Paraguay trifft in der K.o.-Runde der WM 2026 auf Frankreich – mit einer Wunde aus dem Jahr 1998, einem hartnäckigen defensiven Erbe und der Chance, alten Herzschmerz am Samstag (4.) in einen neuen Beweis dafür zu verwandeln, dass der Guaraní-Fußball es immer noch versteht, Giganten ins Schwitzen zu bringen. Die Uhr zeigte 114 Minuten in Lens an, und Paraguay stand noch immer im Spiel. Frankreich hatte das Publikum, die Tradition, die Heim-WM, die blauen Trikots, die zukünftigen Weltmeister. Paraguay hatte José Luis Chilavert, Carlos Gamarra, Celso Ayala, Francisco Arce, Pedro Sarabia, Roberto Acuña, Julio César Enciso und Carlos Paredes – Männer, die wie ein verschlossenes Tor quer über einer schmalen Straße standen. Dann köpfte David Trezeguet den Ball nach unten, Laurent Blanc schoss ihn volley, und das erste Golden Goal in der WM-Geschichte teilte die Nacht in zwei Hälften. Frankreich überstand die Partie. Paraguay reiste nach Hause. Ein Land, das den Gastgebern fast zwei Stunden lang das Leben schwer gemacht hatte, wurde auf eine grausame Fußball-Tatsache reduziert: fast.
Die Meldung der Nachrichtenagentur EFE vom 28. Juni 1998 fasste die Erschöpfung und Ungerechtigkeit dieser Situation treffend zusammen: Die Guaraníes ließen die WM-Gastgeber „Blut schwitzen“ und wurden erst nach fast zwei Stunden Spielzeit besiegt, zermürbt von der Erschöpfung. Dieser Satz wirkt noch immer weniger wie ein Spielbericht als vielmehr wie eine Familienerinnerung. Der paraguayische Fußball trägt ihn seit einer Generation mit sich. Nun treffen Frankreich und Paraguay am Samstag im Achtelfinale der Weltmeisterschaft 2026 erneut aufeinander, und diese Begegnung kommt mit dem alten Nachhall im Gepäck. Frankreich hat noch nie gegen Paraguay verloren. Das besagt die Statistik ganz klar. Doch Statistiken laufen nicht, gehen nicht in den Zweikampf, atmen nicht und spüren keinen Druck, wenn sich eine vermeintlich kleinere Fußballnation weigert, sich wie eine solche zu verhalten.
Für Paraguay ist dies keine als Motivation getarnte Nostalgie. Es ist eine Auseinandersetzung mit einer langjährigen Fußballidentität: kompakt, stolz, unspektakulär und schwer zu besiegen. In Lateinamerika, wo Stil oft zum nationalen Mythos wird, hat Paraguay traditionell auf Widerstand gesetzt. Beim Fußball des Landes ging es selten um Verführung. Es ging um Ausdauer, Kopfballstärke, Konzentration und den stillen Glauben, dass man einem Gegner das Spiel so schwer machen kann, dass selbst Talente ihren Rhythmus verlieren. Frankreich kennt diese Geschichte besser als die meisten anderen.
Die Last des „Nie“
Die Geschichte ist nicht gnädig mit Paraguay. Das erste WM-Duell fand 1958 in Schweden statt und brachte eines der wildesten Ergebnisse der Turniergeschichte hervor. Frankreich gewann in Norrköping mit 7:3, obwohl Paraguay zu Beginn der zweiten Halbzeit noch mit 3:2 geführt hatte. Florencio Amarilla erzielte zwei Tore. Romero steuerte ein weiteres bei. Eine Zeit lang wirkten die Franzosen erschüttert. Dann entwickelte sich das Spiel zu einer französischen Torlawine. Just Fontaine, der bereits auf dem Weg war, zur WM-Legende zu werden, traf zweimal. Piantoni, Wisnieski, Kopa und Vincent schlossen sich der Torjagd an. Was als paraguayischer Hinterhalt begonnen hatte, endete als Lektion darüber, wie schnell europäische Torjäger die lateinamerikanische Kühnheit in Schadensbegrenzung verwandeln konnten. Die späteren Begegnungen milderten zwar die Heftigkeit, nicht aber das Muster. Frankreich und Paraguay trennten sich 2008 mit 0:0. 2014 endete das Spiel 1:1. Im Jahr 2017, als Didier Deschamps bereits die französische Mannschaft trainierte, deren Kapitän er einst war, gewann Frankreich mit 5:0. In fünf Spielen hat Paraguay eher Frustration als Siege erlebt.
Dennoch wird das Spiel am Samstag nicht allein von Geistern bestritten. Frankreich trägt seinen eigenen Druck mit sich. Ein Favorit ist in einem K.o.-Spiel niemals einfach nur ein Favorit. Es ist eine Mannschaft, die mit einem Klavier auf dem Rücken läuft. Jede Minute ohne Tor wird zu einer Frage. Jeder abgewehrte Schuss wird zur Geschichte. Jeder paraguayische Abstoß ins Mittelfeld kann sich wie ein Vorwurf anfühlen. Das ist der Raum, den Paraguay einnehmen muss. Keine Sentimentalität. Keine Rache für Blancs Volleyschuss. Etwas Praktischeres und Gefährlicheres: die Kunst, Frankreich an Lens erinnern zu lassen. Das Spiel von 1998 ist von Bedeutung, weil es zeigte, welchen emotionalen Preis es kostet, gegen Paraguay anzutreten, wenn Paraguay voll und ganz bei sich ist.
Die französische Mannschaft war an jenem Tag selbst ohne den gesperrten Zinedine Zidane beeindruckend. Fabien Barthez stand im Tor. Blanc, Marcel Desailly, Lilian Thuram und Bixente Lizarazu bildeten das Rückgrat einer Elite-Abwehr. Didier Deschamps, Emmanuel Petit und Youri Djorkaeff gaben dem Mittelfeld seine Struktur. Thierry Henry und Trezeguet, jung und schlagkräftig, stellten eine Gefahr dar. Dennoch brachte Paraguay die Franzosen ins Wanken. Das ist die Lehre für 2026. Frankreich mag über bekanntere Namen, umfangreichere Vereinslaufbahnen und mehr kommerziellen Glanz verfügen. Doch der K.o.-Fußball hat ein „ländliches Gedächtnis“. Er belohnt Mannschaften, die Leid, Entfernung, Hitze, Zweifel und Mangel verstehen. Paraguay versteht als Fußballkultur all das.
Guaraní-Geduld, französischer Druck
In dieser Begegnung verbirgt sich auch eine kulturelle Wahrheit. Paraguay wurde in den Diskussionen über den südamerikanischen Fußball oft übersehen – dominiert von Brasiliens Schönheit, Argentiniens Mythos, Uruguays „Garra“, Kolumbiens Rhythmus und Chiles Zyklen der Rebellion. Paraguay liegt im Landesinneren, ist zweisprachig (Spanisch und Guaraní) und geprägt von Krieg, Migration, Diktatur, ländlichem Konservatismus und einem hartnäckigen Überlebenswillen. Sein Fußball spiegelt diese Geografie der Beharrlichkeit wider. Wenn Paraguay gut verteidigt, ist das nicht nur taktisch bedingt. Es ist historisch bedingt. Die Mannschaft schließt Räume, als würde sie einen kleinen nationalen Raum vor größeren Nachbarn und lauteren Erzählungen schützen. Das mag romantisch klingen, ist aber auf dem Platz sichtbar. Die besten paraguayischen Mannschaften haben es verstanden, ein Spiel eng, körperbetont, repetitiv und mental kräftezehrend wirken zu lassen.
Frankreich wird versuchen, das Spiel zu öffnen. Genau hier könnte sich am Samstag die Wende ergeben. Wenn die Franzosen früh ein Tor erzielen, könnte die Geschichte ihren Griff lockern, und Paraguay könnte in ein Spiel gezwungen werden, das es nicht will. Wenn Paraguay jedoch mit einem Unentschieden in die Halbzeitpause geht oder das Spiel tief in die zweite Halbzeit hineinzieht, wechselt der alte Druck die Seiten. Die Last verlagert sich auf Frankreich. Der Favorit hört langsam die Schritte aus dem Jahr 1998 hinter sich. Ein Archivbild von EFE, auf dem Laurent Blanc an anderer Stelle im Trikot der französischen Nationalmannschaft jubelt, ist fast schon ein zu passendes Symbol. Blanc ist in dieser Geschichte nicht nur ein ehemaliger Verteidiger. Er ist der Mann, der Paraguays großartigem Widerstand ein Ende setzte. Chilavert, der schließlich überwunden wurde, wurde Teil der Mythologie des Golden Goals. Diese Regel gibt es mittlerweile nicht mehr; sie wurde abgeschafft, nachdem zu viele Spiele durch die Grausamkeit des „Sudden Death“ verzerrt worden waren. Doch die Wunde bleibt.
Das bevorstehende Spiel bietet Paraguay etwas Selteneres als Rache. Rache ist theatralisch. Hier geht es um die Deutungshoheit. Ein Sieg über Frankreich würde es Paraguay ermöglichen, sich wieder in die Weltmeisterschaftsgeschichte einzuschreiben – nicht als die Mannschaft, die den Gastgeber in Lens fast zu Fall gebracht hätte, sondern als die Mannschaft, die die Sache schließlich zu Ende gebracht hat. Frankreich sieht einen Gegner im Achtelfinale. Paraguay sieht 114 Minuten, einen springenden Ball, einen Volleyschuss und ein Vierteljahrhundert unvollendeter Geschichte. Das garantiert zwar keine Überraschung, aber es garantiert ein Spiel, das die Erinnerung in sich trägt.
Update
Frankreich mühte sich am Samstag in Philadelphia, besiegte Paraguay aber mit 1:0 und zog damit ins Viertelfinale der Weltmeisterschaft ein. In einer spannungsgeladenen Partie, die von Provokationen und Auseinandersetzungen in der ersten, zweiten und letzten Halbzeit geprägt war, erzielte Mbappé in der zweiten Hälfte per Elfmeter den Siegtreffer. Der zweimalige Weltmeister trifft nun auf Marokko, das Kanada im Achtelfinale ausgeschaltet hatte.







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