Haiti: Nach einem halben Jahr Zeltleben

CR-Zeltlager

Datum: 16. September 2010
Uhrzeit: 01:51 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Das IKRK berichtet dieser Tage in einem ausführlichen Rapport über die seit dem Desaster vom 12.Januar entstandene Lage und die nun vordringlichsten Arbeiten. Angesichts der traurigen Tatsache, dass Millionen von Menschen sich an Leben in Zeltlagern in meist unbekannter Umgebung gewöhnen mussten, wurden Strategien in 10 Jahresstufen festgelegt. Unter den ersten Prioritäten stehen Rettung, Schutz und Erhaltung von Leben, Gesundheit und Sicherheit sowie Erschaffung einer sozialen und gewaltfreien Kultur.

Es ist bekannt, dass in Haiti eben eine gigantische Reformarbeit durch die Weltgemeinschaft begonnen hatte, die der unvorstellbaren Verwilderung und Unterentwicklung den Kampf angesagt hatte. Mitten in die ersten aufkeimenden Hoffnungen der geschlagenen Bevölkerung krachte die Infernokatastrophe vom 12.Januar 2010, die innert 35 Sekunden 300’000 Menschen tötete, ebensoviele verstümmelte und Millionen von Häusern zermalmte. Darunter natürlich fast sämtliche Wohnhäuser, und zwar nicht nur solche in Gänsefüsschen. Meines zum Beispiel war ein 60 m langes, mehr als stabiles Betonhaus mit teils doppelten Böden aus Beton, und die Häuser meiner damaligen Nachbarn ähnlich – es steht keines mehr. 300’000 Menschen sind auf der Stelle gestorben, 300’000 haben teils schwerstverstümmelt unter Rotkreuzhilfe überlebt, Millionen sind mit Trauma und Schrecken davon gekommen, und weitere Millionen haben ihr Haus, ihr Auto und vielleicht alles verloren, was ihnen lieb und wert war.

Das Rote Kreuz, das Internationale und das wohl aller Länder, hat viel geholfen und hilft noch jahrzehntelang. Es befasst sich mit der Rettung und dem Schutz des Lebens, also mit Hygiene und Gesundheit. Es hat zum Beispiel seither 100’000 Menschen hospitalisiert und gepflegt, und täglich 1000 bis 2000 Patienten ambulant behandelt. 150’000 wurden gegen Seuchen geimpft, 300 000 erhielten hygienische Unterstützung, sicher mehr als nur ein Zahnbürsteli mit Manual. 100 neue Wasserverteilstellen wurden eingerichtet, täglich werden 2,4 Millionen Liter Trinkwasser verteilt. Trinkwasser, das sonst von den Armen gekauft werden muss, zu 50 Gourdes / Gallone (1.23 Fr.). 280’000 Personen sind abhängig von den Trinkwasseralmosen des Roten Kreuzes, und bis zum 10.Juli wurden 2671 Latrinen eingerichtet – und täglich werden es mehr. Allein durch das Rote Kreuz wurden 120’000 Familien mit 597’000 Personen in Notunterkünften einquartiert oder erhielten Zelte, 30’000 provisorische Holzwohnhäuser sind noch im Bau. Tausende von Tonnen weiterer Hilfsgüter wurden verteilt, auch zur Vorsorge auf zu erwartende Wetterereignisse. Es ist der 15.September, sie stehen vor der Tür, man erwartet sie täglich, Igor, Julia & Co. Was sie bringen, weiß auch das Rote Kreuz noch nicht.

Sechs Monate nach dem Beben sind zwar erhebliche Fortschritte zu verzeichnen, die aber bei weitem nicht genügen. Erste Priorität hat die totale und nachhaltige Abwassersanierung, dazu gehören auch Motivation, Aufklärung und Ausbildung der Millionen, für die Hygiene schon immer ein Fremdwort war. Was sich durch das Zusammenleben auf engstem Raum, oft mehrere übereinander noch potenziert. Sie haben ja in der einen oder anderen Geschichte schon gelesen, wie die überfüllten Zelte auf jedem freien Fleck Erde aufgestellt sind, dass keine Fußball- oder Tennisplätze, Park- und Grünflächen, Privatgärten und Autoparkflächen mehr bestehen, selbst die spärlichen Rand- und Mittelstreifen von Autostraßen sind mit Wohnzelten vollgepfropft. Und mitten zwischen den Diesel- und Abgasen vegetieren so Millionen von Menschen.

Zehntausende von Latrinen wurden erstellt, es werden täglich mehr, gespritzt und desinfiziert, und wie Millionen sie zu benützen haben, ist auch eine Lehraufgabe des Roten Kreuzes. Nur eines ist klar, so klar wie die tropische Sonne über der Insel: die nun begonnene Hygienekampagne muss anhalten, über Jahre und immer – sonst drohen Epidemien wie sie die Welt noch nie gekannt hat. Und dann kommen „die drüben“ wirklich, nämlich alle dran. Der anfängliche Großangriff auf die Hygiene dauerte sechs Monate und wird fortbestehen, bleibend. Was jetzt dazukommt, ist der nächste Zehnjahresschritt, der Schritt der Ideenfindung und Erfindungen.

Und vergessen Sie nicht, dass auch Regierungen und andere Organisationen voll am Strampeln sind, da ja alles zerstört ist: Infrastrukturen, See- und Flughäfen, Straßen, Trümmerräumung, Schulen und ganz viel mehr, was nicht zu den Obliegen schaften des Roten Kreuzes gehört.

Rotkreuzbericht

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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