Kein Brot ohne Kleingeld

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Datum: 27. November 2009
Uhrzeit: 14:57 Uhr
Leserecho: 2 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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MakinMünz ist der schweizerdeutsche Ausdruck für Münzen, Kleingeld. In Haiti heißt das Kob, oder Caesar. Die Zeiten, da Münzen aus Gold oder Silber zirkulierten, wohl in allen Staaten, sind vorbei. Überstieg doch der Metallwert solcher Münzen den Geldwert bei weitem, und es war ein gutes Geschäft, diese einzuschmelzen und als Metall zu verkaufen. Demgegenüber ist der Geldwert der heutigen Zinn- und Kupfermünzen so minim, dass es sich nicht lohnt, sie zu behalten, man kann ja ohnehin nichts kaufen damit. Finanzkrise im Kleinen…

Münzen gelten also nichts. Und doch sind sie unentbehrlich; wenn einem die passende Münze für die Parkuhr fehlt, kommt das teuer zu stehen und kann das Hundertfache übersteigen.

Ähnlich ist es mit kleinen Einkäufen, wie etwa Brot. In der Morgenfrühe gehen Alson oder Makin los, um mir Brot zu posten. Ich liebe Brot, aber das muss frisch sein. Mehr als zwei Tage Lagerfrist liegen da nicht drin. Und das braucht wieder Kleingeld, Münzen oder kleine Noten, die es hier auch gibt für ein paar Gourdes.

Heute erlebte ich ein Brot-Theater, weil Melissa nicht da war, die mich gewöhnlich in solchen Dingen schadlos hält. Und ich hatte kein Brot mehr, und auch kein Münz, Nötli zu 500 Gourdes (8.5 Euro) waren das Kleinste, und sauber, frisch gedruckt – sie rochen noch nach Druckerfarbe.

Also gab ich Makin ein 500er- Nötli mit. Das Brotsäckli hätte vielleicht 12 Gourdes gekostet. Nach etwa einer Stunde kam er zurück – ohne Brot. Der Händler hätte kein Rückgeld gehabt und auch eine Vorauszahlung mit dem 500er Nötli abgelehnt, da er wohl auch am Nachmittag und morgen nicht wechseln könne. Und im ganzen Dorf hätte niemand wechseln können.

Langsam riss mir die Geduld. Nach einer weiteren Stunde wiederholte sich das Drama, und ich hatte immer noch kein Brot. Ich erzählte Melissa am Handy von dem Theater, man telefoniert hier im Freien, und dies offenbar so laut, dass es mein Nachbar Francis mitbekam. Jedenfalls rief er mir aus seinem Gelände zu und fragte mich teilnahmsvoll, ob ich Probleme hätte, gerne würde er mir helfen. Ich war zu dumm und stolz, um Ja zu sagen, und wohl auch wütend. Das fehlte noch, dass mir ein Nachbar mit Brot aushelfen müsse…

Schließlich kletterte Makin leichtflüssig auf eine Palme und öffnete ein paar Kokosnüsse. Die haben einen herrlichen Saft. Als nach sechs Stunden das Brot endlich eintraf, brauchte ich das auch nicht mehr, ich machte es eben mit Kokossaft.
Melissa aber schalt mich per Handy, ich sei doch immer noch ein typischer Blanc (Weißer), die seien zu stolz und eingebildet, um Hilfe von einem Nachbarn anzunehmen. Bei den Schwarzen sei das halt selbstverständlich.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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Kommentarbereich

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  1. 1
    Cooee

    Da muss ich doch schmunzeln. Hab ich doch mit meinen aud Haiti stammenden Nachbarn das gleiche, nur in umgekehrter Weise. Die Blancs haben hier eine deutlich dunklere Hautfarbe, funktionieren aber gleich. Die Fähigkeit für eine erheiternde Reflektion des eigenen Agierens liegt aber bestimmt einzig im Charakter, danke.

    Ich bin nie in den Genuss gekommen, nur annähernd druckfrische Banknoten in Haiti in die Finger zu bekommen. Auch äusserst selten richtiges „Münz“ als Wechselgel.

    In einem offensichtlich schlecht gewählten Moment habe ich die Banknoten in Haiti mit der Konsistenz und auch der Optik (nach Gebrauch) von WC-Papier nach mitteleuropäischem Standard bezeichnet und musste prompt eine Tirade von Belehrungen über die Verletzung von persönlichen, patriotischen Gefühlen über mich ergehen lassen.

    Liegt das an der Persönlichkeit, an den Wurzeln oder ist man in der Diaspora einfach noch einiges empfindlicher als im eigenen Land?

  2. Danke Cooee. Du bringst mich auf ne Idee: Es liegt wohl an der Schweinegrippe. Und an der Finanzkrise.

    Der Schweinegrippe, wegen der erfolgreichen Hygiene-Publicity, man solle um Gotteswillen die Haende waschen nach so einem Geschaeft,

    und an der Finanzkrise, weil man die Noetli seither gleich tonnenweise druckt. Die kleinsten gelten hier 10 Gourdes ( 0,17 Eu-Cents ) und lohnen sich damit (fast) besser für „das Geschaeft“ als normales Papier.

    Das erklaert, warum diese Noetli sogleich aus dem Umlauf verschwinden. – Otti

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