Wahlen in Haiti: Endlich einen Schritt weiter

Duvaliers

Datum: 03. Februar 2011
Uhrzeit: 16:28 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Das war eine lange Nacht. Wieder einmal waren die definitiven Wahlresultate versprochen. Wir saßen die ganze Zeit vor dem Radio, und wir waren beileibe nicht allein. Auch die Welt wartete, wohl sogar die da oben, die von der ISS herunterleuchten.

Gestern waren wir abermals in Gresye und am Mittag wieder zurück. Vor dem Außenministerium, an dem wir vorbeifuhren, war es noch still. Aber wir sind gerade noch durchgekommen; schon am frühen Nachmittag hätten dann Demonstrationen begonnen. Demonstrationen zugunsten von Aristide, für den eine Passerneuerung und die Rückkehr gefordert wurden. Dabei wäre es heute um die Wahlen gegangen, mit denen Aristide hoffentlich nichts mehr zu tun hat. Man sieht, dass hier die Karten gut gemischt werden.

Manifestationen hätte es aber vielerorts gegeben, mit vielerlei Zielen – bis in und über die Nacht. Es flogen mehr Flaschen und Steine als Vögel. Gut, dass sich die meisten Geschäfte eingeholzt hatten. Trotzdem hörte man schon bald von mehreren erschossenen Polizisten, dann auch Zivilpersonen. Die Menschen auf der Straße bemerkten, jetzt regieren die Banden, die Kriminellen. Die Noch-Regierung wolle das so, die solle schleunigst abdanken.

Schließlich mischte sich auch noch Baby Doc ein, ich glaubte am Radio wenigstens seine Stimme zu erkannt zu haben. Alle müssen doch zeigen, dass sie auch hier sind. Die Menge gibt kund, Aristide habe den Pass erhalten und komme auch noch, niemand weiß wieder einmal, was stimmt. Man merkt nur, dass sich eine einzige Macht mit allen Mitteln erhalten will. Wenn die abtreten würde, dann wären wohl viele Probleme gelöst.

Aber da sind zu viele Köche, die im Brei rumstochern. Der alte Präsident denkt nicht daran, aufzugeben. Im Gegenteil: Er genießt Schützenhilfe rundum: Vor allem der Despot aus Venezuela bietet ihm jede nötige Unterstützung an. Und auch Kuba beginnt sich zunehmend einzumischen. Es baut sich zunehmend eine karibische Front auf, mit Zielrichtung gegen die bösen Amerikaner. Dabei sind die in Venezuela oder Kuba die Schlusslichter in ganz Lateinamerika- und werden international kaum beachtet. Das würde gerade noch fehlen, wenn als nächste Katastrophe Haiti zu einem neuen Kriegsschauplatz würde, einem Kriegsschauplatz ausländischer Mächte.

Logisch, dass die Amerikaner da ganz anders getrimmt sind und die Franzosen nochmal anders. Sie halten es mit der OAS, der Organisation Amerikanischer Staaten, die ja Préval mit allen Mitteln zwingen wollten, ihre Empfehlungen umzusetzen. Und Kanada steckt irgendwie zwischendrin. Die Chinesen halten sich diesmal noch wohlweislich zurück; zu oft haben sie die haitischen Krisen schon zum Ausspielen eigener Interessen missbraucht (zum Beispiel, als die Volksrepublikaner drohten, ihre humanitäre Hilfe einzustellen, wenn Haiti die Hilfen der Nationalchinesen weiterhin akzeptiere … ). UNO und MINUSTAH tun wohl das Beste, was im Moment möglich ist: Sie hüllen sich in Schweigen, denn Schweigen ist Gold.

In dieser Nacht sind zweifellos viele Telefone heiß gelaufen. Sogar der Aether ist heiß gelaufen, denn auch ins Internet war wieder einmal kein Zugang. Bis etwa um 8 Uhr heute Morgen, der Hauptansturm war dann scheinbar vorbei, ging nichts. Es wurden all die langweiligen Präsidenten- und Senatorenzahlen aus den Wahlbezirken herunter geleiert, die sind jetzt mehr als 2 Monate überfällig, vom Weltgesicht geprüft und offiziell. Ich begnüge mich mit der Hauptsache: Danach werden Manigat und Martelly zur Stichwahl antreten. Ein Ergebnis, das ich unter den gegebenen miesen Umständen für das am annehmbarsten halte.

Ich weiß auch nicht, wie sich die „Partisanen“ und Schlägertruppen der Inite bzw. des ausgebooteten Jude Célestin verhalten- und ob jetzt plötzlich Ruhe einkehrt auf den Straßen. Jedenfalls können sich nun etliche Spieler wieder mehr den Tagesproblemen im Nachbarland der Dominikanischen Republik zuwenden. Zum Beispiel der Cholera, die immer noch ihre täglichen Opfer fordert.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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