Ökosystem tropischer Regenwald: Das Grüne Wunder

regenwald

Datum: 28. November 2010
Uhrzeit: 13:38 Uhr
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Autor: Redaktion
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► Gleichgewicht des Ökosystems in Gefahr

Der tropische Regenwald ist der vielfältigste und artenreichste Lebensraum der Erde. Aber jede Störung bringt das geniale Zusammenspiel dieser Tier- und Pflanzenwelt aus dem Gleichgewicht. Mit unabsehbaren Folgen.

Die Holzfäller nehmen Maß und setzen die Motorsäge an. Dann fällt der Riese, und für einen Augenblick herrscht Totenstille im Regenwald von Borneo. Wie viel Leben stirbt mit diesem Meranti-Baum? Wie groß ist die Lücke, die sein Tod in die fein gesponnene Gemeinschaft der Tier- und Pflanzenarten reißt, die ihn in seinen 70 Jahren bewohnten und nutzten? Forscher zählten auf Borneo in zehn Bäumen 2.800 verschiedene Arten allein bei den Gliedertieren – Insekten, Spinnen, Ringelwürmer. Und oft fanden sie nur ein einziges Exemplar einer Art.

Ein einziger Baum beherbergt Tausende Tier- und Pflanzenarten
40 Meter ragte der Meranti auf, seine dichte Krone bevölkerten nicht nur Tausende Insekten, auch Vögel und Affen. Lianen und Orchideen nutzten und nährten ihn; zwischen seinen breiten Brettwurzeln lebten Käfer und Pilze. Wie schwer wiegt dieser Verlust?

Die Antwort bleibt das Geheimnis einer Lebenswelt, die zu den erstaunlichsten Ökosystemen auf unserem Planeten gehört: der tropische Regenwald. Als immergrüner Gürtel umspannt er die Erde rund um den Äquator. In Amazonien, im Kongobecken und in Südostasien liegen die größten zusammenhängenden Tropenwaldgebiete. Intensive Sonneneinstrahlung, hohe Temperaturen und mindestens zweitausend Liter Regen pro Quadratmeter im Jahr schaffen dort die Voraussetzungen für die größte Artenfülle der Welt.

Bis ins 20. Jahrhundert bedeckten die Tropenwälder gut 14 Millionen Quadratkilometer, ein knappes Zehntel der gesamten irdischen Landfläche. Es dauerte nur einen Wimpernschlag – und wir Menschen hatten weit mehr als die Hälfte der größten Schatzkammer unseres Planeten vernichtet. Der Kahlschlag geht immer vom Rohstoffhunger der Industrieländer aus – Europa, USA, Japan, seit 20 Jahren auch China.

Dennoch: Die verbliebenen rund 5,4 Millionen Quadratkilometer beheimaten 40 bis 60 Prozent aller Tier und Pflanzenarten der Erde. Obwohl der Tropenwaldanteil am Festland nur noch 3,6 Prozent beträgt. Aber wenn wir weiter abholzen wie bisher, wird unser Verlust endgültig sein.

Auf einer spannenden Reise durch das „grüne Paradies“ zeigt uns der Biologe Josef H. Reichholf, was wir zu verlieren haben. In der Neuauflage seines Bestsellers „Der Tropische Regenwald“, der soeben erschienen ist, beschreibt er das Zusammenspiel in diesem einzigartigen Naturraum, das Menschen nicht genialer erfinden könnten: Mit Raffinesse, Tricks und Täuschungen gelingt es Abermillionen Arten von Tieren und Pflanzen, ihr Überleben zu sichern.

Der Tropenwald ist das Labor für unglaubliche Erfindungen

„Die Vielfalt der Lebensformen und ihre komplexen Beziehungen untereinander sind faszinierend“, sagt Josef Reichholf. „In den Tropenwäldern sind die Arten viel mehr aufeinander angewiesen als in unseren Breiten.“ Am Amazonas zum Beispiel wachsen Bäume, die durch große, gefiederte Blätter auffallen. Sie gehören zur Gattung Cecropia und werden Ameisenbäume genannt. Klopft man vorsichtig an den Stamm, stürmt aus kleinen Astöffnungen sofort eine Ameisen-Schutztruppe, um den Baumzu verteidigen, was für Menschen, Insekten oder blattfressende Säugetiere sehr schmerzhaft ist. Sie meiden deshalb die Ameisenbäume. Die wiederum revanchieren sich für den Schutz mit Nahrung: An ihren Blattstielen entwickeln sie Nektarknöllchen für die Ameisen.

Artenreich ist auch der Nebelwald von Monteverde / Costa Rica
Der tropische Regenwald ist das Labor für die unglaublichsten Erfindungen der Natur. Da klettern Frösche (Baumsteiger- bzw. Pfeilgiftfrösche) auf Bäume, um ihre Kaulquappen in den regengefüllten Trichtern von Bromelienblättern abzusetzen. So bleibt der Nachwuchs von Feinden, die in Gewässern lauern, unbehelligt. Der Schützenfisch erweitert sein Nahrungsangebot, indem er Fliegen oder Ameisen mit einem gezielten Wasserstrahl von den Uferblättern schießt. Eine Raupe nagt unbeschadet am hochgiftigen Blatt einer Passionsblume. Sie ist immun gegen dieses Gift, speichert es aber in ihrem Körper und schützt sich und den Falter, zu dem sie sich entwickelt, vor gefräßigen Vögeln.

Nicht Fülle, sondern Mangel könnte der Grund für die Entwicklung dieser ausgefeilten Lebensformen sein. Mangel im tropischen Regenwald? Wer ihn betritt, sieht vor allem Überfluss. Doch der Schein trügt, denn der Urwaldboden ist so nährstoffarm, dass dieses Ökoystem einen perfekten Kreislauf erschaffen muss, damit nichts an wertvollen Mineralien verloren geht. Ausnahmen bilden die fruchtbaren Vulkan-Gebiete wie die indonesischen Inseln Java oder Bali.

„Der Hauptgrund für den Mangel ist der beständige Tropenregen“, erklärt Josef Reichholf. „Er wäscht die mineralischen Nährstoffe aus; über das Grundwasser, die Bäche und Flüsse gelangen sie ins Meer.“ Die Humusschicht ist hauchdünn; die Blätter, die zu Boden fallen, werden in der feuchten Hitze sofort zersetzt – mit Hilfe von Pilzen, die viel feinere Fäden besitzen als Baumwurzeln. Sie filtern die Nährstoffe bis ins Kleinste heraus und führen sie in den Kreislauf des Baumes, mit dem sie in Symbiose leben, zurück.

Hochspezialisiert besetzen die Regenwaldbewohner jede kleinste Nische
Eine Fülle von Lianen und Epiphyten, zu denen auch die prächtigen Orchideen gehören, nimmt durch Luftwurzeln Nährstoffe und Feuchtigkeit auf.

Aus Mangel erwächst Fülle – Artenfülle. Denn Not macht erfinderisch. Und so haben sich in Jahrmillionen die Tiere und Pflanzen des Regenwaldes hoch spezialisiert, um das knappe Angebot optimal zu nutzen. Mit der hohen Biodiversität schließt der Tropenwald die Lücken in seinem Versorgungskreislauf. „Nur wenn die Vielfalt alle Nischen abdeckt, wenn sich die verschiedenen Arten gegenseitig in Schach halten und verhindern, dass eine zu häufig wird und das Netzwerk durch eine übermäßige Nutzung aufreißt, bleibt das Gesamtgefüge geschlossen genug.“

Jahr für Jahr sterben mehr als 50.000 Tier- und Pflanzenarten aus
Dass die Tier- und Pflanzenarten, die sich einen Lebensraum teilen, meistens nur wenige Individuen stellen, notierte bereits 1864 der britische Forscher und Sammler Henry Bates am Amazonas: Es ist leichter, zehn verschiedene Falter zu Fangen als zehn Stück derselben Art.

1,8 Milllionen Arten sind heute weltweit wissenschaftlich erfasst. Wie viele es gibt, weiß niemand. Die Schätzungen liegen zwischen 10 und 100 Millionen. Es ist alarmierend, dass durch die Regenwaldrodung pro Jahr mehr als 50.000 Tier- und Pflanzenarten aussterben. Das Leben der Menschheit hängt existentiell von der Vielfalt der Natur ab. „Wie viele Arten die Erde ‚braucht‘, wird sich nie festlegen lassen“, sagt Josef Reichholf. „Es kann auch niemand angeben, welche Arten ‚entbehrlich‘ sind. Aber wir können verantwortlich gemacht werden für das, was wir hätten erhalten
können.“

Artenvielfalt: Einige Beispiele



Der Evolutionsbiologe Josef H.Reichholf beschreibt in vielen Büchern unterhaltsam die Geheimnisse um Mensch und Natur. Das Buch „Der Tropische Regenwald“ ist hier erhältlich.

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