Zehntausendundzehn Zelte auf Haiti

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Datum: 17. August 2010
Uhrzeit: 15:05 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Durst und Hunger sind vorübergehend besiegt, die Probleme sind kurzfristig gelöst. Langfristig weiß die UNO eine Lösung, hoffentlich. Regierung gibt es ja keine, NOCH keine. Der Präsident ist hilflos. Man wählt demnächst einen neuen, der weiß bestimmt mehr. Die Zeit eilt davon. Viele Hilfsorganisationen sind es schon. Aber die nächste Katastrophe wartet gleich um die Ecke. Kurzfristig ist auch das Obdachproblem „gelöst“, durch Zeltstädte. Und langfristig ? Ich weiß es nicht, verzeihen Sie mir.

Ich muss zugeben, ich habe sie zwar nicht gezählt, das ist Sache des Volkszählers von Hand der wahrscheinlich immer noch dran ist. Aber dieser Titel klingt so schön, dass ich ihn wählte und eine Geschichte hineinschob, so wie die Menschen in die Zelte. Und dort scheinen sie auf ewig zu bleiben, oder so lang die Fetzen halten und nicht fortgeflattert sind. Immerhin hat man in einer Wahlsendung am Fernsehen von 8500 Camps gesprochen, so habe ich ja noch untertrieben.

Jamboree hießen die Welt-Pfadfinderlager, in denen ich mich als Junge auch noch vergnügte. Auch da herrschte Freude, Gesang und Tanz, nur musste keine Trauer vergessen oder verdrängt werden, statt Wasserhelikopter gab es einen Hahn, und die Perspektive war nicht für ewig. Das Pfannenputzen und der Schlamm bei Regen waren ähnlich, und das Motto hieß „Allzeit bereit!“ Ein Jamboree war nach zwei Wochen zu Ende und man konnte wieder heim in die warme Stube und zur Familie, hier ist die Stube ins Zelt gekommen, die ganze Familie ist dabei und bleibt es auf immer.

„Lustig ist das Zigeunerleben“ waren im Jamboree keine hohlen Worte. Vielleicht werden sie es in den Flüchtlingscamps. Denn ich fürchte, dass nach acht Monaten Lagerleben die Lust einmal aufhört, Resignation einkehrt, immer mehr genug haben und ausziehen, um ihre alte Heimat wieder zu suchen. Doch da gibt es nichts mehr, oder immer noch nichts als Ruinen und Trümmer, und der Stadtrat der Prinzenstadt bekommt noch mehr Probleme, statt diese zu lösen. Vorher in den Zeltstädten hatte es wenigstens Wasser, Essen und Toiletten gegeben, jetzt gibt es wieder Abfall und Staub, schlimmer als vorher.

Und es gibt Straßen, da kann man wieder schreien und demonstrieren, Autos und Reifen anzünden, den Verstand verlieren, und den Verstand behindern, Verkehr kann man dem Dauerstau ja nicht sagen. Es gibt keine Scheiben mehr zum Einschlagen, denn die Geschäfte sind noch nicht aufgebaut, und es gibt keinen Fortschritt.

Aber bald gibt es wieder einen Präsidenten auf Haiti, das sich die Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt, dann kann man wenigstens jemandem die Schuld in die Schuhe schieben. Da und dort werden sich die ersten Neubauten aus dem Schutt erheben, oder aus der Wüste. Türme von Kirchen und Hochhäuser von Banken und Versicherungen, nur keine Märkte.

Das wird etwas Arbeit geben, für einige wenige und für kurze Zeit, aber kein Wasser und Essen. Die Hilfsorganisationen werden weiter verschwinden, an andere Schreckensorte, viele sind es schon, nach Indien und Pakistan. Denn sie brauchen neue Aufmerksamkeit und neues Geld. Haiti ist langweilig geworden. Hier in Haiti werden wieder Not und Hunger einkehren.

Oder es braucht eine neue Katastrophe, um die Welt wieder aufzurütteln. In Form der Wirbelstürme wartet sie ja bereits auf ihren Auftritt, gleich um die Ecke. Vielleicht kann auch ein Präsident in Hip-Hop-Look die Jungen besänftigen, ein Rapper die Menschen davon überzeugen, was zu tun ist. Hoffentlich weiß er es selbst. Hoffentlich weiß es die UNO. Ich weiß es nicht, verzeihen Sie mir.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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