Haiti und DomRep unisono: „Wir wollen euch hier nicht!“

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Datum: 21. November 2010
Uhrzeit: 12:22 Uhr
Ressorts: Editorial
Leserecho: 1 Kommentar
Autor: Dietmar Lang
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► Nationalismus macht sich auf Hispaniola breit

Stellen Sie sich mal vor, ein Mann wird von einem Auto überfahren. Die Schaulustigen kümmern sich aber nicht um den Verletzten, sondern greifen den Fahrer an. Die Sanitäter kommen in dem Tumult gar nicht an das Unfallopfer ran. Und obwohl er gerettet hätte werden können, stirbt er am Ende. Der Fahrer wehrt sich und verletzt einen Angreifer. Die Wut der Anwesenden steigt, nun werden auch die Beifahrer angegriffen. Die Situation eskaliert vollständig …

Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Genau dies ereignet sich derzeit im Karibikstaat Haiti. Die Menschen machen die Blauhelmtruppe Minustah für die Cholera verantwortlich und behindern die Arbeiten der zahlreichen Organisationen, die versuchen, die Seuche einzudämmen. Bei gewalttätigen Ausschreitungen macht die Bevölkerung ihrer Wut Luft. Zumindest erweckt es den Anschein, ob es die ganze Wahrheit ist, darf durchaus bezweifelt werden.

Durch die Cholera sterben Menschen, auch bei den Ausschreitungen sind Tote zu beklagen. Die Situation eskaliert wie bei dem am Anfang beschriebenen Autounfall. Was man in diesem Zusammenhang nicht verschweigen sollte, sind die bereits seit Monaten andauernden Proteste gegen die UNO. Also haben auch die Schaulustigen in unserem Beispiel schon Wochen zuvor gegen den Durchgangsverkehr demonstriert. Ein einzelnes Auto – im Fall von Haiti nach Meinung der Wissenschaftler ein einziger Soldat – hat damit das Fass zum Überlaufen gebracht, das schwelende Feuer entfacht, der Gewalt eine scheinbare Legitimation erteilt.

Und wo wird es enden? Glaubt man den Verantwortlichen, bei mehr militärischer Präsenz, 200.000 Cholera-Erkrankungen in den kommenden Jahren und mehr Widerstand in der Bevölkerung. Viele Menschen in dem bitterarmen Land behaupten, seit der UN-Friedensmission gehe es dem Land schlechter. Aber warum ist dann die UNO eigentlich vor Ort?

Die United Nations Stabilization Mission in Haiti wurde vom Weltsicherheitsrat 2004 beschlossen, um den Schutz der Menschenrechte im Land zu sichern und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung zu sichern. Zuvor waren im Auftrag von Aristide und dem vorherigen Diktator Duvalier Todesschwadronen durch das Land gezogen, unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen kam es schließlich zum Zusammenbruch innerstaatlicher Ordnung. Aristide musste das Land verlassen, erst zwei Jahre später wurde der derzeitige Präsident René Preval nach einem umstrittenen Wahlverlauf an die Macht. Von Demokratie konnte und kann keine Rede sein.

2008 kam es dann erneut zu Unruhen aufgrund hoher Lebensmittelpreise und galoppierender Inflation, auch hier waren Todesopfer zu beklagen. Gut zwei Jahre später verwüstet ein verheerendes Erdbeben Haiti, im Vorfeld geplanter Wahlen bricht die Cholera aus. Und nun soll sich die UNO zurückziehen? Sie kann und wird es nicht tun!

Vermutlich wird sie in Kürze genauso wie die Weltgesundheitsorganisation WHO sogar ihre Augen verstärkt auf die Dominikanische Republik richten. Während die WHO einen verstärkten Übergriff des Cholera-Bakteriums auf den Nachbarstaat Haitis auf der Insel Hispaniola befürchtet, sehen die Vereinten Nationen mit Besorgnis auf die zunehmende Fremdenfeindlichkeit im Urlaubsparadies. Haiti ist zwar nach noch weiter vor der USA wichtigster Handelspartner für Exporte, allerdings macht den Dominikanern die hohe Anzahl von oftmals illegalen Gastarbeitern immer mehr zu schaffen.

„Das kommt davon, wenn man unser Land haitisiert“ könnte man einen Kommentar in einer Zeitung aus der Hauptstadt Santo Domingo zur Mitteilung des ersten Cholera-Falls im Land übersetzen. Diese „Haitisierung“ und der Unmut gegenüber den Haitianern in der Dominikanischen Republik hat schon zu ersten Demonstrationen geführt. Die Ausweisung der Immigranten – legale und illegale gleichermaßen – wurde gefordert, bei weiteren Cholera-Fällen dürften gewaltsame Anfeindungen nicht ausbleiben.

Dabei werden nicht nur wichtige Handelsgüter nach Haiti exportiert, aus Haiti werden auch billige Arbeitskräfte „importiert“. Besonders für die Bauwirtschaft sind die Arbeiter aus dem Nachbarland ein willkommener Faktor, um die Kosten zu senken. Auch geht es vielen Bürgern der Dominikanischen Republik durch den Tourismus inzwischen besser, die „schmutzigen und anstrengenden Arbeiten“ scheint man lieber anderen zu überlassen. Mich persönlich erinnert dies an die Zeiten vor 20 oder 30 Jahren, wo bei der Müllabfuhr in Deutschland fast jede europäische Sprache zu hören war, ausser Deutsch natürlich.

Als Fazit für den Brennpunkt Hispaniola steht faktisch das Begehren in beiden Teilen der Insel in der Ausweisung. In Haiti sollen es die Blauhelme sein, in der Dominikanischen Republik die Haitianer. „Wir wollen euch hier nicht!“ könnte man auf beiden Seiten der Grenze auf die Schilder schreiben. Und dann sollte man sich auch gleich dem Nationalismus annehmen, der sich auf der Insel breit macht. Am besten ziehen wir gleich einen Todesstreifen wie zwischen Nord- und Südkorea oder vielleicht auch nur einen Zaun wie zwischen Israel und dem Gaza-Streifen. Die Internationale Gemeinschaft könnte dies unterstützen, in dem sie im selben Atemzug die Quarantäne über diesen Moloch verhängen, als Belohnung für soviel blinden Eifer in Staatsbürgerkunde.

Gehe ich zu weit? Selbstverständlich übertreibe ich, denn man kann weder den Führerschein abschaffen noch Fußgänger auf den Bürgersteigen verbieten. Man wird auch nicht verhindern können, dass das ein oder andere Auto einen Schaden verursacht. Aber man muss vereiteln, dass die Rechtsstaatlichkeit unterminiert wird und Unschuldige dafür büßen.

Wenn es die Betroffenen nicht selbst können, muss es in unserer globalisierten Welt jemand anderes tun. Damit die Helfen können, die Helfen wollen – auch wenn man dabei auf Widerstand stossen sollte. Und jetzt steinigen sie mich bitte nicht wie den brasilianischen UN-Blauhelm in Port-au-Prince in der vergangenen Woche. Setzen Sie ein Zeichen für Hispaniola und üben Sie Toleranz. Wenn Sie nicht damit anfangen, wer dann?

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Die Kolumne von latinapress Herausgeber Dietmar Lang – Gedanken und Erfahrungen über das Leben in Lateinamerika und der täglichen Berichterstattung von Nachrichten aus Südamerika und der Karibik.

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  1. 1
    Chris

    Das ist doch genaus das worauf es hinaus laufen soll : eine Quarantáne-Insel mit Einwohnern die sich gegenseitig ausrotten . Auf diese Weise will man Haiti einen “ neuen Anfang“ geben , Schluss mit der Unzufriedenheit , Mord , Raub , Brandschatzung , Aufstánden , Krankheiten …Da sist alles geplant und inszeniert , und das genau von denen die die Idee zu „unserer globalisierten Welt “ hatten ! Dabei geht es nicht um die Menschen oder deren Interessen , oder um die Zukunft der Armen , ich weiss nicht warum das so schwer zuverstehen ist …

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