“Oasis of the Seas”: Haiti schottet sich ab

Oasis-of-the.Seas-10

Datum: 06. Dezember 2009
Uhrzeit: 08:17 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Oasis-of-the.Seas-10Es ist Freitagabend, ich sitze immer noch in Cap Haitiern im Hotel und warte auf Verbindung. Die kam gestern gegen 22 Uhr, 10 p.m., nach acht- und zwölfstündigem Bemühen, und ich konnte endlich meine Kolumne übermitteln. Und heute früh, bei der nächsten Verbindung, konnte ich wenigstens im e-Mail die Bestätigung lesen, dass der Artikel angekommen sei drüben und laufe. Ein Wunder. Denn heute saß ich wieder im Hotel fest und versuchte vergeblich. Hier am Ende der Welt ist alles ein bisschen komplizierter, und es kostet Geduld.

A propos Verbindung, nur wenige Journalisten sitzen hier, im Nobelhotel, und warten auch – oder es ist ihnen verleidet und sie sind wieder ausgezogen. Ich habe mir das auch überlegt, den Rückflug vor zu verschieben, dann hätte ich wenigstens wieder Verbindung, aber ein Tag wäre verloren. Der Hotelmanager ist auch bestürzt, so was sei noch nie vorgekommen. Am Hotel fehle es nicht, der Unterbruch sei wohl beim Local Provider. Ich frage mich, ab dies wohl Absicht sei, um die großen Journalisten auf dem Schiff bei Stimmung zu halten und die missliebigen abzustellen. Die Hunderte von Großen dort werden ja kaum unter dem gleichen Problem leiden. Doch Schwamm drüber, man muss ja nicht gleich paranoid werden.

Aber das ist nicht alles, heute fehlte bis gegen Mittag auch der Strom, hier im besten Hotel. Und bis der wieder kam, war die Internet-Verbindung out… Ich kann die Zeit trotzdem nutzen, habe in jeder Situation zu wenig davon. Vor dem Hotel ein steiler Stutz, ein Morne auf kreolisch, da baute ein mir unbekannter Alterskollege einen Unfall, der auch ein Bildchen gegeben hätte – aber das geht am Thema vorbei. Der arme Mann wollte sich das ordentliche Anlassen des Motors ersparen und den Hotelstutz zum Anrollen missbrauchen, aber er wusste offenbar nicht, dass ohne laufenden Motor die Bremsen versagen. So endete seine Reise kaum 13 Meter vor dem Hoteleingang mit einem riesigen Salto, zum Glück nicht Mortale, der Wagen landete auf dem Dach, mit Scheiben-, er selbst mit Knochenbrüchen im Spital. Das hätte noch schlimmer enden können.

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Ich wollte aber nicht über Autos, sondern über Schiffe schreiben. Über Boats und ihre People, auf gut deutsch. Die haben sie draußen stehen lassen, hinter den großen Maschenzäunen. Hier stehen die einstigen Boat People mit ihren Booten, um in diesen Tagen lokale, von außen vorgedrungene Touristen mit ihren Motor- und Ruderbooten in die Nähe des neuesten und zweitgrößten Schiffes zu bringen, soweit dass die Schwerbewaffneten zulassen. Die beherrschen dato die Welt.

Auch wir nehmen einen der Schaluppenkapitäne in unseren Dienst und knattern über Wasser und ein bisschen an das Riesending ran und darum herum. Es ist schon eindrücklich, die hohen, überhängenden Wände zu sehen mit den hunderten von Kabinen, jede mit einem eigenen, möblierten Balkon, auf dem teilweise ameisenhafte Passagiere zu erkennen sind. Und ameisenhaft wirken die endlosen Kolonnen von Fußgängern, die das Schiff verlassen und über den extra gebauten Peer ans Land spazieren. Teils vollgemästet zum Zerspringen, teils in Rollstühlen oder durch quirlige Kinder behindert. Sie alle werden sich wohl unbändig freuen, in einer Viertelstunde festen Boden unter den Füssen zu haben. Haitianischen Boden, wie die Cleversten wohl indessen erfahren haben – vorher hat man ihnen ja stets vorgelogen, auf einer US-amerikanischen Insel zu sein.

Aber Haiti oder die Dominikanische Republik sehen die nur von weitem. An Land die Souvenirläden, Hot-Dog- und Hamburgerstände (damit sie auch etwas einheimisch Kulinarik mitbekommen), und für die Kids ein paar Barbie-Puppen. Die Großen Kids haben ihre eigenen Spielzeuge entdeckt. Gruppenweise rasen sie in gemieteten Wave-Runnern und ähnlich über die See, versammeln sich von Zeit zu Zeit für einen Augenblick, um dem Unsinn zu lauschen, den der offensichtliche Gruppenleiter über ein Megaphon verbreitet, und rasen dann wieder mit heulenden Motoren davon. Bisher waren es wenigstens die einheimischen Schaluppenkapitäne gewesen, die mit interessierten Touristen eine kleine Buchtrundfahrt machen oder diese vom Kreuzfahrtsschiff an Land bringen durften. Unsere Begleiter beklagen sich, dass jetzt auch diese letzte, kleine Verdienstmöglichkeit im Eimer sei, da der neue Peer einen Spaziergang zum Land zu Fuß ermögliche. Sie beklagen sich, dass Royal Caribbean vor Eintreffen der Oasis verbrannt habe was nicht neu angeschafft und brennbar wäre, Möbel, Zeltstände, sogar Fahrzeuge, alles Dinge die die Einheimischen dringend gebraucht hätten. Aber sie warteten vergeblich auf ein Geschenk, man zünde das lieber an als etwas zu verschenken. Jetzt seien sie auch noch arbeitslos, und ihre Boote werden verfallen. Sie wissen noch nicht, wovon sie morgen leben werden.

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Oben auf einer Bergspitze ist eine Aussichts-Tribüne aus Leichtmetall konstruiert, der Taxidriver kennt den Weg und bringt uns hin. Der Punkt ist durch hunderte von Blauhelmen abgesichert, und auch Panzer und Ambulanzen sind im Gebüsch versteckt. Man könnte meinen, Ben Laden sei ausgebrochen, aber der ist ja noch gar nicht gefasst… Aber auch seine Terroristen könnten hier eine klammheimliche Raketenbasis schussbereit halten.

Die Touristen kommen mit einer Art eigens konstruierter Kettenbahn in atemberaubendem Tempo heraufgeschossen, richtig amerikanisch. Die Bahn macht einem Rummelplatz alle Ehre, aber auch hier ist kein Durchkommen. Es ist fast wie mit Raubtieren im Zoo, die Sicherheitsdistanz zwischen den Touristen und uns Außenstehenden wird auf mehrere Meter gesichert.

Fotografieren von Touristen ist verboten, sich Touristen nähern ist verboten, mit Touristen sprechen ist verboten. Auch die touristischen Einrichtungen wie Seilbahn und Tribüne zu knipsen ist verboten, ich möchte ja lediglich den Super-Tiefblick auf die Bucht mit der Oasis-of-the-Seas aufnehmen, aber der Zugang zu allen Aussichtspunkten ist auch verboten.
Ich entdecke einige günstige Ausblicks punkte nebenan und möchte hin, um ein Foto von dem Schiff zu knipsen. Das ist auch verboten, das Gebüsch ist voll von Uno-Soldaten, und überall hindern mich Gewehre am Durchkommen. Auch eine nette Sicherheitsoffizierin, mit der ich diskutiere ( obschon das natürlich auch verboten wäre , kann das nicht ändern – sie hätten ihre Befehle. Die Dame kommt aus Montenegro und darf ihren Sicherheitsjob 6 Monate lang leisten.

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Einige nette Blauhelme erlauben mir erstaunlicherweise, ihre Fahrzeuge zu knipsen, auf die haben es Terroristen ja kaum abgesehen. Trotzdem bin ich jetzt froh, nicht über Presseausweis und Zulassung zu verfügen, denn dann hätten wir vermutlich zwar eine gute Verbindung, aber wir würden in der Journalistenherde geführt und müssten aufnehmen und schreiben, was die da sagen. Sie sagen dem Pressefreiheit. So haben wir doch noch ein bisschen mehr Freiheit gefunden und ich kann wenigstens schreiben, was mir passt.

Mehr oder weniger unverrichteter Dinge ziehen wir wieder ab mit unserem Taxi und versuchen, heil bergab zu rutschen und nicht in den metertiefen Regenrinnen stecken zu bleiben.

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wandere aus, solange es noch geht

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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