Haiti: Aus Schlammschlacht wird Wahlschlacht

Wyclef-Rara-10-08-16

Datum: 01. Oktober 2010
Uhrzeit: 09:26 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Diese Woche hat die Wahlkampagne begonnen. Am 28.November wird entschieden, wer von den 850 Kandidaten einen der 99 Abgeordnetenposten, wer von den 95 Bewerbern einen der 11 Senatorensessel und wer von den 19 Präsidentenkandidaten Führer des Landes wird und die Präsidentenschleife tragen darf. Zur Zeit der Vorselektion gab es noch einen Hoffnungsträger, ich zitiere mich selbst:

„Der bekannteste Sänger der Karibik, Wyclef Jean, wäre wohl der einzige Präsidentschaftskandidat, der über alle Voraussetzungen verfügt. Er spricht alle wichtigen Sprachen, verfügt über eine akademische Bildung, kennt das Armenhaus Haïti aus dem FF und der eigenen Familie, hat unzählige Werke und Stiftungen geschaffen, verfügt über internationale Beziehungen und wohl als einziger Kandidat die Sozialkompetenz, auch mit sämtlichen Randgruppen zu verkehren und sogar Frieden zu stiften. An Popularität hätte er selbst den „unbesiegbaren“ Aristide übertroffen, aber wie dieser damals, so ist heute Wyclef dem Establishment ein Dorn im Auge“.

Wäre er zur Wahl zugelassen worden, wäre ihm der Sieg in den Schoss gefallen. Denn kein anderer Kandidat verfügt über seinen Bekanntheitsgrad. Und auch nur annähernd die Fähigkeit, die Massen zu motivieren. Statt einer Zigarette einen Flächenbrand zu entfachen. Und politische Ruhe, Friede und ein Minimum an Motivation der Bevölkerung wären gesichert gewesen. Eine behauptete Unfähigkeit, den schwierigsten Präsidentenjob der Welt auszufüllen, wäre bei so viel internationaler Spezialistenpräsenz belanglos gewesen. Die wird in jedem Fall bleiben, ohne 5-Jahres-Limite, und sich um Problemlösungen bemühen. Der Präsident ist ohnehin nur eine Strohpuppe zum Repräsentieren, gleichgültig wie er auch heißt.

4,5 Millionen Wähler, die größtenteils in Zeltlagern und provisorischen Unterkünften, fern der ursprünglichen Heimat leben, sollen ihre Führer wählen. Das dramatische Erdbeben machte die Hilflosigkeit „Ti-Renes“ (Klein-Renés) deutlich. Das Sagen hatten Ausländer. Eine Rede an die Nation hielt er nicht. Auf Besuche in den Elendsvierteln verzichtete der Familienvater ebenfalls. Der Flughafen wurde von amerikanischen Truppen kontrolliert. Préval saß dabei, huschte durchs Bild, hörte zu, nickte. Der sonst schweigsame Präsident hat sich am Sonntag immerhin zu einer Aussage hinreißen lassen, er hoffe dass die bevorstehenden Wahlen nicht zu einer Schlacht ausarten würden. Er befürchtet während zwei Monaten zunehmende Unsicherheit und Wahlmanipulationen. Da er bereits zweimal fünf Jahre lang geamtet und damit für Haiti einen Rekord aufgestellt hat, kann er sich laut Verfassung nicht mehr zur Wahl stellen. Préval hat das nachlassende Interesse der Bevölkerung an den Wahlen mit dem Heimatverlust der Wähler begründet, die sich in der neuen Umgebung noch nicht zurechtgefunden hätten. „Die Teilnahme an Wahlen ist nicht das erste Bedürfnis notleidender Menschen.“ In tausenden von Lagern sind mehr als 1,3 Millionen Obdachlose zusammengepfercht, sie stehen Schlange um eine Wählerkarte zu erhalten. Aber die Bürger sind unschlüssig. Sie sehen unter den vorgeschlagenen keinen Kandidaten ihrer Wahl. Wyclef wäre einer gewesen; er ist nicht mehr im Rennen. Nun fürchtet Préval eine schwache Wahlbeteiligung – eben eine selbst verschuldete. Etwa wenn man sich an sein Verhalten gegenüber dem populärsten Kandidaten, Wyclef Charles erinnert. Wer hat denn schon etwas anderes erwartet?

Der Entschluss einiger Parteien, die Wahlen zu boykottieren und der Mangel des Provisorischen Wahlrats an Glaubwürdigkeit und Vertrauen beunruhigen die Weltgemeinschaft. Ban Ki-moon wird von haitianischen Gesellschaftsgruppen direkt angeschrieben und gebeten, seinen Einfluss geltend zu machen, um neue Blutbäder zu verhindern. Trotz allem: für die internationale Gemeinschaft sind die Wahlen „technisch möglich“, 9 Monate nach dem Erdbeben. Die OEA ( Organisation der amerikanischen Staaten ), die CARICOM, der Gemeinsame Markt der Karibischen Länder beabsichtigen die größte Wahlbeobachtungsaktion der Geschichte zu inszenieren. Die Geberländer haben ein 29-Millionen-Budget für die Wahlen eingesetzt, die sie demokratisch und transparent durchführen möchten. René Préval hat das Personal der Wahlbüros in eigenen Seminaren ausbilden lassen. Er befürchtet am Wahltag grössere Ausschreitungen. „Unsere Polizei ist zahlenmäßig ungenügend; weniger als 10’000 für 8 Millionen Einwohner, und die Streitkräfte der UNO welche uns auch helfen sprechen weder Kréol noch Französisch“. Die zunehmenden Sicherheitsprobleme sprechen ebenfalls nicht für die Zufriedenheit des breiten Volkes.

Item, der Startschuss für die Wahlen vom 28.November ist gefallen, unter einem zweifelhaften Sicherheitsniveau und drohenden Problemen.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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