Haiti: Häuser aus Sandsäcken

Sandsackhaus

Datum: 02. Februar 2011
Uhrzeit: 20:05 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Heute – wenn die Kolumne erscheint müsste es „gestern“ heißen – war eine kleine Reise nach Westen vorgesehen, eigentlich sollte an meinem früheren Wohnort nur noch ein Weihnachtspaket mit Fressalien abgeholt werden. Dieses konnte natürlich nicht im Freien deponiert werden, da an meiner Adresse nur noch ein Schutthaufen besteht. Das Fresspäckli ist mir von meiner Frau in Flums vor zwei Tagen telefonisch avisiert worden und wir haben es schließlich bei einem entfernten Verwandten aufgespürt. Der Roquefort und anderer Käse war sicher gut gemeint, aber natürlich längst vorbei. Auch der Schlendrian hat sich wieder einmal bestätigt, diesmal nicht bei der Post, sondern bei einer Speditionsfirma. Die Transportfrist betrug diesmal zwei Monate, Weihnacht war schön in der Mitte.

Ich bin nicht mehr unbedingt scharf auf Reisen- und doch muss man hie und da die Unbille in Kauf nehmen. Sieht man doch jedes Mal wieder allerhand Neues und die Abenteuer sind stets sagenhaft.

Tagwache war heute um 4 Uhr, es reichte noch für ein e-Mail an meinen Freund und für einen Néscafé, natürlich mit Brot und Roquefort-Käse. Dann der Spaziergang zur Brücke hinunter, es war noch stockfinster. Wir wollten eigentlich um 5 Uhr losfahren, weil heute – wieder einmal – die Bekanntgabe der Wahlresultate versprochen war und Manifestationen angesagt waren.

Aber es begann schon vorher. 50 m nach der Brücke gingen zwei Marktfrauen aufeinander los, ihre Verkaufsgüter flogen wie Streufeuer über die Straße. Sie schrien und prügelten, Melissa, Mystal und viele andere, die sich sogleich einfanden, gingen in den Menschenknäuel und versuchten die rasenden Frauen zu trennen, es sah nach Todesopfern aus. Ich hielt mich fern, schaute im Dunkeln zu und hörte. Hordenweise liefen Menschen an mir vorbei, Klingen blitzten auf und währschafte Knüppel waren bereits zur Hand, einige trugen auch große Steine als Waffen.

Ich wusste gar nicht was los war und versuchte Melissa in einem günstigen Moment anzukicken. Ich machte nur aus, dass der ebenfalls beknüppelte Mann zwei Frauen zuhause hätte, das kommt natürlich nie gut heraus und ist auch hier unchristlich und ungesetzlich. Zumal die sich offenbar vor Rage töten wollten. Die Horde wurde immer grösser und es begann zu dämmern, so sieht man wenigstens etwas von der Tragikomödie. Menschenhorden rennen bergauf und runter in die Schlucht, Menschen sind verletzt, das Geschrei ist fürchterlich, jetzt auch unterstützt von kreischenden Kindern. Schließlich gelingt es Melissa, ihrer Schwester Majorie und Mystal, den verrückten Mann und eine der Frauen auf die Mazda-Brücke zu laden und zur Polizeistation von Pétion-Ville zu bringen. Unterwegs springt der Kerl noch mehrmals ab auf die Straße und zurück auf die Brücke, die andere Frau ist in die Büsche abgehauen. Den Rest überlassen wir der Polizei, die hat ja ohnehin zu wenig zu tun.

Unterhalb Pétion-Ville, im „Canapé Vert“, fahren wir an einem fürchterlichen Unfall vorbei, einem Sammeltaxi haben auf der steilen Straße die Bremsen versagt, es hat sich selbständig gemacht und überschlagen.

In Kfou steht ein Polizist nach dem andern, in 2-Meter-Distanz in der Strassenmitte. Sie halten wenigsten den Verkehr noch weiter auf. Während eines solchen Aufenthaltes beginnt Melissa ein Gespräch mit dem daneben stehenden Gesetzeshüter. Sie fragt ihn, warum denn eigentlich jeden Tag Polizisten erschossen würden, das ist nämlich seit langem der Fall. Der Polizist wird ganz traurig und antwortet, in der Regierung gäbe es Leute, die zahlen für jeden abgeschossenen Polizisten 700$. Sie wollten damit das Verbleiben der MINUSTAH erzwingen. Überdies sei das Polizeikorps sehr schlecht gehalten; sie müssten zum Beispiel Telefone, Funkgeräte und Motorräder privat bezahlen und bekämen keine Beiträge. Und schusssichere Westen gäbe es auch nicht mehr.

Auf dem Mittelstreifen der Route de Rail sind sämtliche Zelte verschwunden. Über diese gefährliche Siedlung inmitten von rasenden Autos und Auspuffgiften habe ich auch schon geschrieben, das ist mal etwas Positives. Auch zahlreiche neue Holzhäuschen werden ausgemacht und mehrere Camions mit weiteren solchen Gartenlauben sind unterwegs. Den Clou haitianischen Einfallsreichtums sehen wir aber in den ersten Häusern aus Sandsäcken mit Wellplastikdach. Diesen Bewohnern kann bestimmt auch bei schwersten Erdbeben in Zukunft nichts mehr geschehen. Ich beneide die fast um ihre cleveren Ideen.

In Gresye finden wir bei einem Bekannten endlich unser lang verdientes Weihnachtspäckli, aber schon auf dem Rückweg müssen wir im selben Dorf an einem neuen, schweren Unfall vorbeifahren. Ein „Obama“, wie sinnigerweise die chinesischen Reisebusse heißen, hat einen Motorradfahrer überfahren. Ich muss mich in solchen Fällen immer wieder bemühen, die Leute vorwärts zu peitschen, denn als geborene Voyeure würden sie am liebsten anhalten und auch zusehen.

Wir haben wieder Glück gehabt, wir haben die versprochenen Manifestationen verpasst. Einen Moment halten wir noch an, da wir Emanuel antreffen, den Sicherheitschef der Botschaft einer Großmacht. Der kennt Stadt und Land wie keiner sonst und ich habe die Blitzidee, ihn nach dem dringend gesuchten Standort einer Mauermalerei mit einem Handtrommler zu fragen. Ich will eine solche Aufnahme als Titelbild für mein nächstes Buch, „Märchen aus der Trommel“. Ohne einen Moment zu zögern, antwortet er mir: „Beim Eingang zum Zentralfriedhof, links von der Pforte.“ Jetzt hat sich die Reise auch für mich gelohnt! Die Manifestationen können von mir aus beginnen, die Geschäfte sind mit Holz eingekleidet. Holz und Sandsäcke sind jetzt Mode. Zudem können wir uns heute Manifestationen schenken, es war ohne solche genügend los.

Am Nachmittag dreht ein Bus- oder Gesellschafts-Helikopter ein paar Runden. Jedenfalls haben sie viele Fenster auf der Seite, wie Obamas und richtige Reisebusse, Was werden die neugierigen Journalisten wohl wieder darüber schreiben, was sie alles in dem Nachbarland der Dominikanischen Republik angeblich gesehen haben wollen?

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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