Haiti ist voller Musik, Farben und Gerüche

Lambidecke

Datum: 30. Dezember 2009
Uhrzeit: 08:47 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Wenn man nach der Landung auf dem „Toussaint L’Ouverture International Airport“ von Port-au-Prince das Flugzeug verlässt und das Flugfeld zum Empfangsgebäude überquert, erstickt man fast und fällt in Hitzeschock. Doch der Schock wandelt sich gleich in Sympathie: neben dem Eingang steht eine kleine Band und singt für die vielen Gottesleute und Entwicklungshelfer und die wenigen Touristen. „Haiti, Haitireisen, Reisen, Touristik, Tourismus, Chérie“, geliebtes Haiti, weichstimmiger Gesang mit Gitarren- und Trommelklängen. Dann tritt man ein nach Haiti.

Haiti ist voller Musik, Farben, Gerüche. Man muss zum Musikseher und -riecher werden hier, zum „Synästhetiker“, gelehrt ausgedrückt. Im Lambi tönt die Decke nach Farben, und den ganzen Tag über duftet Musik aus den riesigen Lautsprechern. Straßen und Plätze sind voller Vodou- und Carneval-Musik. Ram hört sich am besten im Hotel Olofsson, Vodou-Jazz, Rara, Mizik Rasin, RAM, Haiti Reggae, Haïti Rock und -Funk, Kompa Mamba, Zouk und Haïti Rap hört man allenthalben, am besten aber im Lambi. Besonders samstags treten hier die meist berühmten Original-Künstler auf, auch traditionelle Liedersänger nicht ausgenommen.

Viele Rap- und Reggae-Lieder beinhalten politische Texte, auch solche welche Gewalt, Drogen und Vergewaltigung promoten. So wurden sie von der Regierung vielfach verboten. Auch Roots-Musik, Rara und Vodou sind nie unpolitisch, selbst dann nicht, wenn sie im Rahmen von Zeremonien gespielt wird. Die Botschaft der Songs lautet Einheit durch Vodou, Black Power in Verbindung mit den afrohaitianischen Wurzeln, aber auch Stoffe oder Informationen über Abfallentsorgung, Entwaldung, Hygiene oder Wahlpropaganda. Die Haitianer sind eben auf Musik getrimmt, und nichts kommt so gut an wie eine Musikbotschaft. Clevere „Botschafter“ wissen das auszunützen.

Haiti ist voller Klangerlebnisse, auch nachts. Damit meine ich nicht unbedingt die hiesige Unsitte, das Telefon zu jeder Nachtzeit klingeln zu lassen ( weil es dann billiger oder sogar gratis ist ), ich schalte mein Handy über Nacht aus. Sondern ich meine die vielfältigen „Ohrenschmäuse“. Unter einem Ohrenschmaus versteht man sonst meist ein klassisches, schönes Musikstück. Für mich bedeutet das Wort aber Klangerlebnis schlechthin.

Die Klangwelt ist überwältigend. Zum Beispiel die verrückte namenlose, inzwischen verstorbene Nachbarin, die allnächtlich nach Mitternacht ihre urtümlichen Schreie und Zaubersätze ins Dunkel hinaus schrie. Man verstand die Laute nicht, es schien wie wenn die Dame unter Schock mit einem toten geliebten Menschen kommunizieren wolle. Sie kommunizierte allein. Vielleicht mit einem Geist. Wie wenn sie einen Toten zwingen wollte, doch wieder ins Leben zurückzukehren, durch immer lautere Schreie.

Oder die Tambouren der Vodou-Zermonien. Mit bloßen Fingern klopfen sie ekstatisch und manchmal die ganze Nacht durch ihre Tam-Tams. Besonders im Januar, aber auch zu jeder anderen Zeit. Wie ich es als Junge gelesen, und als Abenteuer-Guide im Kongo erlebt habe. Was sie wohl mitteilen wollen? Wer sie wohl hört? Ich m a g sie hören, und ärgere mich fast, wenn ich die Trommelklänge wegen Einschlafens verpasse. Die Opferrituale produzieren ganze Klangfamilien. Da sind einmal Gesänge und Sprechgesänge von unglaublicher Urtümlichkeit. Fremdartige Melodien und Sprechchöre satzweise von einem Vorsänger hinausgeschrien, von einer scheinbar großen Menge repetiert, bis in die Morgenstunden.

Die Laute die aus christlichen Gottesdiensten, aus Kirchen oder aus Freiland-Messen dringen, sind nicht minder eindrucksvoll. Die Kirchenmusik hat ihren eigenen Stil, ist melodisch oder rhythmisch oder beides zugleich, phantasievoll gemischt. Trommelwirbel, Paukenschläge und wilde Tänze der Gläubigen sind die Regel. Mit hocherhobenen Armen, unter Einsatz des ganzen Körpers. Tanzende Mütter mit ihren Babys in den Armen. Die Geistlichen posaunen ihre Lobreden und Predigten unter Einsatz all ihrer Kräfte in die Gemeinde hinaus und erinnern an ganz große Schauspieler auf der Bühne. Auch hier Sprechchöre und Wechselgesänge von Gruppen unter sich oder mit einem Vorsänger. Die Gläubigen kommen denn auch in Massen, in jedem Alter, an jedem Wochentag, zu jeder Nacht- und Tageszeit. Sie geraten gar in Ekstase. Die Gottesdienste sind für mich ein Spektakel, ein Event.

Zu meiner heimischen Klangwelt gehörte auch das unaufhörliche Schreien der kleinen Schleiereulen, die in meinem Haus gleich unter dem Schlafzimmer wohnten. Ich habe seinerzeit die große Terrasse etwa einen Meter über dem bereits bestehenden Betondach gebaut, sodass ein doppelter Boden entstand. Die Hohlräume sind nach außen und im Innern durch Mauern unterteilt, nur für interessierte Tiere von außen durch Öffnungen zugänglich. Ich hatte beim Bau mit Fledermäusen als Untermieter gerechnet, aber zu meiner Freude und Überraschung waren es Schleiereulen, die sich einnisteten. Sie gebären hier jedes Jahr ihre Babys, manchmal zweimal. Diese sorgten für das erregende Klangerlebnis, das ich genoss, das aber schlafende Gäste auch mal geärgert hat. Seit ein paar Jahren sind die Eulen leider ausgezogen.

Oben in Montagnes Noires schreitet morgens vor vier ein Sänger mit einem Megaphon durch das Dörfchen. Alle paar Häuser hält er an und fordert mit einer eigenartigen Melodie die Menschen auf, aufzustehen und zu beten. Sein Lied schallt in die stille Nacht hinaus, ich liebe es an diesen eigenartigen Klängen zu erwachen, sie erfüllen mich mit Tatendrang und Kraft. Die Menschen draußen steigen darauf ins Tal, wo in der Dorfkirche der Gottesdienst bereits begonnen hat. Ein Gottesdienst, der wieder seine eigene Klangkulisse bietet.

Unvergessliches Erwachen unter bestimmten Klangerlebnissen schilderte ich auch, so das Wecken durch ein Orgelspiel oder durch Röhrende Hirsche. Ich finde, dass die modernen elektronischen Klangverstärker die Klangwelt nicht nur verteufeln, sondern auch ungemein bereichern können. Prediger, Rapsänger, Orgelspieler, Wasserverkäufer, Sittenwächter, Warenanpreiser, Bellmen und Ausrufer, Magier und Zauberer sind anstelle der Urwaldtrommeln getreten, den Hörabstand kann ja jeder selbst bestimmen.

Auch die stereotypen Computermelodien der kleinen Wassercamions, die aus ihren buntbemalten Tankkesseln das Trinkwasser gallonenweise verkaufen, gehören zur alltäglichen, typischen Klangwelt in Haiti. Ihre Kennmelodien, gespielt von auffälligen elektronischen Pfeifen, sind von weitem erkennbar. Ich habe diese Ohrwürmer lieben gelernt, an denen sofort erkennbar ist, wo es zu trinken gibt. Man darf ja das Moderne nicht nur aus Prinzip verdammen. Die neuen Errungenschaften stehen dafür, dass das Volk lebt und nicht zum Museums- oder Folklore-Objekt verkommen ist.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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