Wild West in Haiti

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Datum: 04. Januar 2010
Uhrzeit: 17:59 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Über Miragoâne und seinen neuen See habe ich in den letzten Tagen und auch früher schon geschrieben. Sie erinnern sich, dass Miragoâne, kreolisch Miragwàn, ein vergessenes Piraten- und Schmuggelnest im Westen der haitianischen Südhalbinsel ist, dem sogenannten „Tiburon“. Miragoâne wurde dann die Hauptstadt des Departements Nippes. Durch den See war es vor zwei Jahren auf dem Landweg vollkommen abgeschnitten, noch mehr als es schon unter „normalen“ Umständen gewesen war. Und auch die fast über Nacht erstellte Notpiste änderte da nicht viel, denn lange zeit war die nicht für alltägliche Vehikel befahrbar.

In einem riesigen Kreisel vor Miragoâne prallen die Straßen äste aufeinander: von links her die nördliche Küsten- und Nationalstraße von Port-au-Prince, von hinten her ihre Fortsetzung zu der südlichen Küstenstraße, und rechts geht’s dann steil zur Altstadt hinunter, dem einzigen Zugang zur Nordpiste von Nippes. Oben halten all die Tap-Taps, Busse, Camions und wie die Vehikel alle heißen, hier ist der „Hauptbahnhof“. Hier wird umgestiegen, verpflegt, aufgetankt, gerastet, eingekauft und natürlich ausgiebig gefeilscht und geschwatzt. An eigenen Ständen werden die typischen „Douce Macosse“ verkauft, ein marzipanähnliches Zuckergebäck, das fast jeden Insulaner zum Schleckmaul verwandelt. Die Zuckertafeln sind oft so phantasievoll bemalt wie die Transportmittel rundum.

Hier gibt’s auch Parkplätze, die letzten und einzigen. Denn die Altstadt ist in einem so tiefen und engen Felsenloch eingeklemmt, dass kein Raum bleibt für die Durchgangsstraße, geschweige denn für Parkplätze. Parkieren ist denn auch verboten, außer für Sanität und Polizei, denn man blockiert dann gleich die Gasse, die keine zwei Autos breit ist. Die Waghälse die es nicht glauben wollen müssen den Stadtkern in einer abschüssigen Einbahn-Ringstraße im Gegenuhrzeigersinn umfahren; sie riskieren von einem Pannenfahrzeug stundenlang blockiert zu werden. Anhalten unmöglich, einzige Möglichkeit vorn im Einheitstempo steil hinunter zu rattern, unten ohne Anhalt durch zu tuckern und jenseits der Stadt dasselbe wieder hinauf. Vorn sind gute Bremsen, hinten die Kupplung gefragt. Die freundlich gemeinte Aufschrift auf einem Tap-Tap „Habt keine Angst!“ nützt da auch nicht viel.

Eigentlich haben Autos hier gar nichts zu suchen, im heute noch drittgrößten Hafen des Landes, dies nach dem „Prinzenhafen“ ( Port-au-Prince ) und Cap-Haïtien. Der natürliche Hafen liegt in einer tief in hohe Berge eingeschnittenen Bucht, und man versteht jetzt, warum das Indianerwort „Haiti“ „bergiges Land“ bedeutet. Und dereinst wohl im wichtigsten, wurde er doch schon von den Spaniern regelmäßig angelaufen noch bevor die Franzosen hier Fuß fassten ( wo fassten sie nicht? ). Miragoâne war dereinst auch ein Goldhafen. Spanier und Franzosen haben ja vorwiegend in solchen geankert. Ihre Schnüffelnasen waren darauf spezialisiert.

Von den Piraten habe ich schon erzählt, aber die Schmuggler sind immer noch übrig geblieben und heute die bedeutendsten Hafenbetreiber. Sie schmuggeln (soweit mir bekannt) keine Drogen mehr, die Blauhelme waren gottlob effektiv (wieder, soweit mir bekannt), sie sind heute spezialisiert auf Gebrauchtwaren aus den USA: Kleider, Schuhe, Haushaltgeräte und Autokadaver in jedem Zustand. Sie handeln die Ware ballen-und containerweise und man findet sie wieder in den Straßen märkten der ganzen Insel.

Miragoâne hat natürlich auch seinen eigenen Strassenmarkt, und die Leute von Haiti reisen mit Kähnen und Taptaps von weither, um hier einzukaufen, denn diese Diebesbeute- und Gebrauchtwarenmärkte der U.S.A. sind die billigsten Basare im Land. Das steckt den Menschen so tief in Fleisch und Blut, dass sie hier einkaufen kommen, selbst wenn sie unter Einrechnen der Fahrspesen draufzahlen. Aber so weit rechnen die ja nicht.

Während der Militärdiktatur und des jahrelangen Handelsembargos war der Hafen spezialisiert auf Embargo-Umgehung. Die Schmuggeljobs hatten, im Gegensatz zu den übrigen, Hochblüte. Ein Bekannter von mir hatte zum Beispiel durch sein Amt Einfluss auf Hafen und Schifffahrt. Sein Personal munkelte, jeder Kapitän müsse ihm aus den Treibstofftanks landender Schiffe ein Fass Dieselöl abpumpen, das dann den nächtlichen Weg in seine privaten Tanklager und von dort zu den Tankstellen fand. Die Mär vom „Millionär über Nacht“ bewahrheitete sich hier, während Armut und Hunger der Nichtprivilegierten stiegen. Ich ließ die Finger von solchen Geschäften, wollte lieber noch ein paar Jahre leben…

Entsprechend haben sich hier immer wieder Szenen der Kriminalität, der Widerspenstigkeit, des zivilen Ungehorsams und des politischen Autonomiebestrebens abgespielt, die der Stadt nicht nur wegen der Aquarienfische ( „Miragoâne Gambusia“ ) zu weltweiter Berühmtheit verhalfen. Hier war es auch, wo ich vor bald zwanzig Jahren ein Föteli auf dem Markt knipsen wollte, aber offenbar zu wenig geschickt versteckt, denn man wollte mich gleich lynchen. Dank vorsorglich mitgenommener, genügender einheimischer Eskorte ( Blauhelme gab es noch nicht ) überstand ich auch dieses Intermezzo, unverdient heil wie immer.

Kaum erstaunlich: Miragoâne ist die Stadt der Schauergeschichten. Die Krimi- und Grusel-Autoren haben diese Bühne mit ihren einmaligen Kulissen entdeckt. So lässt Max Hardberger in seinen Büchern, Thrillern und DVD’s Schmuggler und Seeräuber wieder aufleben. Der Mann spricht aus Erfahrung. Er war selbst Kapitän auf der „Christmas Eve“, als er 1988 in Miragoâne ankerte und ist seitdem vom Captain zu einem der erfolgreichsten Abenteuer-Schriftsteller empor gerückt. Der schillernde Vogel war auch Flugkapitän, Autor und Produzent von Thriller- und Brutalo-DVD’s und machte sich als Abenteuer-Schriftsteller einen Namen. Er gründete Gesellschaften in Zusammenhang mit Schifffahrt, Wiederauffindung gestohlener und verlorener Schiffe und Ladungen, Schiffsversicherungen, eine Filmgesellschaft und schließlich eine Gesellschaft zur Entwicklung von Nippes, er hat sich dem neuen Departement mit seinem Zauber und den freundlichen Menschen verschrieben. Sein Traum ist auch die Wiedereröffnung des 25 Jahre lang verwaisten Flugplatzes der Reynolds Minen.

Damit scheint die Geschichte des Seeräuberhafens erst zu beginnen, denn neuerdings haben sich Max Hardberger und die Bigio Family zu einem Joint Venture zusammengeschlossen. Die Bigio Family ist gegen die Coca-Cola-Company und damit den internationalen Kapitalismus, den „Colaismus“, angetreten, und über eine dritte Entwicklung, die Anerkennung Miragoânes als internationalen Hafen mit entsprechenden Ausbauplänen weiss ich noch weniger Bescheid, da dies erst in den letzten Tagen bekannt wurde und das Internet zur Zeit noch keine Nachrichten feilbietet. Aber: die Zukunft Miragoânes verspricht wieder interessant zu werden. Was das an der Armut und der Lotterwirtschaft ändern wird, ist eine andere Frage.

Miragoâne ist und bleibt die Stadt der Schauergeschichten.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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