Kuba: Cojimars Vergangenheit

KUBA

Datum: 17. Juli 2011
Uhrzeit: 09:24 Uhr
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Jeder Ort hat seine Geheimnisse, seine Geschichten, die im Lauf der Jahre vergessen werden, weil die, die sie kennen, sterben oder beharrlich schweigen. Cojimar ist geschichtsträchtig, und das nicht nur, weil Ernest Hemingway in den fünfziger Jahren seine Yacht, die Pilar; dort vor Anker hatte.

Im Jahr 1962 trugen die Bewohner ihre Angelhaken und Ketten zusammen um daraus eine Büste zu Ehren von Ernest Hemingway zu gießen. Die Büste steht jetzt in einem steinernen Rondo am Ufer der Bucht von Cojimar, in Steinwurfnähe zum Torreon.

Im Cafe La Terazza erzählte mir der Mann hinter der Bar, während er meinen Mojito anrichtete (Der Mojito kostet dort 2 CUC und schmeckt besser als der im Floridita, der sich mit 6 CUC zu Buche schlägt), dass bis in die Mitte der sechziger Jahre am Torreon viel mehr los war, vor allem in den stürmischen Monaten zwischen Januar und März, wenn hohe, brausende Wellen an das Ufer schlagen. Er könne sich noch daran erinnern, dass sie als Kinder nichts lieber taten, als die Steintreppen des Torreon hinauf zu laufen und von oben, die richtige Welle abpassend, ins Wasser zu springen. Dies sei seit 1964 nicht mehr möglich, weil das Militär seit einem Unglück im Herbst 1964 seine Pflicht, einen Wachposten am Torreon einzusetzen, sehr ernst nahm. Man kann sich jetzt nicht einmal mehr mit einem gezückten Fotoapparat den Steinstufen nähern.

Die Militärpräsenz (Ein gelangweilter Soldat, ein halbes Kind mit strenger Stimme) war mir auch aufgefallen, als ich meinen Pilgerweg zum Hemingway-Denkmal eingeschlagen hatte. Cojimar ruhte unter einem unendlichen Himmel, auf dem dichte, dunkle Wolken segelten. Es war windstill und heiß, und als ich die zweite Runde antrat, nachdem ich mich im La Terazza mit zwei Mojitos gestärkt hatte, war ich ein wenig trunken und euphorisch. Orte, von denen man bisher nur gelesen hatte, behalten irgendwie ihre ursprüngliche Magie, wenn man sich darauf vorbereitet, dass es eben nur Orte sind, denen man als Besucher eine bestimmte Bedeutung zuordnet. Ich dachte, Hemingway kannte diesen Ausblick, kannte die Ruhe des Wassers in der Bucht von Cojimar, er kannte die alten Fischer und zog es vor, mit ihnen zu trinken, als sich mit der Literaturschickeria auseinanderzusetzen.

Hemingway sagte laut Leonardo Padura einmal, über Literatur zu reden, sei für einen Schriftsteller vertanene Zeit, die er besser für das Schreiben aufbringen sollte und nicht, um zu schwätzen. Daran dachte ich, als ich am Torreon vorbeiwanderte und weiter nach Westen, über flaches, heruntergekommenes Terrain. Ich ging an zwei jungen Anglern vorbei, die ihre Utensilien vorbereiteten, bis ich zum Ende des Malecon kam und ein wenig verharrte, um die angenehme Brise von der See her zu genießen.

Der Barmann hatte mir erzählt, dass es 1964 ein Unglück gab. Ein Bursche hatte eine heranrollende Welle falsch eingeschätzt und sei auf den Felsen aufgeschlagen und gestorben. Sein Name, soviel wusste der Mann noch, sei Gerardo gewesen. Er war fünfzehn Jahre alt gewesen. Weiters erzählte er mir, als er den zweiten Mojito anrichtete, dass Gerardo und sein bester Freund Felipe sich irgendwann im Herbst 1964, kurz vor Gerardos Tod, auf einem der Felsblöcke am Ende des Malecons verewigt hätten. Nach Gerardos Tod seien viele Jugendliche immer wieder zu der Stelle gepilgert, wo sie ihre namen in Stein geritzt hatten.

Ich dachte: Was muss da schief gegangen sein, wenn ein Junge, der bestimmt schon hundert Mal vom Torreon ins Wasser gesprungen war, auf einmal die Welle falsch einschätzte und auf den Felsen aufprallte? Solche Gedankenspiele bringen mich hin und wieder auch in moralische Schwierigkeiten, weil ich mich versucht sehe, die nicht näher bekannte Wirklichkeit durch meine Fantasie anzureichern und zu einer Geschichte zu machen, die ich niederschreiben kann.

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Peter Nathschläger, geb. 1965 in Wien, entdeckte früh seine Vorliebe für Reisen & Literatur. Parallel zu seinen Romanen, Kurzgeschichten und Gedichten widmet er sich nun verstärkt Reiseberichten mit Schwerpunkt Kuba, ganz im Sinne einer literarischen Spurensuche.

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