Guatemala träumt von Demokratie

Guatemala-city-central-park

Datum: 29. Dezember 2010
Uhrzeit: 06:16 Uhr
Leserecho: 1 Kommentar
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Guatemala ist das nördlichste Land Mittelamerikas und definitiv das Gegensätzlichste. Man kann sich kaum vorstellen, wie in einem Land das drei Mal kleiner als Deutschland ist, 24 anerkannte Sprachen gesprochen werden und die indigene Bevölkerung in einigen Teilen des Landes 80% der Gesamtbevölkerung ausmacht. Leider drücken sich die Gegensätze nicht nur in kultureller Vielfalt, sondern vielmehr in sozialer Ungleichheit aus. Das zentrale Problem ist historisch gesehen die absolut ungerechte Landverteilung. So ist Guatemala zum traurigen Beispiel der Machenschaften der United Fruit Company in Mittelamerika geworden. Die United Fruit kaufte Anfang des letzten Jahrhunderts dermaßen viele Landflächen, dass bis zu 80% des Landes praktisch dem Unternehmen gehörte. Außerdem kaufte sie die wichtigsten Bahnstrecken und die Verfügung über den wichtigsten Hafen des Landes, dem einzigen an der Atlantikküste – Puerto Barrios. Somit ist klar, dass die strategischen Ressourcen Guatemalas seitdem in ausländischer Hand lagen.

Als Jacobo Arbenz, der zweite jemals demokratisch gewählte Präsident Guatemalas, Anfang der fünfziger Jahre sein breites Reformprogramm bekanntgab, wessen zentrales Ziel zunächst eine gerechtere Landverteilung, sprich staatlicher Zurückkauf von brach liegendem Land der United Fruit sein sollte, wurde er kurzerhand später aus dem Amt katapultiert, ganz offensichtlich durch eine CIA-Operation, die “Operation Success”, die mit einer großangelegten Manipulation seitens der amerikanischen Massenmedien und der  Involvierung paramilitärischer Gruppen in mehreren Ländern Mittelamerikas einherging und als Modell für weitere spätere US-Militärinterventionen in der Region dienen sollte. So wurde die Hoffnung Guatemalas auf Demokratie und sozialer Gerechtigkeit schon nach einigen Monaten und innerhalb von wenigen Tagen dem Erdboden gleichgemacht. Seitdem hat Guatemala 36 Jahre bewaffneten Konflikt und 14 Jahre vorsichtigen Friedens durchleben müssen.

36 Jahre Krieg in einem Land, das fast ausschließlich von Landwirtschaft lebt. 36 Jahre Krieg, der sich vor allem gegen die Landbevölkerung konzentrierte. Mit dem Argument, die indigenen Gemeinden würden die kommunistischen Guerilla-Kämpfer unterstützen, wurden über 200.000 Guatemalteken ermordet, Frauen vergewaltigt, Kinder versklavt, ganze ethnische Gruppen ausgelöscht. Der Genozid, der erst in den 90er Jahren sein Ende fand, hinterlässt tiefe kulturelle, kollektive Spuren; vor allem Angst, Unsicherheit, Apathie. Demokratie ist ein Konzept, von dem Guatemala träumt, aber nicht kennt. Deshalb lebt das Land in einem  Friedenszustand, der eigentlich keiner ist. Zwar herrscht kein Krieg mehr, aber die soziale Sicherheit ist nach wie vor auf breiter Ebene nicht gegeben und es wird definitiv von Regierungsseite sehr wenig bis gar nichts dazu getan, dass sich das ändert. Seit den Friedensverträgen von 1996 gehen die strafrechtlichen Verfolgungsmaßnahmen nur sehr schleppend voran. Die militärischen und politischen Strukturen sind quasi unverändert, das heißt, die Verantwortlichen für viele Gräueltaten sind heute noch in hochrangigen politischen Positionen. Das bekannteste Beispiel: General Rios Montt, der durch einen Coup im Jahr 1982 an die Macht gelangte und in wessen 16-monatiger Herrschaft vermutlich 70.000 Zivilisten ermordet wurden, wurde wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, ist jedoch heute immer noch als Kongressabgeordneter in Guatemala politisch aktiv. Seine Tochter  stellt sich vermutlich als Präsidentschaftskandidatin für die Wahlen im kommenden Jahr.

Da wird klar, dass in Guatemala der Rechtsstaat quasi nicht existiert. Erst letzte Woche verschwanden Archive der militärischen Aktivitäten  der blutigsten Zeit des Konflikts zwischen 1980 und 1985 (die übrigens bis dato in den Händen des Militärs lagen), die Guatemalteken warten heute noch auf offizielle Anerkennung vieler Kriegsverbrechen. Es werden immer noch Menschenrechtler zum Teil brutal umgebracht ohne dass strafrechtliche Verfolgung eingeleitet wird. Es heißt dann in den Nachrichten, dass es vermutlich ein Raubmord war, oder dass die Person Verbindungen zum Drogenhandel hatte und somit sei  die Verfolgung schwierig, unmöglich, sinnlos.

Allerdings gibt es auch positive Entwicklungen. Die starke Präsenz internationaler Menschenrechtsorganisationen macht es möglich, nicht nur Druck von außen zu schüren, sondern vor allem Verbindungen mit Organisationen von innen zu knüpfen und den Austausch zu stärken. Vor allem im derzeitigen Internationalen Jahr der Jugend der Vereinten Nationen wurde ein Programm geschaffen, welches Jugendinitiativen im ganzen Land auf breiter Ebene unterstützt. Der Slogan “Jung sein ist kein Verbrechen” macht es klar: hat man lange Haare, Piercings, Tattoos wird man schnell von den Medien und der Politik als Mitglied einer Jugendbande abgestempelt. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass das Land vor allem von Jugendlichen zehrt, denn die größte Bevölkerungsschicht befindet sich im Alter zwischen 17 und 30 Jahren. Deswegen ist es hier besonders wichtig, bei den friedensschaffenden Prozessen so viele Akteure wie möglich aktiv zu beteiligen, um den alten, altgewordenen, reaktionären Kräften keinen Nährboden zu lassen.

Hoffen wir, dass Guatemala im Wahljahr 2011 eine bessere Bilanz in Thema Demokratie und Rechtsstaat aufstellt als bisher. Dass vor allem die nicht Repräsentierten endlich eine Stimme bekommen: die indigenen Gemeinden und die Jugend.

Anzeige
wandere aus, solange es noch geht

P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie jetzt Fan von agência latinapress! Oder abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und lassen sich täglich aktuell per Email informieren!

Katrin Wilkniss kennt die Problematik der gerechten Verteilung von Ressourcen für soziale Initiativen in Lateinamerika. Mit ihrer Kolumne will sie denjenigen eine Stimme geben, die dort arbeiten, wo die Gelder der Entwicklungshilfe ankommen.

© 2009 - 2016 agência latinapress News & Media. Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Inhalte dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung und Verbreitung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung von IAP gestattet. Namentlich gekennzeichnete Artikel und Leser- berichte geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Für Einsendungen und Rückmeldungen bitte das Kontaktformular verwenden.

Dies könnte Sie auch interessieren

Kommentarbereich

Hinweis: Dieser Kommentarbereich ist moderiert. Leser haben hier die Möglichkeit, Ihre Meinung zum entsprechenden Artikel abzugeben. Dieser Bereich ist nicht dafür gedacht, andere Personen zu beschimpfen oder zu beleidigen, seiner Wut Ausdruck zu verleihen oder ausschliesslich Links zu Videos, Sozialen Netzwerken und anderen Nachrichtenquellen zu posten. In solchen Fällen behalten wir uns das Recht vor, den Kommentar zu moderieren, zu löschen oder ggf. erst gar nicht zu veröffentlichen.
  1. 1
    Vera Sandberg

    Liebe Katrin,
    zunächst vielen Dank für deine engagierte Kolumne, es tut immer gut eine kritische Stimme zu lesen. Mach weiter so.

    Was mich im Moment besonders interessieren würde, wäre ein Bericht über das Belo Monte-Staudammprojekt und den Widerstand der Indigenen und anderer Brasilianer dagegen. Die letzte Meldung auf latina press dazu stammt vom 18.4.2010, dabei hat sich seitdem noch einiges ereignet.

    Der Belo Monte Staudamm zwingt über 20.000 Menschen ihre Heimat zu verlassen, und für die indigenen Stämme der Region bedeutet dies das Ende ihrer Kultur. 400 km² Regenwald würden überflutet, das ökologische Gleichgewicht des Xingú, eines der artenreichsten Gewässer der Welt, zerstört, und Tierarten aussterben, die nirgendwo anders zu finden sind. Der Stausee wäre eine Brutstätte für malariaübertragende Mücken. Zu befürchten ist außerdem, dass dieser Damm den Bau einer Reihe weiterer Dämme nach sich ziehen müsste, um effizient zu sein. Das hätte schlimme Folgen für den gesamten Amazonas.

    Protestmöglichkeiten auf: http://www.amazonwatch.org oder http://www.avaaz.org

    Für Protest ist es nie zu spät! avaaz.org versucht noch, auf ein halbe Million Stimmen zu kommen.
    Ich freue mich auf deinen nächsten Artikel.
    Gruß, Vera

Diese News ist älter als 14 Tage und kann nicht mehr kommentiert werden!