In Haiti explodiert das Wasser

Miragoanesee-1

Datum: 29. Dezember 2009
Uhrzeit: 17:58 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Die „Hydrologen“ streiten sich. Ob der Zufluss grösser wird als der Abfluss, der innere Zuwachs oder die Verdunstung, das Wachstum durch äußeren Niederschlag oder innere Karstquellen, ob der Grund- oder Karstwasserspiegel seine Grenzen nicht mehr kennt ( den Unterschied kennen sie ohnehin nicht ) oder das Meer heimlich infiltriert, das Schwemmgut den Abfluss verstopft oder das Seebecken auffüllt und das Wasser verdrängt oder tektonische Hebel am Werkeln sind, was tut’s. Tatsache ist dass der See zunimmt, wie die Fährkapitäne und Diebe, die davon profitieren.

Die einstige Nationalstraße wurde 2008 angeblich von Hurrikanen zerstört und geflutet, aber jetzt sind es zwei Jahre später, und sie versinkt immer noch tiefer. Anfänglich kostete das viele Menschenleben, und Camions mit Hilfslieferungen garagierten in dem See, zur Freude der Fische. Als es kein Futter mehr gab, fanden die Fische Tummelplatz und Aquarium. Einige konnten so quasi üben, denn es gibt hier Fische, die sonst nirgends vorkommen als in dem See, „endemische“ Fische, und in Aquarien der ganzen Welt. Die „Miragoane Gambusia“ hat ihren schmucken Namen von dem See. Dieser ist auch berühmt-berüchtigt wegen seiner Hakenwürmer und der Blutegel; selbst eine Ärztin erwischte von dem Zeug.

Im Übrigen läutete die Flutung eine richtige Katastrophe ein, denn die Straße ist die einzige, die weiter zu den Städten der südlichen Halbinsel führt, der 250 km langen Tiburon-Halbinsel. Da gibt es neben einigen Spitälern sogar die eine oder andere Universität, Fabrik oder Hotelanlage, ihre Stromaggregate blieben stehen, Treibstoff durfte Heli fliegen, die Preise explodierten, denn der Benjamin unter den Häfen, der von Miragoâne, ist naturverbunden und akzeptiert zwar Drogenschmuggler und Gelegenheits-Piraten, aber keine Supertanker.

Anfänglich versuchten todesmutige Chauffeure das neue Gewässer zu durchqueren, viele ertranken, und Camions blieben bei den Fischen. Die Straße wurde gesperrt, die Benzin- und Lebensmittelzufuhr in hilf- und hafenlose Südstädte wie Cayes war unterbrochen, die Bevölkerung rebellierte, die Blauhelme mussten wieder einmal Frieden schaffen.

Dort wo die Straße in die Fluten taucht, begann es zu blühen, das neue Business. Entwickelte sich „Venedig in Haiti“, ohne Gondeln und Touris, aber mit « Bwafouye », löcherigen und wackeligen Holzbooten. Die Anwohner wurden ebenfalls zu Boat-People, es geht in Haiti einfach nicht ohne, transportierten Gestrandete ins Jenseits, einzeln oder in Gruppen, in den Booten oder auf den Rücken, hoffentlich dorthin wo die Straße wieder aufzutauchen beliebte. Das Gepäck je nach Menge in einem oder mehreren anderen „Booten“, ein Teil davon pflegte drüben nicht anzukommen, wie bei den Boat People nach Amerika. Den ahnungslosen Ankömmlingen wurde das Gepäck aggressiv entrissen, und aggressiv wurde dieses unter den Dieben „aufgeteilt“. Gepäckdiebstahl und Verkauf von Diebesgut war ein neues Geschäft.

Ebenso grob kämpften Träger und Schiffer um die Reisenden, sowie unter sich um den Trägerlohn. Mich selbst versuchten sie mit Brachialgewalt auf eine „Fähre“ zu zerren, und ich wollte doch nur ein Föteli für diese Geschichte knipsen und gar nicht hinüber. Als die Bootspassagiere das bemerkten, schrien sie Protest und wollten gleich zum Prügeln aussteigen, aber ich war schon unterwegs und das Boot hatte schon abgelegt und das Wasser war zu tief.

Da sie sich eher in der Seemitte auskannten, die Schaluppe wie alles in Haiti hoffnungslos überladen war und Haitianer in der Regel nicht schwimmen können, zogen viele das kleinere Übel vor. Von den Hakenwürmern erfuhren sie erst hinterher wenn sie es spürten.

Ein neues Business waren auch die Verkaufsstände, die sich sofort ansiedelten, es entstanden neue Märkte und ein „Stadion“ für Schaulustige, die sich zu Dutzenden einstellten und das Geschehen zur Belustigung anschauten, etwa wie einen Fussballmatch oder einen Science Fiction Film am Fernsehen. Denn einem solchen glich das Unglaubliche was sich hier abspielte am meisten. Und alles gegen Eintritt, versteht sich. So begann die neue Wirtschaft zu blühen, ringsum.

Rasch waren die Genietruppen der UNO zur Stelle, zum Glück waren die in der Nähe. Mit schwerem Gerät haben sie Berge versetzt, eine Notpiste geschaffen, die für Schwergewichte und gute Fahrer gerade passierbar ist. Die sehr breite, überaus steile neue Piste führt an zahllosen Pannen- und Unfallfahrzeugen vorbei auf die andere Seite des Küstengebirges und damit der gefährlichen Seenfalle. Mit ihren Riesen-Maschinen bauten sie in kürzester Zeit eine Behelfs-Straße über den Berg, sodass wenigstens die schwersten Brummer den teuflischen neuen See umfahren konnten, wenn sie es schafften. Das taten beileibe nicht alle. Die Not Straße besteht immer noch, als einzige Verbindung in die Halbinsel, die schlimmsten Stücke sind nun asphaltiert und für Personenwagen passierbar, wenn das die Motoren leisten. Denn die Steilheit übertrifft jegliche Vorstellung.

Der Miragoane-See oder Etang de Miragoâne ist, nach dem Azüey-See, der zweitgrößte See des Landes und wäre durch sein unmögliches Verhalten im Begriff, der größte zu werden, wenn dieser selbst, eben der Lac d’Azüey, nicht unter demselben Problem litte und ebenfalls wachsen würde. Wir haben hydrologisch begonnen und wollen so enden. Haiti ist hydrologisch äußerst interessant, mehr in einem späteren Artikel. Denn für eine Kolumne sind nur 10’000 Buchstaben erlaubt. Wir haben von den steigenden Seen gehört ( Miragoâne, Azüey, jenseits der Grenze Enriquillo; dass außerdem auch das Meer steigt, ist ein außer-haitianisches Problem ), in den zahlreichen Karstgewässern steigt das Wasser in den kommunizierenden Röhren unter Druck sogar aufwärts und tritt aus Strom- oder Unterwasser-Quellen wieder aus, und an der ganzen Nordflanke der Südkordillere sind artesische Quellen bekannt – vor einigen Tagen hat die Anbohrung einer solchen bei Léogâne sogar zu einer „Wasser-Explosion“ mit lautem Knall geführt, und es gelang bisher noch nicht, das herausschießende Wasser zu stoppen. Ist es nicht logisch, dass in einem Land wo die meisten Menschen nicht lesen und schreiben können und keine Schule besuchten, aber wo Wasser bergauf fließen und explodieren kann, Teufel und Geister regieren?

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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