„Ernährung in der Krise: Ansprache von Außenminister Westerwelle

Datum: 10. Mai 2011
Uhrzeit: 07:06 Uhr
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Autor: Redaktion
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► Welt zu ernähren ist keine leichte Aufgabe

Zur Eröffnung des 28. Forums Globale Fragen „(Kein) Brot für die Welt? – Ernährung in der Krise“ hat Außenminister Guido Westerwelle am 10. Mai 2011 im Auswärtigen Amt in Berlin folgende Ansprache gehalten.

Sehr geehrter Herr Dr. Tewolde,

sehr geehrte Frau Wakhungu,

sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,

Exzellenzen,

sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie sehr herzlich zum 28. Forum Globale Fragen im Auswärtigen Amt. Besonders danke ich dem Mitveranstalter unseres Treffens, der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler.

Auch wenn wir nicht täglich Bilder von hungernden Kindern im Fernsehen sehen, bleibt es eine enorme Herausforderung, die Menschheit zu ernähren. 1960 musste unser Planet 3 Milliarden Menschen ernähren. Heute sind es 7 Milliarden. 2050 werden wir voraussichtlich 9,5 Milliarden Menschen auf diesem kleinen Erdball sein.

Eines der Entwicklungsziele des Milleniums-Gipfels von 2000 war es, bis zum Jahr 2015 die Zahl der Hungernden zu halbieren. Dieses Ziel liegt noch in weiter Ferne. Auch nach dem Gipfel ist die Zahl der Unterernährten dramatisch gestiegen. 2009 wurde die Marke von einer Milliarde Hungernder überschritten. Für 2010 wird mit einem Rückgang auf 925 Millionen gerechnet. Das ist aber kein Grund zum Aufatmen und Entwarnung zu geben.

Die Ernährung der Welt hat immense politische Bedeutung. Landwirtschaft ist für Umweltschäden mitverantwortlich. Hinzu kommt die Spekulation mit Lebensmitteln an den internationalen Finanzmärkten. Vor allem aber bestimmen Ernährungsfragen in vielen Ländern das soziale Gefüge und damit innere wie äußere Sicherheit.

Vor allem auf drei Probleme muss die Staatengemeinschaft Antworten finden.

Das erste Problem ist eine falsche Ernährungspolitik, die gerade den Ärmsten schadet. Wir müssen Ernährungspolitik als angewandte Sozialpolitik verstehen.

Es ist falsche Ernährungspolitik, wenn dort, wo eigentlich genug Äcker vorhanden wären, die Menschen hungern, weil Agrarfabriken ausschließlich für den Export produzieren. Im Jahr 2009 kauften Agrarinvestoren 45 Millionen Hektar Land, das entspricht der Größe Schwedens. Sie produzieren in armen Ländern für reichere Länder, die höhere Preise zahlen. Die Menschen werden sich auf Dauer nicht gefallen lassen, bestellte Felder vor der Haustür zu sehen und dennoch zu hungern.

Damit wird Unterernährung eine Frage der Sicherheit. Unterernährung destabilisiert ganze Gesellschaften. Sicherheit, Stabilität, Demokratie und Menschenrechte sind nur dort möglich, wo Menschen sicher sein können, dass sie und ihre Kinder nicht nur morgen und übermorgen genug zu essen haben, sondern auch in den kommenden Monaten und Jahren.

Politische Krisen bedrohen sowohl Nahrungsmittelproduktion als auch Lebensmittelversorgung. Der Einsatz gegen Hunger ist zugleich Einsatz für Frieden und Sicherheit.

Wenn die Strukturprobleme in Entwicklungsländern so bleiben wie bisher, bleiben Millionen Menschen dauerhaft auf Hilfe angewiesen. Das widerspricht zutiefst unserem Menschenbild. Unterernährung ist ein Angriff auf die Menschenwürde. Menschen gehören nicht in Warteschlangen vor den Lastwagen des Welternährungsprogramms.

Das zweite Problem sind schädliche Wechselwirkungen zwischen Landwirtschaft und Umwelt. Einfach mehr produzieren löst das Problem der Unterernährung nicht. Um mehr säen und ernten zu können, werden ganze Wälder abgeholzt. Oft trägt fruchtbarer Boden kaum mehr als eine Saison Früchte, dann wir er weggeweht und unbrauchbar.

Auf längere Sicht kann eine unverantwortliche Ausweitung der Produktion der Umwelt so erheblich schaden, dass Ressourcen auf Dauer unbrauchbar werden und die Landwirtschaft immer weniger produziert.

Auch die veränderten Essgewohnheiten in den Industriestaaten seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben erheblich zum Klimawandel beigetragen.

Steigender Fleischkonsum in den Industrieländern wirkt sich ökologisch aus. Bis ein Kilo Rindfleisch die Fleischtheke erreicht, werden soviel Klimagase freigesetzt wie bei 250 Kilometer Autofahrt.

Das größte Umweltproblem der Landwirtschaft entsteht aber beim Wasser. Mehr Landwirtschaft bedeutet höheren Wasserverbrauch. Der Einsatz von Dünger beeinträchtigt das Grundwasser. Immer weniger brauchbares Wasser bedeutet immer teurere Produktion von Lebensmitteln. Gerade im Nahen Osten sehen wir, dass die Frage der Landwirtschaft und des Wassers immer mehr eine Frage von Frieden und Sicherheit wird.

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