Der Glaube ist in Brasilien und den USA zu einer politischen Kraft geworden

inri

Das anhaltende Wachstum der Zahl der evangelikalen Gläubigen in den letzten fünfzig Jahren in Lateinamerika spiegelt sich in der aktiven Teilnahme seiner Führer auf verschiedenen politischen Ebenen wider (Foto: nossasenhoradobrasil)
Datum: 01. August 2026
Uhrzeit: 12:33 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Redaktion
Sprachkurs Portugiesisch (Brasilianisch)

Die Religion steht in den heutigen Demokratien wieder im Mittelpunkt des politischen Streits. In den Vereinigten Staaten und in Brasilien hat der Aufstieg von Donald Trump und Jair Bolsonaro etwas deutlich gemacht, das über die Polarisierung im Wahlkampf hinausgeht: die Festigung von Bündnissen zwischen politischen Führungskräften und organisierten religiösen Gruppierungen, insbesondere evangelikalen, die in der Lage sind, die öffentliche Debatte zu prägen, kollektive Identitäten zu mobilisieren und neu zu definieren, was als politische Legitimität gilt. Dieses Phänomen lässt sich nicht allein durch das Wachstum der Kirchen oder die Religiosität der Wähler erklären. Der Kernpunkt liegt tiefer: die Umwandlung des Glaubens in ein politisches Mittel und in eine öffentliche Sprache der Zugehörigkeit, Autorität und Mobilisierung.

Das bedeutet nicht, dass Religion und Demokratie unvereinbar sind. Religiöse Traditionen haben sich an Kämpfen für Bürgerrechte, soziale Gerechtigkeit und Widerstand gegen autoritäre Regime beteiligt. Das Problem entsteht, wenn die Religion aufhört, eine Stimme unter vielen in der Öffentlichkeit zu sein, und stattdessen einen privilegierten moralischen Anspruch erhebt, das Gemeinwohl zu definieren und Macht zu legitimieren. In den USA und in Brasilien hat dieser Prozess mit dem Vormarsch der sogenannten Kulturkriege an Dynamik gewonnen – Auseinandersetzungen, die Werte und Identitäten in starre politische Grenzen verwandeln.

Kulturkriege und die Moralisierung der Politik

Kulturkriege sind Auseinandersetzungen um Werte, Identitäten und Weltanschauungen. Familie, Sexualität, Geschlecht, Bildung, Religion und nationale Identität sind nicht mehr nur politische Themen. Sie werden zu symbolischen Markern für Zugehörigkeit und Ausgrenzung. Mehr noch als programmatische Meinungsverschiedenheiten prägen diese Auseinandersetzungen die Wahrnehmung moralischer Bedrohungen. Der demokratische Konflikt wird nicht mehr als legitimer Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Projekten angesehen, sondern als Konfrontation zwischen Werten, die als unvereinbar gelten. In Brasilien zeigen Untersuchungen zu Religion und öffentlichem Raum, dass trotz der verfassungsmäßigen Trennung von Kirche und Staat der religiöse Einfluss nie aus der politischen Debatte verschwunden ist.

Was sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat, war die Intensität und Institutionalisierung dieser Präsenz durch Kirchen, Fraktionen im Parlament und religiöse Kommunikationsnetzwerke. In den Vereinigten Staaten gewann ein ähnlicher Prozess an Dynamik durch die Annäherung zwischen Teilen des konservativen weißen Evangelikalismus und der neuen republikanischen Rechten. In beiden Ländern fungiert Religion mittlerweile als politische Sprache, die in der Lage ist, kollektive Emotionen wie Angst, Ressentiments, Hoffnung und Schutz zu kanalisieren. Diese Moralisierung der Politik schafft ein Umfeld, in dem Gegner nicht mehr als legitime Kontrahenten gelten, sondern als Kräfte angesehen werden, die der moralischen und kulturellen Ordnung feindlich gegenüberstehen.

Trump und die religiöse Rechte in den Vereinigten Staaten

Donald Trump war nie das traditionelle Vorbild einer religiösen Führungspersönlichkeit. Dennoch wurde er zu einer zentralen Figur für weite Teile des weißen US-Evangelikalismus. Untersuchungen der von der Cambridge University Press herausgegebenen Zeitschrift Politics and Religion zeigen, dass die Unterstützung weißer Evangelikaler für Donald Trump vor allem mit identitätsbezogenen und politischen Faktoren zusammenhängt und nicht nur mit religiösen. Diese Studien deuten darauf hin, dass die offensichtliche Religionslosigkeit des ehemaligen Präsidenten die Unterstützung in diesen Gruppen nicht geschmälert hat: Die Bindung war eher kultureller und strategischer als theologischer Natur. Themen wie Einwanderung, Rasse, Sexualerziehung und LGBTQIA+-Rechte rückten in den Mittelpunkt der konservativen Mobilisierung. Politik wurde nun als moralischer Konflikt dargestellt, und in diesem Rahmen verliert die demokratische Meinungsverschiedenheit an Legitimität.

Dieser scheinbare Widerspruch offenbart das Wesen des Phänomens. Die Unterstützung der Evangelikalen für Trump beruhte nicht auf spiritueller Identifikation oder moralischer Vorbildlichkeit. Es handelte sich um ein politisches Bündnis, das auf der Wahrnehmung einer kulturellen Bedrohung und dem Versprechen des Schutzes der eigenen Identität aufbaute.

Bolsonaro und die Institutionalisierung des Glaubens in Brasilien

Während sich in den USA das Verhältnis zwischen Religion und Politik unter Trump verschärfte, hat es sich in Brasilien unter der Regierung von Jair Bolsonaro stärker institutionalisiert. Das Land ist laut Verfassung säkular, doch die religiöse Präsenz im öffentlichen Raum war nie nur nebensächlich. Der Aufstieg Bolsonaros hat dies deutlicher sichtbar gemacht. Sein politisches Projekt fand in evangelikalen Kreisen eine entscheidende Basis. Es handelte sich nicht nur um ideologische Übereinstimmung: Es gab eine Annäherung in Bezug auf Kulturkriege, moralischen Konservatismus und Kritik an den traditionellen politischen Eliten.

Einige Studien zum religiösen Populismus und zu den institutionellen Beziehungen zwischen der Bolsonaro-Regierung und evangelikalen Führungspersönlichkeiten zeigen, wie sich diese Annäherung auf den staatlichen Laizismus und den demokratischen Pluralismus ausgewirkt hat. Alle weisen darauf hin, dass die Annäherung zwischen Regierung und organisierten religiösen Kreisen die Spannungen hinsichtlich staatlicher Neutralität, politischer Repräsentation und demokratischen Pluralismus verschärft hat.

Was Brasilien und die Vereinigten Staaten verbindet

Trotz historischer und institutioneller Unterschiede weisen Brasilien und die USA ein konvergentes Muster auf. Trump und Bolsonaro sind unterschiedliche Ausprägungen desselben Phänomens: die Mobilisierung religiöser Netzwerke als Quellen politischer Legitimität und sozialer Unterstützung in Zeiten von Krise und Polarisierung. In beiden Fällen begleitet die Religion den politischen Konflikt nicht nur. Sie trägt dazu bei, dessen Bedeutungen neu zu ordnen. Der Glaube wird zur Sprache der Zugehörigkeit und zum Mechanismus der Autoritätsbildung. Die symbolische Kraft der Religion mobilisiert Angst, Hoffnung, Schutz und Gemeinschaftsgefühl. Deshalb lässt sich der demokratische Rückgang nicht allein durch Angriffe auf Institutionen oder die Polarisierung im Wahlkampf erklären. Es handelt sich auch um einen kulturellen und symbolischen Wandel.

Und wie sieht die Zukunft aus?

Diese Diskussion wirft eine Frage für das Jahr 2026 auf: Wird die Religion bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen erneut als entscheidende Kraft mobilisiert werden? Die jüngsten Entwicklungen deuten darauf hin, dass religiöse und moralische Themen im öffentlichen Diskurs weiterhin eine strategische Rolle spielen werden. Die Frage ist nicht, ob Religion präsent sein wird – sie ist bereits fester Bestandteil des nationalen politischen Repertoires. Die Frage ist, wie sie mobilisiert wird und welche Auswirkungen dies auf den demokratischen Pluralismus und die Qualität der öffentlichen Debatte haben wird. In der Debatte geht es nicht darum, die Religion aus dem öffentlichen Leben auszuschließen. Religionen nehmen legitim am demokratischen Leben teil und treiben oft Agenden der Solidarität und sozialen Gerechtigkeit voran. Die Frage ist eine andere: Was geschieht, wenn die religiöse Autorität den Raum der Deliberation verlässt und beginnt, übergeordnete Macht für sich zu beanspruchen, um zu definieren, wer zur politischen Gemeinschaft gehört und welche Werte vorherrschen sollen?

Wenn Religion, Kulturkriege und Projekte der extremen Rechten zusammenwirken, um politische Differenzen in absolute moralische Gegensätze zu verwandeln, wird die Demokratie verwundbar. Die Grundprämisse der Demokratie – Gegner als politische Gleichgestellte anzuerkennen und zu akzeptieren, dass Macht begrenzt, geteilt und hinterfragbar sein muss – beginnt zu bröckeln. Die Verteidigung der Demokratie erfordert heute mehr als nur die Stärkung formaler Institutionen. Sie erfordert ein Verständnis dafür, wie Glaube und Politik gemeinsam die Grenzen des Pluralismus, der Autorität und des demokratischen Zusammenlebens selbst neu definieren.

P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie jetzt Fan von agência latinapress! Oder abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und lassen sich täglich aktuell per Email informieren!

© 2009 - 2026 agência latinapress News & Media. Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Inhalte dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung und Verbreitung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung von IAP gestattet. Namentlich gekennzeichnete Artikel und Leser- berichte geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Für Einsendungen und Rückmeldungen bitte das Kontaktformular verwenden.

Dies könnte Sie auch interessieren

Kommentarbereich

Hinweis: Dieser Kommentarbereich ist moderiert. Leser haben hier die Möglichkeit, Ihre Meinung zum entsprechenden Artikel abzugeben. Dieser Bereich ist nicht dafür gedacht, andere Personen zu beschimpfen oder zu beleidigen, seiner Wut Ausdruck zu verleihen oder ausschliesslich Links zu Videos, Sozialen Netzwerken und anderen Nachrichtenquellen zu posten. In solchen Fällen behalten wir uns das Recht vor, den Kommentar zu moderieren, zu löschen oder ggf. erst gar nicht zu veröffentlichen.

Für diese News wurde noch kein Kommentar abgegeben!

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass meine eingegebenen Daten und meine IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.