Haiti: Papa Doc Zombie

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Datum: 21. September 2010
Uhrzeit: 08:14 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Gestern war ein reichbeladener Tag, eine Fahrt nach Gressier war überfällig, da wir in der letzten Zeit kaum mehr ausgegangen waren. Ich bin ja (zum Glück) kein Reporter und kein Vertreter irgendwelcher Interessenlobbies. Ich schreibe unverbindlich was ich fühle, höre, sehe, auch von Nachbarn oder Irgendwelchen, wenn es mir interessant, lustig oder wichtig scheint.

Auch die Sicherheit ist eine Berg- und Talfahrt wie alles, und mir scheint, momentan sei wieder Talfahrt angesagt. Täglich höre ich von Morden, sogar von mir persönlich bekannten Freunden, und Kindsentführungen. Ich höre auch die erschreckende Volksmeinung, dass die Polizei selber wieder mitmischelt, mit Kidnappern zusammenspannt, und ähnlich.

Allein in den zwei vergangenen Nächten gab es drei Morde, teils aus unserem Bekanntenkreis, und in der Nachbarschaft. Einer war ein Mitarbeiter eines Hilfswerks, dem der Laptop (tragbarer Computer) abgenommen wurde. Letzte Woche vernahm ich von einem wegen eines Laptops aufgebrochenen Auto. Zusätzlich hörte ich in der Nähe nachts um 00.30 einen Pistolenschuss.

Ich getraue mich in letzter Zeit nicht mehr aus dem Haus, und ich habe mir unfreiwilligen Hausarrest auferlegt. Das kann längere Zeit dauern, bleiben Sie also unbesorgt, wenn mal ein paar Tage Sendepause folgt. Ich muss die Warnungen ernst nehmen, denn ich hörte von verschiedenen Seiten, dass meine Gastgeberfamilie besonders bedroht sei, weil sie einen Blanc (einen Weißen) aufgenommen habe. Und Weiße gelten automatisch als Millionäre, und auch ihre Umgebung ist gefährdet.

Trotzdem war wie gesagt eine Fahrt nach Gressier überfällig, zumal da sich Igor und Julia – die erwarteten todbringenden Wirbelstürme – zügig nach Norden verziehen. Wir mussten ja unter anderem wieder mal nachschauen wie weit unser Schutthaufen abgetragen war. Dass einige Tonnen fehlten, war eher außen auf der immer höher werdenden „Straße“ feststellbar als innen am abnehmenden Schuttberg. Aber nicht nur der Wasserturm und die Luxus-Badewanne traten durch den Abtrag des umgebenden Schuttbergs klarer hervor, sondern schon vorher war auf dem ganzen Weg dasselbe feststellbar: die Schuttmassen schrumpfen zusehends, und dadurch treten die Ruinen viel deutlicher hervor, die enormen Schäden waren vorher unter dem Schutt unsichtbar.

Bedeutende Boden- und Straßenflächen sind jetzt freigelegt, und man ist am Wischen und Sauberfegen, was bisher gar nicht möglich war. Ganze Zeltstädte fehlen, die ich zum Beispiel im Gebiet vor Gressier hier noch als Muster gezeigt hatte. Jetzt sind sie abgeräumt, und die Böden werden offenbar wieder den rechtmäßigen Besitzern und der vorgesehenen Nutzung zugeführt. Die Menschen sind verschwunden, wo können sie nur sein, frage ich mich?

Von der Schuttcity bis Mache Carrefour, wo das ehemalige Schlachthaus durch einen gigantischen, neuen Markt ersetzt wurde und wo die ewige Baustelle liegt, die Eindeckung der hier ausmündenden Bäche – die Baustelle besteht seit ich hier bin, also seit 20 Jahren, ist ein einziger Stau. Die Geschichte dauert für weniger als 20 km vielleicht 2 Stunden, wenn man Glück hat. Am Ende des Marktplatzes offenbart sich scheinbar der Grund des Staus: rechts die offene Einfahrt in ein Riesen-Ruinen- und Industriegelände, in dem offenbar etwas vorgesehen ist. Innen hagelt es von Blauhelmen, UN- und Polizeifahrzeugen, außen einige Wacht- und Verkehrsleitposten, die die vielen ins Areal strebenden Vehikel reinlotsen. Zudem kreist ein Hubschrauber gemütlich über dem Terrain.

Jetzt kommt der Clou, das ist unsere Vorbeifahrt in unserem alten, zerbeulten Mazda, der eigentlich gar nicht zum Geschehen passt: aber hunderte von Menschen stehen hier und schreien bei unserer Vorbeifahrt frenetisch „Papa Doc, Papa Doc, Papa Doc“ – bin ich denn wirklich übergeschnappt, einer der Erdbeben-Spätfolgen? Papa Doc ist doch François Duvalier, ein einstiger Diktator Haitis, der aber am 21. April 1971 gestorben ist? Wissen denn das die Zuschauer nicht? Oder bin ich sein Zombie geworden? Papa Doc Zombie ? Ich hab doch immer gesagt, in Haïti gibt es Wunder, die nur hier möglich sind! Und oben kreist immer noch der Heli und grinst auch…

Dann sind wir – zuhause, hätte ich fast gesagt. Und suchen und begrüßen unsere ehemaligen Mitarbeiter und engste Nachbarn, in Löchern, Hütten und Zelten. Auch Kätzchen Minouche ist noch da. Überall in meinem einstigen Garten. In unvorstellbar verwahrlostem, hoffnungslosem Zustand. Wenn ich zum Beispiel wirklich Papa Doc wäre, könnte ich ihnen helfen, mit all dem Geld, das er aus der einstigen Staatskasse in die Schweiz transferiert hat. Aber leider bin ich nur sein Zombie, vielleicht, und meine Ehemaligen gehen ziemlich leer aus.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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