Haiti: Mein ganz persönlicher Jahresrückblick 2010

haiti

Datum: 08. Januar 2011
Uhrzeit: 11:12 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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► Doch die Hoffnung stirbt zuletzt

2010 wird in die Weltgeschichte eingehen, als Kaskade der Katastrophen. Für viele ist 2010 überstanden, für andere nicht. Hunderttausende haben das Jahresende nicht mehr erlebt. Millionen sind schwerstens verwundet, krank, geschädigt, geschockt, traumatisiert. Zuerst der 12.Januar, der offiziell 300’000 Menschen umbrachte. Hier bei uns in Haiti weiß man, dass es viel mehr waren (es werden heute immer noch Kadaver ausgegraben).

Unter den Geschädigten, Geschockten, Traumatisierten bin auch ich. Ich habe in diesem Jahr alles verloren, außer meinem Leben, meiner Gesundheit und meiner Hoffnung. Ich wohne jetzt auf dem Berg über der Schreckensstadt, immer noch unter Steinen und wegen des Internets. Ich brauche da doch einiges, was stehen bleiben muss. Lieber würde ich unter einem Blätterdach leben, wie sie an den Stränden von Jacmel noch bestehen. Aber dort gibt es kein Internet mehr und mit Schreiben wäre es aus. Wenn meine Stimme je verstummen sollte, so denken Sie nichts Schlimmes: Denken Sie, dass ich an einem Sandstrand im Osten von Jacmel mein Blätterdach gefunden habe. Ohne Internet und ohne Erdbebenangst.

Doch wir sind ja an einem Jahresrückblick, denn das Jahr ging weiter. Regenzeit, Überschwemmungen, Brücken- und Dammbrüche zu hunderten, Wirbelstürme. Zum Glück hatte der Katastrophenschutz viel gelernt. Er hat Hunderttausende evakuiert, mehrmals gerettet- die wären sonst auch noch getötet worden. Aber die Schäden sind unermesslich. Ganze Zeltstädte hat der Sturmwind fortgefegt, die Menschen hatten kein Dach mehr. Sie liegen im Freien, im Schlamm. Die, welche die Stadt nicht verlassen haben, leben in Schlamm und Schutt.

Nachdem schon bald nach dem Erdbeben verschiedene Seuchen ausgebrochen waren: Typhus, Paratyphus, Diphtherie, brach Mitte Oktober die Cholera aus, die heute noch grassiert und täglich weitere Menschen tötet. Zur Zeit sind es mehr als 3.500 Tote, 150’000 Kranke liegen in den Spitälern, welche zu hunderten in Großzelten neu errichtet wurden. Die WHO schätzt, dass es im neuen Jahr 400.000 weitere Opfer geben wird. Straßentheater, Filme und Raplieder werden täglich gegen die Seuche eingesetzt und propagieren den ausgiebigen Gebrauch von Seife und Wasser. Aber Wasser gibt es für viele gar nicht. Ich wohne jetzt oben auf einer Erosionskrete in den Schwarzen Bergen, meine Freunde haben hier den Verkauf von Lebensmitteln und Wasser in Gourde-Quantitäten eingerichtet. So wurde ich beim Frühstück Zeuge, wie Dutzende von Anwohnern Wasser kaufen wollten. Dieses wird normalerweise in deziliterkleinen Plastiktüten verkauft, aber der Hausherr musste wie eine Schallplatte wiederholen „Pas gen, pas gen“ (es hat keines) und die Menschen zogen verzweifelt wieder ab.

Anfang November eskalierte die Wettersituation mit Hurrikan Thomas, welcher das Regiment übernahm. Wiederum funktionierte Zivilschutz und Bevölkerung hervorragend und die meisten konnten gerettet werden. Über die Schäden sprechen wir nicht, wichtig sind jetzt nur noch Menschenleben.

Der November hatte es in sich. Am 28. fanden die Wahlen für einen neuen Präsidenten, Senatoren und Deputierte statt. Wohlverstanden, unter Aufsicht internationaler Beobachter wie UNO und OAS, 10’000 Blauhelmen und fast ebenso vielen Polizisten aus Haiti und der ganzen Welt. Und heute, mehr als 1 Monat später, sind die Ergebnisse immer noch nicht bekannt. Es gibt Chaos und Wahlmanipulationen jeder Art, bürgerkriegsartige Missstände, Tote und Zerstörungen. Autos werden angezündet und zu Barrikaden übereinander geworfen. Tagelang getraut sich niemand mehr auf die Straße. Es muss wohl alles verschoben oder wiederholt werden, niemand weiß was wahr und was übertrieben ist. Regierung und Medien schon gar nicht. Nur Chaos ist wahr. Die „Regierung“ hat wohl Recht: „Das Ergebnis soll erst publiziert werden, wenn sich die Lage beruhigt hat“.

Ich habe dieser Tage gehört, das haitische Volk zähle jetzt 12 Millionen Seelen. Ich weiß nicht ob das stimmt, oder ob man da allenfalls die Ausgewanderten dazu gezählt hat. Wahrscheinlich ist es wahr, denn bisher hat man bei Zahlen meist die aus Duvaliers Zeiten hervorgezogen. Neuere gibt es kaum. Und ich weiß nicht ob man sagen muss, diese Entwicklung sei nicht negativ. Betrachten wir es mal als positiv. Die Schreckens- Zahlen sind wieder aufgeholt, das Volk hat seine Lebenskraft wieder bewiesen. Es entwickelt sich rasant weiter zu einer Zweiklassengesellschaft. Die Spieler sind die Unternehmer und Allesbeherrscher, die verdienen immer mehr. Erkennbar an ihren immer verrückteren Fahrzeugen. Die einen singen und beten, die andern gehen auf die Straße- demolieren und töten.

Haiti hat keine Regierung mehr. Mehr oder weniger Unbedarfte kämpfen um ein Präsidentenamt und halten sich für fähig, im Falle einer schlussendlichen positiven Wahl die Probleme zu lösen, die sich aus der Bevölkerungsexplosion ergeben. Die Probleme der Ernährung, der Bildung, der Gesundheit, der Sicherheit, des Verkehrs und all die mit denen die Natur aufwartet. Denn weitere Stürme, Erdbeben und weitere Katastrophen werden nicht ausbleiben.

Und auf den Straßen rappt es aus Riesen-Lautsprechern allenthalben „Obama, Obama, Obama“ – und der hört es nicht einmal und hat überdies selber zu kämpfen um seine letzten Tage. Die armen Menschen hier haben genug und wünschen eine starke Hand, selbst wenn die das verhasste Amerika wäre. Sie haben endgültig genug von Chaos und Seuche.

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man so schön. Es soll nur noch besser werden.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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