1. November in Haiti: Der Tag von Baron Samedi

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Datum: 30. Oktober 2010
Uhrzeit: 15:33 Uhr
Leserecho: 2 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Der 1.November ist der Tag der Heiligen, der Tag der Verstorbenen, hierin Haiti, dem Nachbarstaat der Dominikanischen Republik, ist „Jour des Morts“, der Tag von Baron Samedi, in Kréol samdi geschrieben. Dieser ganz besondere Tag beeindruckt nicht nur in christlichen und katholischen Gegenden und Gemeinden, sondern allenthalben, durch sein meist althergebrachtes Brauchtum. 2003 hat ihn deshalb die UNESCO weltweit zum Tag der Toten erklärt und damit den Schutz des „immateriellen Erbes der Menschheit“ festgeschrieben. Es ist nicht verwunderlich, dass in Haiti, dem „primitivsten“ Land der Westhalbkugel, die Riten am seltsamsten sind. Dieses Jahr ganz besonders, nach den Hunderttausenden von Erdbeben-, Hurrikan- und Cholera-Toten. Eigentlich hatte ich vorgesehen, an diesem Tag die Nekropole der Prinzenstadt vorzustellen, mit ihren luxuriösen und manchmal mehrstöckigen Totenhäusern, die den Prunk für Häuser der Lebenden weit übertreffen. Aber wegen der zurzeit stündlich weiter explodierenden Cholera verschiebe ich dieses Vorhaben auf nächstes Jahr.

Ich habe ja schon in meinem Artikel Baron Samedi, Herrscher der Friedhöfe. Tanz mit den Untoten, den Zombies erzählt, was es mit diesem besonderen Tag für eine Bewandtnis hat, und dass der erste Verstorbene, der in einen Friedhof einzieht, automatisch Baron Samedi wird, für heute der absolute Herrscher über alle Friedhöfe ist. Er ist der dunkle Totenboss. Seit Monaten habe ich an einem Buch geschrieben, das heute, 31.Oktober 2010, gerade fertig wurde. Vor dem Abschicken fehlte nur noch das Bild für den Bucheinband, und das wollte ich aufnehmen, in einer höheren Qualität als ich es fürs Internet schon hatte. So fuhr ich trotz Choleragespenst hinunter in die Stadt, an übervölkerten Zeltlagern, schrecklichen Ruinen und endlosen Schuttfeldern vorbei, mitten ins Chaos, wo die noch stehenden Mauern vollgemalt sind mit Eindrücken der Künstler, das sind sie ja alle. Hier haben eben auch die Mauersprayer noch ihre Freiheit, und es muss nicht alles „sauber“ sein wie bei uns. Mit Cholera hat diese „Unsauberkeit“ rein nichts zu tun. Man müsste eher sagen Tag der Untoten, der Zombies, der Hohlhäute, der wieder zum Leben Erweckten, der ihrer Seele Beraubten, Seelen- und willenlosen Wesen, die tanzen heute auch.

An diesem Tag pilgert Ghede, der Gott des Todes und der Fruchtbarkeit, in die Welt der Lebenden, in die Realität. geködert von Houngans und Mambos – Voudou-Priestern und Priesterinnen -, mit Musik, Fetischen wie Totenschädeln und anderem höllisch bis himmlischem Zaubertand. Deshalb heißt der Tag auf Kreolisch „Jou Gède“.

Das Bild, auf das ich es abgesehen habe, zeigt einen Rada-Altar aus einer Voudou-Zeremonie, mit Kreuz, Totenschädel und weiterem einschlägigen Zaubertand neben einem brennenden Feuer. Das Straßenbild heißt bei den Einheimischen „Baron Samedi“ und scheint dem in den Beilagen beschriebenen Friedhofherrscher gewidmet zu sein. Während Melissa im Auto bleibt und eine unannehmbare Verkehrsstörung vermeidet – denn der „Verkehr“ auf der Route de Delmas ist unbeschreiblich und müsste eher als Verst a nd oder noch besser als Unverstand bezeichnet werden -, nehme ich mein Zielobjekt, das „Graffito Baron-Samedi“ ins Visier. Als Blanc (Weißer, nach landläufiger Vorstellung Münzstreuer) komme ich selber sogleich ins Visier der Cocorats, der Straßenschlingel, die natürlich überall vorhanden sind, wie Cholera-Bakterien. Und mich gleich umringen und bedrängen.

Am interessantesten ist meine Kamera, die man mir aus der Hand reißen und entleihen will, man offeriert mir auch, sie neu zu programmieren (…..!) oder zu reinigen. Man bittet mich auch unbescheiden um eine halbe Million US$ und um ein neues Haus, ich muss antworten, ich hätte selber keines mehr. Und ein Kerl will mich nach Gresye begleiten um mein einstiges „Haus“, heute ein riesiger Schutthaufen, abzukaufen, er biete mir Barzahlung. Am unheimlichsten der Typ, den meine Begleiterin als Houngan erkennt, der erklärt mir dass Baron Samedi hier wohne, wie gefährlich der heute sei, und dass er sich auskenne und mich gegen einen Kostenbeitrag schütze. Dazu umklammert er fest meinen Arm und streckt ihn schließlich hoch in die Luft, begleitet von wirren Zaubersprüchen. Melissa sagt, er habe für mich gebetet, doch ich reiße mich schließlich erfolgreich los und suche das Weite und dann ein Fass mit Wasser, Hände waschen, hoffentlich war das Wasser sauberer als die Hände des Houngan.

An den einheimischen Fernsehstationen mobilisieren Spots gegen die Cholera, die diejenigen der Präsidentenwahl verdrängen und auch vom Staat geboten werden. Einer davon zeigt jemand, der sein Gegenüber grüßen und ihm die Hand geben möchte. Der freundlich Begrüßte dreht sich weg und weist die höfliche Hand zurück mit der Bemerkung, Händedrücke dürfe man zurzeit nicht mehr verschleudern.

Das reiche traditionelle Brauchtum um die Toten beginnt in allen Religionen meist schon am Vorabend, dem 31.Oktober und dauert bis am Abend des 2.November. Halloween hingegen ist kein alter Brauch, sondern eine typisch amerikanische Verhunzung, deren Ausbreitung es zu verhindern gilt. Stattdessen beginnt man auch in anderen „entwickelten“ Ländern immer mehr, Halloween zu spielen, selbst in der Schweiz.

Die Cover zu meinem Buch sind nun im Kasten, und das ganze Paket geht noch heute ab übers Internet, an den Verlag. Begleitet von den besten Wünschen von Baron Samedi.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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  1. 1
    Chris

    Na dann viele Glück beim Verleger…

  2. Danke, kann’s brauchen !

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