Alma Mater Haitiana steht für Glück, Gesundheit und Geist

Bankbild-Matriarchat

Datum: 16. August 2010
Uhrzeit: 17:14 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Mein Haus ist beim großen Erdbeben zusammengestürzt, mit all den Bildern und Kunstwerken. Aber meine Familie hat mehr verloren, zwar auch alles wie ich, aber auf eine wahrscheinlich viel längere Nutzungszeit, nach Adam Riese. Frau und Kinder die möchten ja mal nach Haiti kommen, in ihre ursprüngliche Heimat, und hier eine Zukunft bauen. Ich habe Zukunft schon gelebt, hier in Haiti, und vorher in der Welt. Meine Anwärter möchten wieder ein Haus bauen, dort wo das alte stand, und das ist nicht billig, auch hier in Haiti. Ich helfe dabei, indem ich ihr seit dem Schreckensereignis die Rente meines vormaligen Brötchengebers überlasse.

Es bleibt ja noch eine Altersversicherung, die wird in Schweizer Fränkli ausbezahlt und in US$ überwiesen. Der klettert höher und höher, somit schrumpft das Scherflein mehr und mehr, die Preise steigen, und die Inflation auch. Es ist überlebenswichtig, jeden Monat auf die Bank zu pilgern, und damit alles stimmig bleibt, wird auch die Warteschlange immer länger, und das Warten damit. Sie wissen, dass alles nicht nur Nach-, sondern auch seine Vorteile hat, man muss sie nur suchen und finden. In der Bank habe ich ein wunderschönes Bild entdeckt ( die Banken unterstützen nicht die schlechtesten Maler ), das ich jetzt deuten will, auf meine Weise.

Die Hochschätzung der Frau als Großmutter des Landes spiegelt sich in Bildern und Geschichten wider, seitdem sich Haiti, das sich die Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt, aus der indianischen Vergangenheit befreit und als Negerstaat emanzipiert hat. Schon die Königin Anacaona war ein hochgeachtetes Sinnbild von politischer Eigenständigkeit und Stolz, der auch aus dem Gesicht dieser Dame strahlt, das weiße Haar sittsam mit einem roten Kopftuch verhüllt.

Das Gesicht strahlt neben Eigenständigkeit und Stolz auch Willenskraft, Klugheit, Weisheit, Abgeklärtheit und Intelligenz aus; die Dame könnte eine Führerin sein, wenn sie zur Wahl stünde. Die Züge lassen auf eine gelungene Mischung schließen, indianisches und „rotes“ dominikanisches Blut bestimmt inbegriffen, von allen scheint das Beste übrig geblieben zu sein. Mit Bestimmtheit tritt das Afrikanische diskret zurück, negride Inzucht ist ausgeschlossen, dazu sind die Lippen zu wenig wulstig.

Als einziger Schmuck ein bescheidenes Goldkettchen um den schlanken Hals, der Kopf ist von so viel natürlicher Schönheit, dass er keiner künstlichen Schminke bedarf. Die würde ihn nur verunstalten. Friede, Ruhe und Stolz leuchten aus dem Bild. Das Gesicht steht für Glück, Gesundheit und Geist.

Die königlich wirkende Dame versteht es auch, zu genießen. In einer kleinen, eigenwilligen Pfeife zwischen den Lippen raucht sie einen duftigen, einheimischen Tabak und stellt damit ihre Emanzipation unter Beweis. Das zarte Räuchlein erfüllt ihr Umfeld mit betörendem Dunst und steht für Muße und Glück.

Vornehmlich aber fällt ihr ausgefallenes Kleid auf. Es besteht aus Essbananen und bedeutet Fruchtbarkeit und das Vermögen dieses Landes, stets genug Essen zu produzieren um sich selbst zu ernähren. Die Zukunft liegt in der „Production Nationale“, der Produktion im eigenen Lande. Die Alma Mater, die nährende Mutter, soll aber die Menschen nicht nur physisch, sondern auch geistig und spirituell ernähren, das heißt mit Bildung, Wissen und fruchtbaren Ideen versorgen, und darüber hinaus mit landeseigener Kultur und Spiritualität. Alma Mater ist die allesnährende, segenspendende Göttermutter. Ihre Bananen bedeuten auch die Ideen für meine Geschichten.

In Kolumbien und Venezuela, woher auch die Urindianer von Haiti stammen, waren matriarchalische Gesellschaften verbreitet. Dies ist in Mythen, Legenden und Märchen erkennbar. Die Erde als Große Mutter garantiert die Wiedergeburt und Ernährung allen Lebens. In der Unterwelt wohnt die Greisingöttin, die Todesgöttin als alte Frau, welche alles Leben im Abgrund auflöst und zugleich aus der Tiefe wiederauferstehen lässt, so wie sie es mit diesem zerstörten Land auch tut. Sie ist die mysteriöse Gottheit andauernden Untergangs und ewiger Wiederkehr. Sie ist auch eine Reaktion auf unsere schnelllebige, unübersichtliche, als unverständlich wahrgenommene Gegenwart und verkörpert verklärte Vergangenheit, Natürlichkeit, Ordnung, Anstand, Moral, Frieden, Menschlichkeit und Lebenskraft. Sie verkörpert das Ziel einer gereiften Frau.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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