Haiti: Besuch des „Palais de la Belle-Rivière“

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Datum: 21. Februar 2011
Uhrzeit: 03:33 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Jetzt lebe ich seit bald 20 Jahren in Haiti und habe es noch nie zu einem der berühmtesten Baudenkmäler geschafft. Da kam auch immer etwas dazwischen, vor bald einem halben Jahr ist in nächster Nähe auch noch die Cholera ausgebrochen und zur nationalen Epidemie und Katastrophe explodiert, eingeschleppt durch die Blauhelme der UNO. Trotzdem haben wir es in den letzten Tagen endlich geschafft, den Palast der 365 Türen zu besuchen.

Er liegt 23 Kilometer oberhalb St-Marc im Artibonite, am Petit Rivière, dem Kleinen Fluss und heisst auch Palast des Schönen Flusses (Palais de la Belle-Rivière). Der Fluss ist allerdings nicht so klein, sondern ziemlich mächtig. Er ist aber etwas unheimlich, wenn man ihn so ohne Brücke als Straße benützt.

Der wuchtige Bau des Palastes liegt ein paar Meter oberhalb des Flusses, ist 68 Meter lang und 11 Meter breit, an der Westseite in einen Rundbau von 12 Metern Durchmesser übergehend. Einst war vorgesehen, der ganzen Fassade eine Bogengalerie vorzustellen. Der rote Backsteinbau wurde zum Kulturerbe und nationalen Baudenkmal befördert, konnte aber wegen Geldmangel nicht unterhalten werden und befindet sich heute in einem erbärmlichen Lotterzustand. Viele Dachwellbleche fehlen und lassen einen freien Blick auf den Himmel, das kann ja nie schaden. Dadurch hat allerdings der Regen freien Zutritt auf den Boden. Der ist mit Abfällen überdeckt, das Innere gleicht einer öffentlichen Latrine- ich wandte mich erschreckt ab von dieser Mördergrube der Cholera. Die Mauern sind angegriffen, die Fenster- und Tür laden meistens gestohlen.

Er wurde 1816-20 von Louis Dupeyrac im Auftrag von Henry Christophe I. erbaut. Er sollte dem König nach Sans-Souci in Milot als Residenz dienen. Er beherrscht von einem Hügel aus die Altstadt von Petite-Rivière, die noch strotzt von historischen Gemälden und Requisiten und bietet eine umfassende Sicht über die Ebene des Artibonite, von Verrettes im Südosten bis zum Golf von Gonaïves im Nordwesten. Als 1820 das nördliche Reich fiel, wurde der Bau vor der Fertigstellung eingestellt, so fehlt noch das geplante zweite Stockwerk. Das Werk sollte dem König helfen, seine Macht im fruchtbaren Agrarland des Artibonite zu festigen. Trotz der vielen klaffenden Öffnungen glaube ich kaum, dass es sich wirklich um 365 Türen handelte – die müssen sich damals verzählt haben. Auch wussten die Erbauer noch nichts von den späteren, verheerenden Erdbeben und dass man bei einem solchen nur noch 10 Sekunden Zeit hätte, einen Raum zu verlassen – nachher liegt man unter den Trümmern. So wären die 365 Türen als Notausgänge noch sinnvoll gewesen – man kann ja allem nachträglich einen Sinn zuweisen.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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