Haiti: Jagd auf Köpfe, Kopfjäger und Houngans

schrumpfkopf

Datum: 31. Dezember 2010
Uhrzeit: 11:46 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Die nächste Kasperrunde läuft schon über die Bühne. Ich meine mitnichten die der Holz- und Puppenköpfe, die seit den missratenen Wahlen vom 28. November täglich wieder „auf morgen“ verschoben werden und nach 1 Monat immer noch nicht bekannt gegeben wurden. Angeblich „um den Festtagsfrieden nicht zu stören“ und ich meine nicht die Runde der Köpfe, die in OAS & Co. bereits rollen mussten. Ich meine die echten Köpfe, die in der Bevölkerung in letzter Zeit immer mehr den Macheten zum Opfer fallen, aus teuflischem Aberglauben, Magie und Dummheit. Dies war schon immer Mode und viel mehr als man glaubt.

Kopfjägergeschichten sind so alt wie der Mensch. Die Indianer Nordamerikas haben Skalps gesammelt, um Feinde zu quälen und aus Aberglauben. In Südamerika stellten sie Schrumpfköpfe her und tun das heimlich womöglich immer noch. In der Dominikanischen Republik hacken sie ihren angeblichen Feinden ebenfalls den Kopf ab. Wir haben die entsprechenden Gruselgeschichten schon als Knirps-Leseratten verschlungen. Dann kam die „Entwicklung“ mit der Polizei, und die verdrängte solche Produkte in Kriminalität und Untergrund oder stellte sie sogar ab. Haiti hat sich eben noch nicht so weit entwickelt, und das Recht erweist sich als unbeholfen gegenüber magisch-religiös motivierten Mördersitten.

Ich habe ja auch schon entsprechende Geschichten geschrieben ( Enthauptungen so zum Spass oder Kopf in den USA gefunden, dazu passender Körper gesucht und andere ). Aber was in den letzten Tagen vor Neujahr passiert ist, hat manchen Champagner-Korken vorzeitig zum Platzen gebracht: Neuestes Schlachtopfer sind die Houngans selbst, die sonst solch makabre Zauberstücke durchzogen. Jetzt sind sie selber dran, die Houngans und Mambos, wie man die Voudou-Zauberer und Zauberinnen nennt. Über 50 von ihnen sind auf der Flucht, in Erwartung ihrer Enthauptung durch den Mob. Einigen wurde der oberste Körperteil bereits abgetrennt, Tatverdächtige sind verhaftet worden, sogar die MINUSTAH ist auf Kopfjäger-Suche. Man darf gespannt sein, welche Einflüsse das Ereignis auf die Staatsreligion haben wird. Wie man in Haiti doch immer wieder zu neuen Jobs kommt!

Ein Houngan sei in den letzten Tagen dabei ertappt worden, Plastiksäckchen mit einem weißen Pulver an Bäumen versteckt zu haben. Von der Polizei verhaftet hätte er gestanden, eine noch nicht genannte Krankheit verbreiten zu wollen. Nach Volksglauben war es Cholera, und mit einem Schlag war die MINUSTAH als Streuer der Mikroben entlastet und die Houngans entlarvt. Der Aufruf zur Abschlachtung aller Houngans und Mambos folgte auf dem Fuß.

Was das Pulver wirklich war, ist zurzeit noch nicht bekannt und die Polizei kann nur bei offensichtlichen Verbrechen eingreifen. Magie und Voudou ist nicht beweisbar und auch als Staatsreligion relativ geschützt. Der Polizei sind die Hände gebunden. Aber trotzdem das eigentlich eine tragikomische Geschichte ist, habe ich Vorteile gefunden – die sind an einem Neujahrsfest besonders wichtig und symbolisch: Über die daraus folgende Entlastung der Blauhelme hab ich soeben spekuliert. Aber der größere Nutzen des Geschehens ist, dass endlich einmal etwas Größeres geschieht und die Rechtshüter Magie einmal vergessen und langsam Verbrechen erkennen und eingreifen. Solche Schweinereien waren schon immer an der Tagesordnung, auch wenn im Versteckten.

In Site Soley sitzt eine Frau im Gefängnis, die mit einer Tasche verhaftet wurde, in der sie drei Kinderköpfe zu einem Houngan tragen wollte. Der hatte ihr pro Kopf 10’000 Dollar versprochen. Allerdings, man muss sagen glücklicherweise, blutete es noch aus der Tasche. Das fiel der Polizei auf und die Frau wurde verhaftet. Und wie geschildert geraten gegenwärtig die Houngan- und Mambo-Mörder unter die Verhaftungswellen.

Aber bitte verallgemeinern Sie jetzt nicht gleich wieder, ich bleibe unumschränkt bei meiner wohlwollenden Meinung. Von Kopfjägern und Kannibalen, die nur das Herz von Beniedenen verzehren (sie glaubten, so deren physische Kraft oder psychische Leistungen erwerben zu können) oder Kopfjägern, die Schrumpfköpfe herstellen und sammeln. In Venezuela (woher ja auch die ersten Haiti-Einwanderer kamen) und anderen südamerikanischen Staaten, habe ich schon als Kleinknirps im Helveticus und andern Büchern gelesen, und dasselbe später in meinen spärlichen Völkerkunde-Studien an der Uni wieder angetroffen. Könnte nicht dasselbe unter und manchmal knapp über der Decke auch im heutigen Haiti passieren? Ist es nicht ein Zufall, dass sich diese Kultur in Amerika entwickelt hat, einem Amerika, das sich rundum verkrebst hat und kulturell ausgeufert ist?

Vergessen wir nicht, dass auch bei uns und in den USA vor ein paar tausend Jahren noch vieles normal war, was man bald einmal verstecken musste. Auch was viele hoch „Entwickelte“ heute noch glauben, vielleicht sogar praktizieren, aber verstecken. Lesen Sie nur einmal die Inserate in unseren Zeitungen. Aber den Blauhelmen mag ich die Entlastung gönnen.

Kopfjäger gibt es übrigens in den modernen Nationen noch heute. Als ich noch im Unternehmen arbeitete, das war in den 80er Jahren und in der Schweiz, sprach man im Personellen von „Kopfjägern“. Es waren die speziell ausgebildeten Kundschafter, die man aussandte, um Köpfe (allerdings nicht abgetrennte) für hohe Kaderposten zu suchen. Das waren Spitzenverdiener und oft besser bezahlt als die gesuchten Führungspersonen selbst. Mit einem guten Kopfjäger wären wohl die Probleme von Haiti für einige Zeit besser lösbar als mit den Wahlschlachten und die Internationalen hätten dafür genügend Geld zur Verfügung. Aber in der Politik kennen sie solche Methoden noch nicht, und vor allem steht davon nichts in der Verfassung. Somit gehen wir weiter warten auf die Bekanntgabe der für die nächste Runde gewählten Köpfe und hoffen auf eine glimpfliche Reaktion der nicht gewählten. In Haiti bleibt es in jedem Fall spannend. Ich wünsche den verfassungsmäßigen Stellen eine glückliche Hand und dem Volk endlich und nachhaltig Frieden und Ruhe. Alles andere kommt dann schon.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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