Weihnachten auf Haiti

Chlaus

Datum: 28. Dezember 2009
Uhrzeit: 18:55 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Pistolen Samichläuse ist das schweizerdeutsche Wort für „Sankt-Nikoläuse“, die hier „Weihnachtsmänner“ heißen well sie an Weihnachten rumgehen, Reklame treiben und Kinder beschenken. Während rundum geknallt wird wie bei uns in der Nationalfeiernacht, aber hier über den ganzen Tag. Die weihnächtliche Knallerei ist an sich verboten, nicht wegen der Störung der feierlichen Stimmung, sondern weil dazu seit altersher immer wieder Pistolen benützt werden und das gefährlich ist. Aber in Haiti lebt man mit der Gefahr, und Pistolen knallen am besten. Und hierzulande hält sich kein Mensch an Verbote, am wenigsten an einem Tag wie Weihnachten.

Meine Pistolen haben sich aus einem andern Grunde verirrt, zu den Samichläusen in dem Titel. Am gestrigen Vorweihnachtsabend war ich bei der Familie Melissas zu Gast, und so kam ich in den Genuss eines haitianischen Weihnachts-Fernsehprogramms. Sie gaben eine Familienkomödie mit Arnold Schwarzenegger, dem vielseitigen ehemaligen Bodybuilder, Mister Universum, mehrfachen Ehrendoktor, Gelehrten der Wirtschaftswissenschaften, US-Präsidenten wenigstens im Film, Welttrainer der Gewichtheber, Immobilienhändler, Restaurant „Schatzi“-Wirt in Santa Monica, Filmregisseur und Star von Pistolenhelden-, Barbaren- und Schlägerfilmen, heutigen Gouverneur von Kalifornien & More. Ein wahrlich vielseitiger Mann.

Also, die vorweihnächtliche Familienkomödie handelte von Samichläusen, die sich als verkappte Gangster entpuppten, die Schwarzenegger zur Raison brachte, nach seiner Art. Mich faszinierte an sich nicht der Inhalt dieser Geschichte, sondern das Kuriosum, sie genauso schon selber erlebt zu haben. Dass dies auch im Rahmen von Film und Fernsehen geschehen war, weckte in mir beinahe den Verdacht, dass ein ehemaliger Mitarbeiter die Story nach Hollywood getragen und berühmt gemacht hatte, aber es gibt ja auch Zufälle.

Damals, es war natürlich vor Jahrzehnten, war Italien wieder einmal Opfer einer Hochwasserkatastrophe, die Schäden waren unermesslich, auch an Kulturgütern. Ich arbeitete in jener Zeit als Produktionsleiter beim Fernsehen und war zufällig gerade im Haus, als vom Ticker die Schreckensmeldungen einprasselten. Der Programmdirektor trieb flugs die Leute zu einer Ad-hoc-Sitzung zusammen, die Ideen für Maßnahmen beitragen könnten, so saß ich per Zufall auch darunter. Die zündende Idee hatte mein Sitznachbar „Heiner Gautschi aus New York“, der von dort drüben täglich am Radio berichtete. Er erzählte von den Stop-and-Whistle-Trains, die anlässlich von Präsidentenwahlen jeweils die USA durchkreuzen, Spenden sammeln und in den Haltestädten die Wählerschaft zusammenpfeifen.

Die Idee schlug ein, das sollte sich auch in der Schweiz machen lassen. Stunden später eine zweite Sitzung, bereits mit den zukünftigen Verantwortlichen für den „Pfeifzug“. Darunter natürlich Vertreter der Generaldirektion der Bundesbahnen, Fahrplan-, Strom- und Maschineningenieure, der Pressechef und ähnliche, die auf dem Zug mitfahren sollten. Eine neue Hochgeschwindigkeitszug – Triebwagenkomposition sollte als Stop-and-Whistle-Train dienen, in allen Richtungen die Schweiz durchkreuzen und bei dieser Gelegenheit gleich der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Die Aktion erhielt den Namen „Weißer Stiefel“, in Anlehnung an die Stiefelform Italiens und ans Marschieren im Wasser. Sie lief nach wenigen Tagen an und wurde ein Groß Erfolg. Es wurde erst Stunden zuvor bekanntgegeben, wo der Zug jetzt hinziele, und an den Zielbahnhöfen begann eine nie gesehene Improvisation. Ganze Grossbahnhöfe mussten für den Reiseverkehr gesperrt werden, die Bevölkerung blockierte teils die Gleisfelder, Schulen und Betriebe wurden geschlossen und starteten eigene Sammelaktionen, Musikkorps bestiegen den Zug und fuhren gleich mit. Der Zug war als fahrendes Fernsehstudio eingerichtet, das war ständig auf Sendung, und Reporterteams berichteten live über das Geschehen und die Sammelfortschritte.

Da hier siebenstellige Beträge zusammenkamen, war Sicherheit gefragt, und Polizei und Sicherheitsspezialisten waren an Bord, wie auch ein eigener Bankwagen. Dass das nicht übertrieben war, zeigte etwa ein Maschinenausfall in der Nähe von Burgdorf, wo der Zug auf offener Strecke längere Zeit stehen blieb. Natürlich blieben alle kriminellen Zwischenfälle erfolglos, und für mich war die Organisation des Weißen Stiefels eine äußerst interessante Herausforderung.

„Samichläuse, Pistolen und Schwarzenegger“ trafen bei einem Halt im Hauptbahnhof Bern aufeinander. Wie in Schwarzeneggers Film drang ein als Gangster verkleideter Samichlaus in den Bankwagen ein und bewegte sich Richtung Kassenschalter, ich in Berührungsdistanz hintendrein, aber ich war nicht der einzige, der den stümperhaften Ganoven beobachtet hatte. Die Gefolgsleute waren Polizisten und Sicherheitsleute, und schon wurde der dilettantische Bankräuber in Handschellen abgeführt. Er verbrachte Weihnacht hinter Gittern.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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