Aus der Hölle in die Hölle: die 33 bestraften Kumpel in Chile!

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Datum: 17. Oktober 2010
Uhrzeit: 14:29 Uhr
Ressorts: Editorial
Leserecho: 3 Kommentare
Autor: Dietmar Lang
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► Medialer Präsident organisiert Megashow auf dem Rücken der "Los 33"

Mitnichten ist das Leben der 33 Kumpel in Chile derzeit schlechter als in den vergangenen zwei Monaten. Aber das Paradies auf Erde ist die wiedergewonnene Freiheit mit Sicherheit auch nicht. 69 Tage hatten sie unter Tage ausgeharrt, über zwei Wochen wussten sie nicht einmal, ob noch nach ihnen gesucht wurde. Als der erste Bohrkopf den geräumigen Hohlraum erreichte, in dem sie sich inzwischen eingerichtet hatten, war die Freude grenzenlos. Nun gab es wieder Hoffnung, nun lohnte sich das Über- und Weiterleben.

Mit der Zeit kamen immer mehr moderne technische Errungenschaften in die Tiefe des Berges. Videokonferenzen, Fussballübertragungen, Liebesbriefe, aber auch Impfungen, Duschen und sogar Geburtstagskuchen wurden durch den engen Versorgungsschacht die 624 Meter hinunter transportiert. Als die erste Kamera im stickig-schwülen Gefängnis ankam, wussten die Kumpel bereits was ihnen blühte. Als sie immer öfter mit ihren Angehörigen kommunizieren konnten und dadurch auch von der weltweiten Anteilnahme erfuhren, haben sie jedoch mit Sicherheit nicht mit einer solch medialen Rettungsaktion gerechnet wie sie dann durchgeführt wurde.

Doch das Schicksal lässt sich nicht aufschieben. „Phoenix 2“ wurde unter den Augen von mehr als 2.000 Journalisten und hunderten von Millionen Fernsehzuschauern zur Rettung ausgesandt, oben erwartete die Kumpel das Staatsfernsehen samt Staatspräsident. Der Milliardär Sebastián Piñera, gleichzeitig Anteilseigner eines privaten TV-Senders liess ein Spektakel inszenieren, welches wohl durchdacht, wenn auch mehr als übertrieben erschien.

Keiner war omnipräsenter als er. Vor der Rettung ein Pressestatement, nach der Rettung des ersten Kumpels ein Pressestatement, nach der Rettung des letzten Kumpels ein Pressestatement, im Krankenhaus ein Besuch bei den Kumpels inklusive Pressestatement. Der präsidiale Haus- und Hoffotograf wich nicht von seiner Seite, auf der Präsidenten-Webseite lief mehr als 24 Stunden das Livevideo, der Server brach unter der Last zusammen. Wer keine bewegten Bilder sehen konnte, dem blieb zumindest das Fotoportal Flickr, auf der die Regierung von der Rettung eines jeden Kumpels exklusive Bilder veröffentlichte.

Denn obgleich die grossen TV-Stationen und Nachrichtenagenturen für teures Geld ihre Korrespondenten in die abgelegene Atacama-Wüste schickten, sie alle mussten sie zumindest während der Rettungsaktion mit den Häppchen begnügen, die ihnen Pinera hinwarf. Keiner war näher am Bohrloch, keiner im Krankenhaus, keiner durfte die Kumpel auf der Trage bedrängen. Dies machten Chile-TV & Co. Und so unterschieden sich die Livestreams auf N-TV, Globo News, CNN oder 24 Horas nur durch die Einblendungen und die sich ewig wiederholenden Kommentare, wie denn so eine Rettung vonstatten geht.

Spitze Zungen haben in den vergangenen Tagen schon behauptet, man würde sich das chilenische Staatsoberhaupt zukünftig gedanklich stets der roten Jacke vorstellen, die er beim Ausharren am Rettungsschacht trug. Und sie haben mit Recht angemerkt, dass nicht Chile sondern nur der mediale Präsident erst einmal von der „Befreiung“ profitieren würde. Ersteres hätte es sowieso nicht verdient, da ausschliesslich technische Mängel und Verantwortungslosigkeit erst das Unglück verursacht hätten. Und letzterer trägt den „Wir-unternehmen-alles-Menschenmögliche-Sieg“ nun für sich hinaus in die Welt. Gedenkstein für Queen Elizabeth II. und vielleicht auch Angela Merkel inklusive.

Und die Kumpel? Nach 69 Tagen Hölle unter Tage nun vermutlich eine weitaus längere „Hölle auf Erden“. Dort unten waren sie zwar einsam und eingeschlossen, hatten allerdings auch ihre Ruhe. Und nun? Belagert von den Journalisten, die sie ja aufgrund der präsidialen Absperrung am „D-Day“ erst jetzt zu Gesicht bekommen, flüchten sie nach ihrem „Schichtende“ zu den Familien, verbarrikadieren sich in ihren Häusern oder gehen für die kommenden Wochen in noch abgelegenere Regionen des Andenstaates. Und werden auf Schritt und Tritt von Paparazzi verfolgt.

Der Medienrummel zeigt erste Auswirkungen, manche der Bergleute machen bereits ihrem Ärger Luft. Denn berühmt fühlen sie sich nicht und wollen es auch nicht werden. Sie wissen, dass in 6 Monaten kein Mensch mehr interessiert, was aus ihnen geworden ist. Chiles „Los 33“ versus Warhols „15 Minutes“.

Die Kumpel plagen andere Sorgen. Sie sind arbeitslos, ihre Firma wurde wegen Unfähigkeit geschlossen, das Vermögen eingefroren. Klare Ansagen seitens der Regierung gibt es nicht. „Chile ist geeinter, stärker und besser gewappnet für Zukunft“ so Piñera mehr als stolz, die Bergleute können sich davon nichts kaufen. Sie wollen weder TV-Shows moderieren, noch Autogrammstunden geben. Vermutlich wollen sie auch nicht den Einladungen nach Griechenland oder Jamaika folgen. Ich denken, sie wollen einfach normal arbeiten, in Ruhe gelassen werden, zurück zur Normalität finden.

Den Weg aus der Hölle ins Licht finden. Ohne Designer-Sonnenbrillen, die natürlich keinesfalls ihre Augen vor dem so lange ersehnten Tageslicht schützen sollten. Nur vor den Scheinwerfern und Biltzlichtern der Medienmeute, die ihnen derzeit mehr die Luft zum atmen nimmt als der dunkle Höhlenschlund tief unter der Erde.

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Die Kolumne von latinapress Herausgeber Dietmar Lang – Gedanken und Erfahrungen über das Leben in Lateinamerika und der täglichen Berichterstattung von Nachrichten aus Südamerika und der Karibik.

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  1. 1
    Chris

    Ok , die Brillen waren eine Empfehlung der NASA die auch die Rettungskapsel und den Diátplan entwickelt hatte.
    Das der Minenbetreiber nach einer Anzahl von Verstössen gegen die Sicherheitsbestimmungen und Zulassungen nun ersteinmal zur Rechenschaft gezogen wird ist auch klar . Ein wichtiger Punkt dabei ist Beispielsweise das diese Mine nur bis zu 400 Meter betrieben werden durfte ,die Kumpel aber bei fast 700 m eingeschlossen wurden.
    Das Piñera dabei die wirtschaftlichen Gesichtspunkte voll ausschöpfte bevor es andere machen ist auch klar , aber er machte es sher gut . Die gesamte Bevölkerung verfolgte es am Bildschirm und feierte nachdem auch der letzte aus dem Loch stieg, was ist daran so schlimm ? Wäre es besser gewesen CNN die Rechte zuüberlassen ¿¿¿ Andererseits hatte dieser Medienrummel zur Folge das nicht geschlammt werden durfte ! Alle Hilfs-und Rettungsmittel waren in ausgezeichnetem Zustand, konnten also allen kritischen Beobachtungen stand halten.
    Was ich nicht verstehe ist das Du einerseits sagst das die Kumpel sich nach Schichtende verbarrikadiren müssen , aber andererseits arbeitslos sind ……was denn nun ¿?

    • 1.1
      Dietmar Lang

      Mit „Schichtende“ war die Rettung gemeint. Ihre „Schicht dauerte 69 Tage“. Nun flüchten sie zum einen vor den Medienvertretern (die Kumpel wohnen ja alle dort) und gleichzeitig ist die Mine dicht. Kein Gehalt, nada. Wenn sich in 1-2 Wochen der Rummel langsam legt, dann müssen sie auch gucken wie es weitergeht. Und mit Sicherheit haben die Familien schon genug an Geld ausgegeben, um vor Ort zu sein im „Hoffnungscamp“. Das muss man praktisch sehen, da ist viel Erspartes aufgebraucht oder da sind Schulden gemacht worden. Die zahlt ihnen auch niemand zurück.

      Sie werden also schon dadurch förmlich gezwungen, die „Berühmtheiten“ spielen, damit ein bisschen Knete reinkommt. Du wirst sehen. Denk‘ an meine Worte.

      Und beobachtet den Präsident, was er noch so alles macht, ausser Steinchen zu verschenken. Noch nicht einmal die Finanzierung der Rettung ist geklärt. Ob da jetzt Regierung da jetzt erstmal in Vorleistung getreten ist oder andere Firmen was gesponsert haben, mal unberücksichtigt. Letztendlich ist die Geschichte wie immer ein reiner Versicherungsfall. Und da interessiert die emotionale Aufbereitung der Rettung nicht im geringsten.

  2. 2
    Lindau Metz

    ich lebe jetzt schon über 3 jahre in Chile und bin entsetzt über den egoismus, rassismus und terrorismus der sogenanten Chilenen!! sie wollen vor der welt als gute menschen darstehen, quälen, unterdrücken und berauben aber die eigentümer dieses landes,die ureunwohner,brutal! das schlimmste was man ihnen aber antut ist die zerstörung ihrer geliebten erde, eben patscha mama. darunter leiden sie am meißten! sie müßen mit ansehen wie ihre wunderschönen nativ bäume abgeholzt werden und ausländische investoren schnell wachsende eucaliptus und pinien anpflanzen. schnelles geld, es findet ein ausverkauf dieses einst schönen landes statt!! wer geld hat kauft land und gleich die wasserrechte mit dazu. ein einfacher campesino hat kein geld um sich seine wasserrechte zu erkaufen. die schlimmsten, von denen man es nicht erwartet, sind die beiden bösen religionen: katoliken und juden! denen ist es sch…egal ist ob Mapuche oder andere tag für tag nacht für nacht leiden. hauptsache sie werden reicher, reicher und immer mehr reicher! mit dem gott der liebe haben die nichts zu tun! macht und geldgier. sie sind die gesellen des Satans!!!

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