Köhlerei ist die Mordwaffe Nr.1 in Haiti

Kohlebarke

Datum: 09. Oktober 2010
Uhrzeit: 04:54 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Dabei meine ich nicht die paar tausend Grillunfälle, die jedes Jahr in den entwickelten Fressländern passieren, und die ebenso vielen Verbrennungsunfälle beim Holzkohlekochen in den Zeltlagern der Flüchtlinge, nein, ich meine die Folgeschäden, die im ganzen Lande entstehen und tausenden das Leben kosten. Vor ein paar hundert Jahren wurde Haiti als „Perle der Karibik“ bezeichnet, die Berge waren in prächtige tropische Regenwälder eingehüllt, eine einmalige Flora und Fauna dudelte und quakte, flötete und zirpte aus den gigantischen Blätterkronen. Die Urwälder hatten eine bedeutende reinigende und ausgleichende Funktion; bei Regen hielten sie das Wasser zurück und gaben es Portiönchenweise wieder ab, so dass Trockenzeiten gar nicht richtig entstehen konnten.

Einige Nachbarinseln, wo man den Wert dieser Lebewelt für Zukunft und Touristen rechtzeitig erkannt und in Nationalparks geschützt hat, wurden dadurch zu Touristenmagneten, und die Fremden bringen im Dauerstrom Arbeit und harte Dollars her. Dabei ist das Rezept so einfach und heute noch gültig: jeder gefällte Baum muss durch einen neuen Setzling wettgemacht werden. An sich eine Selbstverständlichkeit, die schon den Vorfahren unserer Schweizer Bergler bekannt war. Und die es nicht glaubten, mussten dafür teuer bezahlen: es waren Lawinen- und andere Folgeschäden, die den Völkermord erledigten.

An allen Küsten sieht man täglich die Schiffe vorbeisegeln, die von entfernten Gefilden kommen, beladen mit hunderten von Holzkohlesäcken, die sie in die Stadt und auf die Märkte tragen. Holzkohle war und ist – besonders für die ärmeren Massen – Haitis wichtigster Brennstoff. Um sie zu erzeugen, wurden die Bergländer radikal ihrer Wälder beraubt. Unausweichliche Folge bei den typischen, tropischen Sturzregen ist eine jedes erträgliche Maß übersteigende Bodenerosion. Hier auf der Insel wurden die Hölzer verkauft und verkohlt, und man ließ in ganzen Gebirgen keinen einzigen Baum mehr übrig.

Jetzt fehlte die ausgleichende Wirkung der einstigen Urwälder, die Tropenstürme hatten freien Zutritt und schwemmten jede Erdkrume talab, tiefe Erosionskerben hinterlassend, die keine Anbauflächen und keinen Humus mehr boten, Ackerbau war nicht mehr möglich, und gerade in Berggebieten sind Kinder zu hunderten verhungert. Dank der Klimavorzüge hat sich hie und da noch eine gewisse Sekundärvegetation gebildet, etwa in den Tälern, wo sich Erdreich ansammeln konnte. Es entstanden auch neue, aber minderwertige Bäume und Sträucher, die auch wieder abgeholzt und verkohlt wurden, bevor sie sich entfalten konnten. Ganze Gebirge sind verwüstet und verkarstet. Auch Verkehrswege werden beschädigt oder weggeschwemmt, und es kommt zu Dammbrüchen und Überschwemmungen, Erdschlipfen und -lawinen, Hochwasser in den Flüssen und Überschwemmungen in den Ebenen, denen oft tausende von Menschen zum Opfer fielen.

Heute versucht man durch teure Bach- und Hangverbauungen, Terrassierung der Kulturflächen und Wiederaufforstung mühsam von vorn zu beginnen. Es wird versucht, die Jugend naturbewusst zu erziehen, und neue Volksbräuche wurden geschaffen, etwa dass man am schulfreien 1.Mai in die Berge wandert und einen neuen Baum pflanzt. Der schlimmste Mörder ist aber die Köhlerei, wie man die Holzverkohlung bezeichnet. Sie ist sogar eine Waffe zum langsamen Selbstmord des ganzen Volkes.

Holzkohle ist ein idealer Brennstoff und entsteht, wenn Holz unter Luftabschluss erhitzt wird. Hier in Haiti werden die getrockneten Holzstücke dazu mit Grünlaub und zuletzt mit Erde zugedeckt und geglüht. Als Rückstand entsteht 1/3 Holzkohle, 2/3 des Holzes sind verbrannt und verloren. Die Holzkohle schlägt beim späteren Verbrennen keine Flammen und brennt mit einer höheren Temperatur als Holz, und wird so zum beliebtesten Brennstoff zum Kochen, drüben in Europa zum Grillen. Dabei werden oft Brandbeschleuniger eingesetzt, die explodieren können, es kommt auch zu Stichflammen, beim Grillen und beim Holzkohle-Kochen. Leider gibt es keine vernünftige oder sogar beliebte Alternative zu Holzkohle als Energielieferant, und so werden weiterhin Bäume gefällt und alles Holz wird verkohlt, das sich bietet.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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