Mit dem Wind blüht sich am besten

Windbluete

Datum: 10. Januar 2010
Uhrzeit: 07:42 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Zuoberst über den Dächern meines Hauses bewohne ich meinen „Tower“, ein Türmchen mit sagenhafter Aussicht vorwärts über die unbewohnte Küstenebene hinaus aufs Meer, rückwärts über den tropischen Garten und die Dächer der werdenden Stadt, und seitlich auf die Kronen einiger Bäume, die schon mehrmals gestutzt werden mussten oder im Hurrikan Gustav selber brachen. Ich kann vom Bett aus wenige Meter geradeaus in die Gipfel ihrer Kronen blicken. Sie scheinen mit meinem Türmchen um die Wette zu wachsen, aber das will ich vermeiden. Sie haben die Höhe neben mir erreicht und das ist genug.

Hier oben genieße ich nicht nur die unbeschreibliche Sicht, sondern stets auch den erfrischenden Wind vom Meer her. Dies meine ich aber nicht mit dem gewählten Titel, sondern meine meternahen Nachbarn, die Bäume, die vier Stockwerke hoch bis da hinauf gewachsen sind. Diese Bäume bringen mir immer wieder neue Ideen und Gedanken. Jetzt sind es die Windblüten, obschon das eigentlich keine Blüten sind, im botanischen Sinn, sondern in Wirklichkeit Lichtspiele auf ihren Blättern. Ein Spiel zwischen Blättern, Reflexen und Gedanken, Zeitvertreib, Tanz und Sinnbild, Inspiration. Sie assoziieren mir Windblüten, Gebetsfahnen, tibetisch, Gebete im Wind.

Man kann mit dem Wind oder gegen den Wind tanzen, mit dem Strom oder gegen den Strom schwimmen, ein Tier mit dem Haar oder gegen das Haar streicheln, mit dem Rhythmus oder gegen den Rhythmus klatschen, mit der Musik oder gegen die Musik singen. Letzteres ist schwierig, wenn es nicht ein Chaos werden soll, gegen den Rhythmus klatschen stört diejenigen die „drin“ sind, gegen das Fell streicheln kann Aggression statt Zuneigung erzeugen, gegen den Strom schwimmen ist Kräfteverschleiss weil man gegen das Ertrinken kämpfen muss und gegen den Wind tanzen ist hoffnungslos.

Das bedeutet nicht dass diese Anti-Verhalten unmöglich sind. Aber sie sind nicht effizient, und man muss ihre Gesetze kennen und nutzen. Windblüten wiegen sich hin und her, der Wind bewegt sich in Wellen, man muss sie erwischen, auf ihnen reiten, sie nutzen um ihnen entgegen zu wirken. Wie ein Segelboot das gegen den Wind aufkreuzt und schließlich, unter Nutzung des Windes, das Ziel gegen ihn selbst im Zickzackkurs erreicht.

Auch gegen den Strom schwimmen ist möglich, dies unter Nutzung der Kenntnisse über das Widerwasser, vor allem am Flussrand. Das ist gefährlich und kostete schon öfters Todesopfer. Bestimmt tödlich ist es, gegen einen Wasserwirbel zu schwimmen. Gerät da ein Unglücklicher hinein, hat er höchstens durch mit schwimmen die Chance, lebend wieder aus dem Fluss zu tauchen. Noch mehr gilt dasselbe für eine Lawine, auch nichts anderes als ein gewaltiger Wasserstrom.

Mit dem Haar Streicheln ist eine Form der nonverbalen Kommunikation zwischen Lebewesen. Es ist eine sanfte Körperberührung, die Zuneigung ausdrückt und über den Tastsinn der Haut wahrgenommen wird. Gelegentlich streicheln Menschen sogar unbelebte Gegenstände. Streicheln mit dem Fell beruhigt den Puls, senkt den Blutdruck und baut Stress und Aggressionen ab. Streicheln gegen das Fell kann das Gegenteil bewirken.

Dass Rhythmus ansteckender ist als jede Krankheit, kann jeder beobachten, besonders hier in Haiti. Hier ist Musik Rhythmus, und alles ist voll davon, Tag und Nacht. Ob Compas, Rap oder wie sie alle heißen, niemand kommt darum herum, mit Fingern, Füssen oder Körperteilen mit zu klopfen, mit zu wippen. Wenn einer unrhythmisch wäre und gegen den Rhythmus klatschen würde, würde er verlacht oder vertrieben, aber das kommt gar nicht vor.

Hier in Haiti ist alles voll Musik, man findet kaum einen Fleck und eine Tageszeit wo man keine hört. Wenn sie nicht aus Lautsprechern schallt, dann singen bestimmt Kinder in der Schule oder beim Spielen, Gläubige in der Kirche, Arbeiter beim Betonieren, Hausfrauen beim Waschen. Und hier sind alle musikalisch, niemand singt „gegen die Musik“, denn die Musik ist schon angeboren. Sie haben eine wundervolle Stimme, und unglaubliche Repertoires. Nicht Lesen und Schreiben-Können gleicht sich halt durch andere Fähigkeiten aus.

In der Musik da gibt es noch „richtig“ und „falsch“. „Falsch“ ist schon ein Kunststück, denn die Natur hat hier alles „Richtig“ vorgespurt. Und nur Dummköpfe wähnen, stärker als die Natur zu sein und versuchen ihr entgegenzuhandeln bis sie daran zerbrechen. Mit dem Wind blüht sich immer am besten.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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