde und Ökotouristen wird und wieder zurückfindet zur „Perle der Karibik“.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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