Die Festungen von Haiti sind nicht auf Sand gebaut

Zitadelle

Datum: 12. September 2010
Uhrzeit: 20:35 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Die Mauern sind wuchtig und eigentlich zu dick, die Inselleute wollten eben sicher sein. Sicher vor Erdbeben und vor Franzosen. Die Klötze haben meist beiden getrotzt, auch jedem Erdbeben – außer wenn sie sich zu weit in die Steilhänge vorwagten und abrutschten. So wie unter anderem in Fort Jaques-Nordflanke am 12.Januar 2010 (Der Jakobsweg endet in der Finsternis). Der Mörtel bestand nicht aus Sand und Holcim-Zement, sondern war eine Mischung aus Schlamm, Melasse, Blut von Kühen und Ziegen, und auch von Menschen, die nicht nur ihr Körperblut, sondern auch ihr Herzblut gespendet hatten.

Das war nicht gekünstelt sondern auf die Stimmung getrimmt, die die Ureinwohner und die freien Bürger der ersten Negerrepublik gegenüber den weißen Machthabern und Ausbeutern entwickelt hatten. Die manchmal heute noch nachwirkt. Geld und Gewalt hießen ja deren Werte, die einzigen die sie kannten. Und Geld nicht etwa als Gold, das Gold hatten die Eindringlinge längst weggestohlen, sondern als lumpiges Papier. Die kleinsten Noten zurzeit lauten auf 10 Gourdes, einem Gegenwert von 0.19 € entsprechend, der größte Geldschein Haitis wiegt 500 Gourdes oder 4.85 in €.

Und was zeigen die Geldscheine? Sie zeigen auf der einen Seite die Festungsbilder von Fort Cap Rouge Jacmel, Fort Jalousière Marmelade, Citadelle Milot und Fort Décide Marchan, es gibt nicht viele andere), auf der andern Seite finden sich Konterfeis von historischen Staatschefs. Meist die gleichen die vor dem Beben auf den Denkmälern des Heldenplatzes thronten (Champ de Mars, Platz der Helden und Ausbeuter) und beim Erdbeben von ihren Sockeln stürzten, übrigens meist das zweitemal.

Haiti verfügt über nicht wenige Baudenkmäler, auch wenn diese in einem verwahrlosten Zustand verlottern. Geld und Gewalt – die verlangt Gegengewalt – fabelhaft kombiniert, eine bombastischere Metapher für dieses Wertepaar wäre kaum vorstellbar. Metapher auch für die ineffiziente Hirnlosigkeit solcher Papierwerte.

Haiti verfügt über viele Forts und Festungen, nicht nur die auf den Banknoten abgebildeten. Sie alle haben den Nachteil, unerschlossen zu sein und auf hohen Küstenbergen zu liegen, an Punkten, von welchen aus immer haitianische Seehäfen beschiessbar waren, die erforderlichen Fußmärsche sind stets mehrstündig. Manchmal führen halsbrecherische Schlammpisten hinauf, die mit guten Geländewagen „befahrbar“ wären. Aber wie gestern und heute unterhalb Fort Cap Rouges (Jacmel), so bleibt man auch mit stilgerechter Ausrüstung unterwegs im Schlammbad stecken. Vorläufig müssen Sie deshalb auf die vorgesehenen Festungsbilder verzichten. Wie so oft hat dieser Nachteil für mich und für Sie einen viel wichtigeren Vorteil: die altehrwürdigen Werke bleiben von Tourismus und Plastikabfall verschont.

Die „abgenoteten“ Bauwerke zeigen immerhin, dass dieses Land heute AUCH andere Werte sein Eigen nennt, als Geld und Gewalt. Kulturelle Werte, Baudenkmäler, geschichtliche Ehrenmale, man suche die auf den Nachbarinseln, selbst in nicht wenigen großen Staaten. Die eignen sich durchaus als Besuchermagnete für einen künftigen Tourismus, und damit – leider oder glücklicherweise? – als interessante Sehenswürdigkeiten und Einnahmequellen für das Land. Haiti hat historisch nicht nur Zeugen Kolumbus‘ und der Indianer zu bieten, das können einige Nachbarinseln auch. Haiti verfügt darüberhinaus über historische und baugeschichtliche Kulturdenkmäler, die sonst niemand besitzt.

Ein Preussengeneral hat 1830 gesagt „Ein Heer ohne Festungen ist ein Körper ohne Harnisch und hat hundert verwundbare Stellen“ – Und im letzten Weltkrieg doppelte ein US-General noch dicker nach „Starre Festungen sind Monumente menschlicher Dummheit“, er hielt es eben mit den modern gewordenen, nach ihm getauften Panzern (i.e. „Patton-Panzer“). Und heute?

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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