Graffiti in Haiti

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Datum: 31. Dezember 2009
Uhrzeit: 14:13 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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In analphabetischen Kulturen sind sinnliche Künste wie Malerei, Bildhauerei, Musik und ähnliche besonders entwickelt. Haitis berühmte Gemälde sind in Museen und Galerien, aber auch an Haus- und Straßen mauern unter freiem Himmel ausgestellt. Manchmal werden die Bilder erst noch klangmäßig begleitet, da ganz Haiti klingt von Musik und Gesang. Von diesen Bildern sei aber später die Rede; das heutige Thema beschränkt sich auf die Malereien auf Mauern, Graffiti also, die einige Straßen kilometerweit umsäumen.

Wenn ich nun schreibe über „Zeitungen für die, die nicht lesen können“, ist das nicht stilgerecht, denn meine Kolumne muss man ja auch lesen können. Man könnte meinen, Kultur sei nur für Gebildete, für Leseratten reserviert. Zudem ist für „Presseartikel“ NUR EIN Bild erlaubt, und Wandzeitungen bestehen doch aus vielen.

Die Bildbeispiele dieser Kolumne stammen aus der unteren Route Délmas in Port-au-Prince, hinter den Mauern ist Polizeigebiet. Man stelle sich vor, was wohl in der Schweiz geschehen würde, wenn Sprayer die „sauberen“ Mauern der Polizei beflecken würden… Hier aber klagt niemand die Graffitimaler und Sprayer an, jeder freut sich an ihren Werken, und die Polizisten haben Besseres zu tun. Zudem waren die mir bekannten Graffiti in der Schweiz und etwa in den Bahnhofunterführungen Frankfurts und anderer europäischer Großstädte teils von anwiderndem Niveau. Da haben doch die Wandbilder in den haitianischen Städten deutlich mehr Stil.

Die Kunstwerke werden wieder übermalt und neu geschaffen, tausende gingen unter den neuen verloren – niemand fragt danach, und niemand macht das für Gourdes (so heißt die Währung in Haiti). Die Motive umfassen alles, was die Volks-Seele bewegt, von der Vodou- bis zur modernen Kunst.

Andere Bilder zeigen haitianische Siedlungen mit den einfachen Häuschen, einer belebten Straße, der Arena für die Hahnenkämpfe und was sonst noch dazu gehört, oder Bilder aus der Natur mit farbenprächtigen Papageien, wie sie auch in Haiti einmal zur Natur gehörten.

Häufig werden Szenen aus der Landwirtschaft dargestellt. Etwa wie weiße Entwicklungshelfer den Verkauf einheimischer Früchte zelebrieren, die nachfolgend auch einzeln dargestellt werden: dahinter versteckt schaut das haitianische Wappen hervor, bedeutet doch, die einheimische Produktion sei vorzuziehen. Die Wandzeitungen sind auch ein Medium für Politik. Ein anderes Bild bietet Anschauungs-Unterricht über das Leben im Dorf oder bei den Fischern.

Die Menschen in Haiti sind stolz auf ihre Idole, berühmte Sänger, Musiker, Künstler und Sportler, die es geschafft haben. Erinnerungen an Verstorbene werden immer wieder auf die Wände gebracht, verewigt kann man leider nicht sagen, da man nie weiß, wann ein Werk vom nächsten übermalt wird.

Nach 1800 hat sich der Sklavenstaat blutig vom Joch der Kolonialmächte und Großgrundbesitzer befreit. Auch wenn die nachfolgenden Tyrannen während zweihundert Jahren das Land zu Boden wirtschafteten, sind die Haitianer doch heute noch stolz auf die erkämpfte Freiheit. Zahllose Sagen und Legenden wurden seitdem bis heute mündlich überliefert, und die fantastischen und oft schrecklichen Ereignisse sind auch das Thema zahlreicher Wandmalereien.

Aus dem wohl einzigen erfolgreichen Sklavenaufstand der Weltgeschichte ging die erste selbstständige Nation Lateinamerikas hervor. Dessalines ist heute einer der Nationalhelden Haitis. Er entwarf eine Flagge und ernannte sich selbst zum Kaiser Jacques I. Er ließ die im Land verbliebenen Franzosen ermorden. Das französische Revolutionsmotto der „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurde verfehlt. Die Mulatten wurden die neue Elite, die Schwarzen blieben eine rechtlose Landbevölkerung. Dessalines Grausamkeit rief bald eine Verschwörung unter dem Schwarzen Henri Christophe und dem Mulatten Alexandre Pétion hervor, durch welche er im Oktober 1806 ermordet wurde. Mit seinem Tod endete auch das Kaisertum; Haiti wurde eine „Negerrepublik“. Die Sklaverei blieb die alte, aber an die Stelle der Peitsche trat der Säbel.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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