Haiti: Die Sprache der Trommeln

trommler

Datum: 08. Januar 2011
Uhrzeit: 08:21 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Es herrscht wieder eine jener faszinierenden Januarnächte, wie sie mich nach jedem Neujahr staunen und schaudern machen. Die Trommeln der Houngans plaudern ihre Märchen, eines nach dem andern. Wir verstehen das Märchen nur halb. Aber ich begreife, weshalb Besessene an Voudou-Ritualen in Trance und Ekstase fallen können.

Hinter der Bergburg, wie ich mein Zufluchtsquartier seit dem Goudou-goudou (Erdbeben) nenne, wohnen jetzt zwei Houngans. Ihre einfachen Einraumhäuser unter Wellblechdächern sind zugleich die Peristyle, Kult- und Opferstätten, wo sich die Gläubigen nachts hineindrängen und im Dunkeln auf dem Boden sitzen und den Zeremonien beiwohnen, oder wenigstens den Klängen davon. Licht haben die Hougans keines, ich bin ihr Nachbar und der einzige, der sich den Luxus des elektrischen Stroms leisten kann. Denn ich brauche einen Computer und einen drahtlosen Internet-Anschluss, der zuweilen funzt.

Bis vor kurzem tat es auch noch ein alter Fernseher, der hat jetzt ebenfalls ausgehaucht. Und trotz der interessanten Informationen über die Sendungen, die mir jetzt entgehen, habe ich mich noch nicht entschlossen, einen neuen zu erstehen. Meistens wurde der Flimmerkasten doch von den Kindern dirigiert, die drückten ständig auf die WEITER-Taste des Remote Control, des Zauberschalters, mitten in den besten Infosendungen, die ich endlich gefunden hatte. Und wenn ich etwa einen einfältigen Trickfilm oder dummen Brutalo abstellen wollte, gab das böses Blut und ich war wieder inmitten eines Brutalos, und ungewollt. Wenn ich die Kiste in mein eigenes, kleines Zimmer platzieren würde, hätte ich das auch noch voller Kinder. Und das sind manchmal bis zu 10.

So bleibe ich hautnah am Geschehen und genieße die Ohrenweide von meinem Zimmer aus. Natürlich im Dunkeln, man sieht ja ohnehin nichts, aber hört umso besser. Schon etwa um acht Uhr beginnen die Handtrommeln zu singen, es ist eine große und eine kleine. Sie erzählen von haitischen Legenden und Märchen, die ich sofort aufzuschreiben versuche. Die Sprache der Trommeln erweckt so viel Fantasie, dass man sie versteht ohne zu verstehen.

Die Trommeln, zuerst knattern sie nur, sie wecken mich sogar aus dem Schlaf. Ich bin wach, Nein, sie stören mich nicht. Sie klingen in die Nacht, und im Herzen klingen sie nach. Sie singen und strudeln, flüstern und fließen, knistern und klatschen, peitschen und pochen, regnen und rumoren, wimmern und wirbeln- die ganze Nacht. Das ist Sprache, das ist Musik! Ich möchte dieser noch viele Nächte zuhören, dem rhythmischen und tonalen Schlagen, Zupfen und Reiben, den wohl ältesten Musikinstrumenten der Menschheit.

Ich ergebe mich nicht der Ekstase, aber dem Hörrausch der haitianischen Voudou-Handtrommeln, die von Volksvirtuosen gekitzelt und mit den unterschiedlichsten Anschlagtechniken und Spezialeffekten zum Leben erweckt werden und lausche ihren Märchen.

Am nächsten Morgen suche ich im Internet nach Informationen über diese Musik und finde sie, wie üblich, millionenweise. Das schlägt das schöne Gefühl fast tot. Es beginnt schon beim Namen für diese Instrumente, „Membranophon“. Wer da nicht Schluckauf bekommt, muss wirklich ein Blanc (ein Weißer) sein. Ich lese weiter, dass in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts auch in Kuba die Arawak-Indianer oder Sarawaken gelebt hätten, ganz gleich wie hier und dass diese in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts unter spanische Kontrolle geraten seien, wie hier unter französische. Für den Zuckerrohranbau hätten sich die spanischen Pflanzer im 17. und 18. Jahrhundert tausende afrikanischer Sklaven gekauft und beim Aufstand gegen die französische Kolonialmacht ab 1791 seien viele schwarze Landarbeiter von Haiti auf die Nachbarinsel Kuba geflüchtet. So seien ihre Trommelrhythmen mit den dazugehörigen Bräuchen, Gesängen und Tänzen nach Kuba gekommen und hätten sich dort mit der Gitarrenmusik der spanischen Farmer vermischt.

Ist ja alles recht plausibel, aber das Weitere wurde so theoretisch und unleserlich, dass ich mich lieber auf das Original-Erlebnis beschränke: Den Trommler hinter der Bergburg und ihren Märchen.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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