Haiti: Die Fenster in den Blättern

Philodendron

Datum: 31. August 2010
Uhrzeit: 22:04 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Die Gartenfreunde lieben sie, die Fensterblätter. Dieser deutsche Ausdruck ist zwar unter den Pflanzennarren weniger üblich als der Ausdruck „Philodendron“, aber dafür richtiger und passender. Denn die Riesenblätter sind voller Fenster, durch die manchmal blau-rote Anolis und andere Kobolde herausschauen, oder noch buntere Laubfrösche hervorquaken. „Philodendron“ wird oft von Laien fälschlich gebraucht, wohl für alle großflächigen, metergroßen und noch größeren, geschlitzten und gelappten, gefensterten, kurz „perforierten“ Blätter mit ihrem wirklich monströsen Aussehen. So nützen sie auch spärliches Urwald- oder Zimmer licht optimal aus.

„Philodendron“ ist ein guter Name, wenn einer griechisch versteht. Er heißt Baumfreund und sagt aus, dass es, wie auch Monstera, eine Kletterpflanze ist. Sie klettert gerne an mächtigen Bäumen des Urwalds nach oben in Richtung Licht, 10 und mehr Meter hoch. Würde gerne. Denn da hier der Urwald längst ausgekohlt ist, züchtet man ihn sich im Garten, samt den zugehörigen Fensterblättern. Damit die wieder etwas zu klettern haben. Mit ihren Luftwurzeln und Kletterhilfen klammern sie sich hierbei geschickt fest, wo immer sie etwas dafür finden. Viele Philodendron-Arten haben jedoch gar nicht die bizarren Schlitz- und Fensterblätter, die diese Pflanzen so berühmt machen. Zahl und Ausprägung der Fenster und Schlitze hängt von der Art, vom Alter und besonders von den Klimabedingungen ab, vor allem Luftfeuchtigkeit und Helligkeit.

Sie sind an dem dämmerigen Urwald licht angepasst und gedeihen noch bei unter 20 °C und hier sogar ohne Strom, denn solchen gibt es meistens nicht. Sie sind drüben als Zimmerpflanzen gut geeignet. Durch die Blatteinschneidungen erfolgt die Anpassung an die unterschiedlichen Lichtbedingungen, dunkel am Boden, heller mit zunehmender Höhe. Bei wenig Licht gebildete Blätter sind nur wenig und nicht tief eingeschnitten, während im Hellen gebildete Blätter starke und zahlreiche Blatteinschneidungen besitzen, so dass die Assimilationsfläche geringer ist. Und wenn Sie fragen, ob die auch sprechen können, dann müssen Sie nur mal die Exemplare in meinem Garten ansehen.

Bei guter Pflege können Monsteras auch im Zimmer zum Blühen kommen. Die Blüte ist ein zylindrischer Kolben, der auf einer Seite von einem weißen Hochblatt umgeben wird. Im eigenen Garten habe ich leider zu spärlich fotografiert. So fehlen mir jetzt, nach dem „Weltuntergang“, viele verpasste Bilder, von innen und aussen. Aber ich habe sie wenigstens im Kopf.

Es ist wie bei den Bergen, und noch viel anderem. Die Mehrtausender Afrikas mit ihren gespenstischen Bäumen von riesigen Ausmaßen, mehreren Metern hohen Blumen und Gräsern, Moosen und Flechten habe ich erklettert, in der Schweiz habe ich das aufgeschoben, in der irrigen Meinung, die springen ja nicht davon. Und plötzlich ist es zu spät. Die Dias von den afrikanischen Pflanzenwundern habe ich zwar bis zum 12.Januar 2010 16.53 Uhr behalten, aufgeschoben, nie „ausgewertet“ und nie mehr angesehen, aber seither sind auch sie unter dem Schutt meines einstigen Hauses begraben. Doch auch hier gilt: ich habe die Bilder im Kopf!

Es gab sie dort auch, die strahlenden Blätterlappen mit ihren Fensterlamellen. Wenn man durch sie in die Zukunft hätte blicken können, wäre das alles – DOCH passiert. Denn in die Zukunft sehen und Zukunft beeinflussen ist zweierlei. Beeinflussen würde verzaubern heißen, bei jedem Zauberer mit einem andern Ergebnis. Wenn ICH durch die Blätterfenster Zukunft zaubern könnte, wäre die gesamte Umwelt hier ein Garten voll Fensterblätter und anderer Wunder, und ohne Kahlschlag und Erosionskatastrophen. Die Löcher in den Blättern wurden eben für etwas anderes eingerichtet.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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