Töpfe sind zerbrechlich

Toepfer-1

Datum: 11. Januar 2010
Uhrzeit: 17:46 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Sie reisen gerne und weit, wie ich. Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass in fast allen fremden Ländern, vor allem Afrikas und Asiens, Töpferwaren als Reiseandenken angeboten werden? Gebrannte Tonfiguren und Gefäße, oft kunstvoll bemalt, glasiert oder, wie hier in Haiti, mit Mosaiken von farbigen Glassplittern belegt?

Die Töpferei ist jedoch älter als der Tourismus. Gebrannte Tonfiguren gehen bis auf 25.000 Jahre zurück, chinesische Krüge und Töpfe bis auf 18.000 Jahre. Auch unsere steinzeitlichen Pfahlbauer beherrschten dieses Kunsthandwerk bereits, und unsere Archäologen suchen und setzen die Scherben wieder zusammen. Vor 10.000 Jahren „baute“ man Töpfe aus übereinander geschichteten Spiralwülsten, und vor 8.000 Jahren wurden die Töpferscheibe und damit wahrscheinlich das Rad erfunden. Die Kunstwerke aus Mesopotamien, dem Iran, Ägypten, Kleinasien und Griechenland erreichten schon ein hohes Niveau und wurden oft mit Bildern bemalt, die uns vieles über ihre Geschichte verraten. Das Gefäß der Urzeit war die Göttin selbst und wurde als solche verehrt. Einige Schöpfungsmythen berichten, wie der Mensch von der Göttin aus Lehm geformt, und ihm dann durch ihren Atem Leben verliehen wurde. Das Gefäßformen entsprach somit dem Formen des Lebens.

In der Töpferei werden feuchte Erden gestaltet und sonnengetrocknet oder gebrannt, um sie wasserunlöslich und hart zu machen. Töpferei ist die älteste Methode zur Herstellung von Gefäßen und blieb auch die wichtigste, bis Metall, Glas und Kunststoffe nachfolgten. Man bezeichnet die Produkte deshalb als Steinzeug, Steingut oder Porzellan. Die ersten irdenen Figuren dienten wohl magischen und kultischen Zwecken. Die irdenen Gefäße dienten zur Aufbewahrung von Trinkwasser und Nahrungsmitteln, da diese nicht nur von Ungeziefer und Mäusen geschützt sind, sondern mit ihrer porösen Oberfläche eine gewisse Verdunstung ermöglichen und dadurch den Inhalt kühl halten. Dieser Verwendungszweck blieb über die ganzen Jahrtausende erhalten und spielt in Haiti und wohl allen Entwicklungsländern auch heute noch eine wichtige Rolle.

Da es sich bei der Töpferei um ein anspruchsloses Kunsthandwerk handelt, das ohne Rohstoffaufwand und Berufsausbildung möglich ist, und der Verkauf von Töpferwaren und anderen Kunsterzeugnissen in Touristengegenden eine wichtige Einnahmequelle bildet, kann man sich ein Touristenziel ohne Töpfereiandenken nicht mehr vorstellen. Wie in der Stein- und Metallbildhauerei, der Baum- und Wurzelschnitzerei, der Malkunst, Gesang und Musik und anderen Künsten haben sich analphabetische Völker im allgemeinen und Haiti im besonderen in der Töpferei einen Namen gemacht. Keramik-Skulpturen, Reliefs, kleine Gebrauchsgegenstände und Keramik-schmuck werden in allen nur denkbaren Ausführungen als Kunstwerke ausgestellt und angeboten. In Pétion-Ville werden Bäume bis hoch hinauf mit Töpfen geschmückt, bevor diese den Touristen angeboten werden. Drücken diese Bäume nicht Energie und Lebensfreude aus?

Wie unsere Hobby-Künstler, so finden auch die hiesigen Bildhauer Erfüllung in dieser Arbeit, sind doch feuchte Erden leicht verformbar. Man denke auch an die beruhigende Wirkung, wenn man mit bloßen Händen quasi magisch eine Gestalt aus der Erde heraus zaubert. Man sagt der Indianischen Töpferkunst mit der Erde eine heilende und energetische Wirkung nach. „In einem Wald züngeln die Flammen an den irdenen Töpfen hoch, Ruß überzieht die Gefäße und Schalen.“ Durch die reinigende Wirkung des Töpferns ergeben sich rituelle Pflichten. Heilende Wirkung wird dem Formen des Tons auch in der Heilpädagogik zugeschrieben. Töpferarbeit wird in der Therapie eingesetzt, um ästhetische und individuelle Ansprüche zu verbinden.

Die haitianischen Töpfer modellieren ihre Zukunft. Die Töpfe sind ihr Orakel. Lässt man sie fallen, bringen sie Scherben. Ein Scherbenbild kann nur der Hougan deuten (Voudou-Priester). Es kann Unheil bringen, manchmal bringt es auch Glück.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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