Internationaler Frauentag in Nicaragua: Zivilgesellschaftliche Perspektiven

Datum: 08. März 2011
Uhrzeit: 13:36 Uhr
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Die Feministenbewegung in Nicaragua hat in den letzten Jahren ziemlich stürmige Wasser durchkreuzt: als 1998 Zoila América Narvaez Murillo, die Stieftochter des heutigen Präsidenten Daniel Ortega, ihn in der Presse wegen jahrelangen sexuellen Missbrauchs bezichtigte, wurde die weibliche Emanzipation zum großen gesellschaftspolitischen Tema. Der Fall von Narvaez Murillo wurde bis vor den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte getragen – leider Ortega aufgrund seiner diplomatischen Immunität nicht vor Gericht gezogen. Durch die Anschuldigungen wurde jedoch das gesamte Land mit der Tatsache der intrafamiliären Gewalt gegen Frauen und Kinder konfrontiert, wodurch die feministischen Organisationen viel Zulauf gewannen.

Ein paar Jahre später “verzieh” Frau Narvaez Murillo ihrem Stiefvater ganz öffentlich, weil sie durch Gott Vergebung gefunden hätte. Eine Frau, die aus religiösen Gründen ihrem Peiniger vergiebt: in der von der katholischen Kirche geprägten, traditionellen Gesellschaft Nicaraguas, wurde das zum grossartigen Aufhänger für die konservativen Ströme – und zugleich ein Schlag für die Frauenemanzipation.

Vor allem die zivilgesellschaftlichen Organisationen wurden dadurch zersplittet und ihre jahrelange Arbeit in Verruf gebracht, erzählt uns Oscar, Mitglied der Organisation „La Corriente“.

Oscar kommt aus einer Kleinstadt nördlich von Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, und ist seit seinem neunten Lebensjahr Aktivist. Eigentlich sollte er nur seiner Schwester etwas auf der Radiostation vorbeibringen, als er von ihrem Kollegen eingeladen wurde, bei einer Radiosendung von Kindern für Kinder mitzumachen. Von dort an setzte sich Oscar in auch auf politischer Ebene ein und wurde Gründungsmitglied mehrerer Initiativen, die die Rechte der Jugend und die Rechte der Frau vertreten. Seit ein paar Jahren arbeitet Oscar bei „La Corriente“, und setzt sich als einziger Mann der Organisation für die Rechte der Frau ein. Die Organisation gibt workshops, auch an Männer, und organisiert großangelegte Sensibilisierungskampagnen, wie zum Beispiel die „Todos los Derechos para Todas las Mujeres“, was soviel bedeutet wie „Alle Rechte für Alle Frauen“.

Leider ist da noch sehr großer Nachholbedarf. Nicht nur, dass den Frauen durch die patriarchische und von Männern dominierte Gesellschaft Rechte abgeschworen werden, sondern auch den Männern wird die Möglichkeit genommen, sich selbst „anders“ zu definieren: „Die Heterosexualität ist eine Norm. Gewalt, Manipulation, Rivalität, Kontrolle, Missbrauch, und Respektlosigkeit vor allem, was Weiblichkeit darstellt, macht uns zu Frauenfeinden. Wir Männer wachsen mit dem Mandat auf, die Welt und die Frauen zu beherrschen“ meint Oscar. „Dagegen wehre ich mich durch meine Arbeit.“

Um die traditionellen Konzepte zu brechen, ist die Arbeit mit den Männern besonders wichtig, obwohl es utopisch ist, eine massive Männerteilnahme am Feminismus zu erwarten, denn schließlich hiesse das, auf Privilegien zu verzichten, Verantwortung zu übernehmen und sich gegen historische und kulturelle Normen zu stellen. Aber die workshops für Männer sind immer häufiger besucht und letztendlich können neue Wege nur durch Aktion eingeschlagen werden.

Unterstützt wird die Arbeit durch internationale Kooperationsorganisationen. Als Mitglied der nationalen Frauenbewegung, arbeitet La Corriente auch auf anderer Ebene mit Initiativen aus anderen Ländern. Leider ist Nicaragua jedoch nicht unbedingt Schwerpunkt für die internationale Entwicklungszusammenarbeit und in den letzten Jahren wurden immer weniger Gelder für die Arbeit der zivilgesellschaft zur Verfügung gestellt. So kämpfen die Organisationen nicht nur um die aktive Teilnahme der Nicaraguaner, sondern auch um die finanziellen Möglichkeiten, ihre Arbeit weiterzuführen.

Danke Oscar und auch für dich und die Männer, die sich aktiv für die Rechte der Frau einsetzen, feiern wir den Frauentag.

Mehr Infos über die Arbeit von „La Corriente“ oder die nationale Frauenbewegung Nicaraguas

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Katrin Wilkniss kennt die Problematik der gerechten Verteilung von Ressourcen für soziale Initiativen in Lateinamerika. Mit ihrer Kolumne will sie denjenigen eine Stimme geben, die dort arbeiten, wo die Gelder der Entwicklungshilfe ankommen.

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