Cholera in Haiti: Ihr Nährboden sind die Slums, die Zeltlager und die Trümmer

Cholera-7

Datum: 14. November 2010
Uhrzeit: 19:17 Uhr
Leserecho: 1 Kommentar
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

In der Schule und zum Zeitvertreib haben wir in der Jugend Bakterien gezüchtet, viele sind harmlos, es gibt sogar nützliche. Das macht man in flachen Glasschalen mit Deckel, sogenannten Petrischalen. Dahin füllt man eine geeignete Flüssigkeit, man sagt dem „Nährboden“, und hält das Mini-Aquarium bei erhöhter Temperatur. Man impft das Gärtlein durch Berühren mit einem geeigneten Keim, solche finden sich überall, bestaunt anschließend das entstehende kaleidoskopartige Gebilde, seine leuchtenden Farben und skurrilen Formen, und besonders das rasche Wachstum. Die Bakterien selber sieht man nicht, sie sind zu klein, aber da sie sofort zu Millionen und Milliarden explodieren, erzeugen sie bestimmte Formen und Farben. Allein daran kann man die Art der Mikrobe bestimmen. Es gibt solche die herrliche Lebensmittel generieren, etwa Roquefort und Wein, nicht etwa nur Seuchen.

Die Seuchen finden ihren Nährboden in den Slums, den Zeltlagern und den Trümmern, denn dort gibt es die drei Unentbehrlichen, ohne die keine Mikroben leben kann: Nahrung, für uns Schmutz, Feuchtigkeit und Wärme. Gegen letztere beiden kann man nicht viel machen, wenigstens in den Lagern, aber gegen den Schmutz kann man sauber sein, vor allem an gefährdeten Orten. „Lave main ou“, Hände waschen, lautet deshalb die Botschaft, von den präsidialen Rednerpulten über die Fernsehschirme bis zum Scherbeln der Megaphone im Vorfeld der Lager, von Lautsprecherwagen und Kirchenkanzeln. Und sie schreit zum Himmel, in den wahrscheinlich schon 1000 Choleratote umgezogen sind, Hospitalisierte in fünfstelliger Zahl. und die 9 Millionen Glücklichen, noch Gesunden, haben noch die Chance, eine Weile draußen zu bleiben.

Die unheimliche Krankheit breitet sich seit dem ersten Auftreten vor vier Wochen unentwegt aus. Besorgnis bereitet die Tatsache, dass sich jetzt Fälle unter der ansässigen Bevölkerung in Port-au-Prince zu häufen beginnen. Schon gibt es im großen Armenviertel Cité-Soleil einen ersten Todesfall, Inoffizielle Schätzungen sind höher. Unten in Delmas sollen Leichen an der Strasse aufgereiht sein, wie seinerzeit beim Erdbeben, und im Radio hörte ich vom Spital Hinche, das wieder Plastiksäcke sucht um die Toten zu entsorgen. Das Fernsehen berichtet, dass allein in der schwergeprüften Stadt Gonaïves 31 menschliche Kadaver eingesammelt wurden.

Vorhin hätte es in Delmas wieder gebebt, es kamen Handy- und Radio-Warnungen, Betonhäuser unverzüglich zu verlassen. Auch ich war eine Stunde draußen und bin soeben zurückgekehrt, zum Glück blinder Alarm. Oder doch nicht, denn die Beben rumorten, drei an der Zahl, aber „nur“ mit Stärke 4.4. Gestern dasselbe in Kfou, man weiß nicht mehr was ernst zu nehmen und was Panik ist. Dass die Dominikaner derweil ihre Grenzmärkte offen und Informationen über Erkrankte zurückhalten, habe ich schon in den letzten Tagen geschildert, man ist sich solches skandalöse Verhalten dort drüben gewöhnt. Das hängt zwar nicht mit den Erdbeben, sondern mit der Cholera zusammen, denn alles mischt sich zu einem gefährlichen Durcheinander von Seuche und Erdbeben, Panik und Trauma. Das macht die Sache nicht besser. Übereifrige Schmuddelblogs berichteten bereits, dass das Gesundheitsministerium in der Dominikanischen Republik einen ersten Cholera Fall bestätigt hatte. Wie des öfteren war auch dies eine Falschmeldung der Schmierfinken—oder auch mal wieder ein Übersetzungsfehler der in heimischen Gefilden sitzenden Möchtegern-Reporter.

Haitianische Zuständige beschönigen noch immer. Sie sprechen von «einzelnen Fällen»; die Seuche habe sich in Port-au-Prince bisher nur langsam ausgebreitet. Aber gleichzeitig hat die Regierung die Choleraepidemie zu einer «Angelegenheit der nationalen Sicherheit» erklärt, was Bände spricht. Der Vizedirektor der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation erwartet denn auch eine schnelle Ausbreitung, weil die Hauptstadt optimale Bedingungen dafür biete: Im Wesentlichen sei Port-au-Prince ein einziger Slum mit miserablen sanitären Verhältnissen. Zurzeit werden diese noch immer miserabler. Die von beiden Katastrophen ausgelösten Bewegungen von Obdachlosen sowie das von den Überschwemmungen hinterlassene stehende Wasser fördern die Ausbreitung der Cholera ungemein.

Als Ursprung der Seuche ist ein Lager der Uno-Truppen ins Visier geraten. Wegen der Epidemie wird inzwischen sogar erwogen, die Präsidentenwahlen zu verschieben. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Ausbreitung der Cholera ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Das teilte die zuständige WHO-Direktorin Claire Chaignat in Genf mit. Die Expertin erklärte jedoch zugleich, die Chancen stünden gut, dass „eine größere Katastrophe vermieden werden könne“.

Positiv bewertete WHO-Direktorin Chaignat, dass die Sterblichkeitsrate von zunächst 10 Prozent auf 7,7 Prozent gesunken sei. Dies bedeute, dass die Gegenmaßnahmen greifen. Auch die Organisation Ärzte ohne Grenzen, die in Haiti acht Zentren zur Behandlung von Cholera unterhält, stellte Verbesserungen fest. „Die Tatsache, dass wir weniger schwere Fälle sehen, legt nahe, dass die Menschen Vorsorgemaßnahmen ergreifen und die Gemeinschaft besser die Notwendigkeit begreift, strikte Hygiene zu wahren“, sagte der eine ihrer Koordinatoren in Saint-Marc. Dort hatten am Tag zuvor Hunderte Menschen ein geplantes Behandlungszentrum für Cholera-Kranke der Organisation attackiert. Die Anwohner hatten wegen der Nähe zu zwei Schulen befürchtet, dass sich die Krankheit ungebremst auf die Kinder ausbreitet, weil diese besonders gefährdet sind.

Anzeige
wandere aus, solange es noch geht

P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie jetzt Fan von agência latinapress! Oder abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und lassen sich täglich aktuell per Email informieren!

Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

© 2009 - 2016 agência latinapress News & Media. Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Inhalte dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung und Verbreitung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung von IAP gestattet. Namentlich gekennzeichnete Artikel und Leser- berichte geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Für Einsendungen und Rückmeldungen bitte das Kontaktformular verwenden. Bildnachweis: agência latina press/paho

Dies könnte Sie auch interessieren

Kommentarbereich

Hinweis: Dieser Kommentarbereich ist moderiert. Leser haben hier die Möglichkeit, Ihre Meinung zum entsprechenden Artikel abzugeben. Dieser Bereich ist nicht dafür gedacht, andere Personen zu beschimpfen oder zu beleidigen, seiner Wut Ausdruck zu verleihen oder ausschliesslich Links zu Videos, Sozialen Netzwerken und anderen Nachrichtenquellen zu posten. In solchen Fällen behalten wir uns das Recht vor, den Kommentar zu moderieren, zu löschen oder ggf. erst gar nicht zu veröffentlichen.
  1. 1
    hjmarker

    Die USA hatte bei den ersten Großen Beben durch ihr Militär alles abgeriegelt!!!!!
    Die Welt Polizei wollte alles alleine machen,aber wie immer alles Falsch!!!!!

Diese News ist älter als 14 Tage und kann nicht mehr kommentiert werden!