Hochzeitsessen in Haiti

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Datum: 08. Januar 2010
Uhrzeit: 10:26 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Hochzeitsfeiern sind ein gesuchtes Zeremoniell, besonders bei fremden Völkern. Ich erinnere mich meiner Studienreisen nach afrikanischen Landen, die Teilnehmer wünschten immer wieder eine Hochzeit zu sehen, bei den Berbern, Arabern, Schwarzen & more. Das war nicht immer leicht zu realisieren, haben doch solche Feste mit Intimsphäre zu tun, Folklore und fremde Voyeure, Filmer und Fotografen sind da nicht erwünscht. Zum Glück, denn es ist schade für noch gelebtes Brauchtum, zu Show oder Museum zu verkommen.

Bekannte meiner Frau haben darum gebeten, für ihre Hochzeit unser Haus zu benützen. Ich sagte nicht nein, denn das gab mir die willkommene Gelegenheit, eine kleine Reportage aus nächster Nähe zu machen – ohne Foto-Verbot und Ablichtungs-Angst. Fremden Völkern ist ja der Unglaube gemeinsam, sein Konterfei könnte einem Hougan verkauft werden, der über die Macht verfüge, die Abgebildeten zu töten, dienstbar oder untertan zu machen. Brauchtum wird in solchen Ländern eben noch gelebt, auch die Magie.

Den ganzen Tag kochen die Frauen, stampfen wohlduftende Körner und Pulver in den Mörsern, schleppen Tische, Stühle und Tücher umher und werden nicht müde, zu singen und zu schwatzen, was heute wohl alles bevorstehen mag. Gegen Abend trudeln die ersten Gäste ein und sammeln sich in einer Ecke der Terrasse. Da wird dann lauthals gequasselt, und sogleich entdecken die Geladenen Radio und CD-Player, und Damen die sich nicht zurückhalten können beginnen anmütig zu tänzeln, Charme, der liegt ihnen im Blut. Auch Bier und Clairin, den weißen Rum, den haben sie gleich entdeckt, und die Kinder den Sirup. Drei Gallonen davon (gegen zehn Liter) sind im Nu verschwunden. Und man schielt unverhohlen gegen das reichgedeckte Buffet weiter vorn auf der Terrasse.

Schließlich kommen immer mehr, man sucht sich Platz auf den Ledermöbeln im Salon solang es noch welchen gibt. Denn bald ist dies nicht mehr der Fall, „das Boot ist voll“. In Tüll und Seide gehüllt jetzt auch das Hochzeitspaar, mit Brautführer und Brautführerin. Das Hochzeitspaar scheint übrigens Stil zu haben, denn außer vereinzelten Bekannten sind es die Einzigen, die mich mit Handdruck begrüßen und sich bedanken.

Ein offensichtlich Gebildeter in weißem Kittel hält eine längere Ansprache, die von A bis Z gefilmt wird. Man sagt mir, in Haiti sei bei jeder Hochzeit die Ansprache des Götti (Pate) üblich. Sie erinnert so stark an eine Predigt, dass ich sofort spüre, dass hier der Pfarrer selbst zu Gevatter stand. Was man mir auch bestätigt.

Endlich ist es so weit, das Essen kommt dran. Ein Hochzeitsessen in Haiti wird kunstvoll präsentiert, das wichtigste ist der Hochzeitskuchen. Ich habe schon Hochzeitskuchen mit meterhohen Aufbauten gesehen, von mehreren Metern Länge, wahre Meisterwerke der Zucker-Bildhauerei. Man stellte sie in der Folge monatelang aus, bis sie nicht mehr genießbar waren.

Auch die Buffets sind auf mehreren, sehr langen Tischen aufgemacht, sodass jeder rasch Zutritt finden sollte. Trotzdem bilden sich Warteschlangen. Was mich aber zum Schmunzeln reizt und auch auf die Idee des Titels mit den Raubkatzen brachte, sind die Nebenerscheinungen der Hungerfrauen. So nahm mich schon eine Unbekannte während der „Götti-Predigt“ am Hemdärmel und sagte, sie hätte Hunger, ob man noch nicht essen könnte. Eine Nachbarin, wohlhabende und -beleibte Geschäftsfrau mit dem Gegenteil eines Hungerbauches bat Melissa, ihr noch bestimmte Leckerbissen in Plastiktaschen abzufüllen und nach Hause mitzugeben – hoffentlich hat sie das vergessen. Das erinnerte mich durchaus an meine Lehrerkollegin vor 30 und 40 Jahren an der Klubschule, die an der alljährlichen Lehrerkonferenz mit großer Regelmäßigkeit mit Plastiksäcken erschien und darin besonders ein Gemisch all der Salate nach Hause trug. Ähnliches beobachtete ich an Hotelbuffets auf meinen Reisen des Öfteren von Teilnehmerinnen an Gruppenreisen (natürlich nicht von meinen Gruppen…). En Guete !

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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