Brasilien: Schnell noch heiraten aus Angst das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe zu verlieren

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Zahl lesbischer und schwuler Trauungen stieg nach Wahl Jair Bolsonaros im Jahr 2018 zum Präsidenten vorübergehend sprunghaft an (Foto: Archiv)
Datum: 05. September 2026
Uhrzeit: 13:36 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Redaktion
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Die Wahl Jair Bolsonaros, der sich wiederholt homophob geäußert hatte, im Jahr 2018 zum Präsidenten Brasiliens hat dort die Zahl gleichgeschlechtlicher Trauungen vorübergehend sprunghaft ansteigen lassen. Der Anstieg war in den Städten und Gemeinden besonders hoch, in denen zuvor besonders viele Wählerinnen und Wähler für Bolsonaro gestimmt hatten. Das zeigt eine Studie der Universitäten Tübingen und Valencia sowie der Universität für Wirtschaft und Recht in Oestrich-Winkel, die im Journal of Population Economics erschienen ist.

„Bereits ein befürchteter Verlust von Rechten kann das Verhalten der Angehörigen von Minderheiten direkt beeinflussen – sogar dann, wenn die Furcht unbegründet ist und sich die Rechtslage wie in Brasilien gar nicht ändern kann“, sagt Mateus Maciel, einer der Autoren der Studie und Doktorand im Bereich Internationale Wirtschaftsbeziehungen und Arbeitsmärkte. Für die Forschenden stellt das kein irrationales Verhalten dar, weil die Betroffenen die Kosten eines möglichen Verlusts auf ihr Recht zu heiraten höher bewerten als die Kosten einer Eheschließung. Es genüge also bereits eine geringe Wahrscheinlichkeit für eine Gesetzesänderung, um die spontanen Eheschließungen auszulösen.

Daten aus knapp 5000 Städten und Gemeinden

Die Forschenden werteten die Anzahl gleichgeschlechtlicher Eheschließungen in 4905 Städten und Gemeinden Brasiliens aus. Dabei betrachteten sie den Zeitraum von 36 Monaten vor und 12 Monaten nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 7.Oktober 2018. „In dieser ersten Runde wählen die Menschen üblicherweise ihre tatsächlich bevorzugte Kandidatin oder ihren bevorzugten Kandidaten. Danach wählen die Menschen strategisch“, sagt David Zuchowski, Co-Autor der Studie. „Das Ergebnis zeigte uns also, wie groß die Unterstützung für Jair Bolsonaro in den einzelnen Orten tatsächlich war.“ Daraufhin verglichen die Forschenden, wie sich die Zahl der Eheschließungen schwuler und lesbischer Pärchen in Orten mit hoher und wie in solchen mit niedriger Zustimmung entwickelte.

September 2018, der Monat vor der Präsidentschaftswahl, diente dabei als Vergleichsmonat für die Entwicklung gleichgeschlechtlicher Eheschließungen. Deren Zahl sprang zwischen dem Wahlmonat Oktober und Bolsonaros Amtsantritt im Januar 2019 sprunghaft an. Innerhalb dieser vier Monaten wiederum erfolgte der stärkste Anstieg im Dezember, kurz vor Amtsantritt: In Orten, in denen der Stimmenanteil für Jair Bolsonaro um zehn Prozentpunkte höher lag, betrug der Anstieg gleichgeschlechtlicher Eheschließungen zum Vergleichsmonat rund 85 Prozent, entsprach also knapp einer Verdoppelung der Fallzahlen. In den 36 Monaten vor der Wahl im Oktober 2018 lag der Wert beständig auf einem niedrigeren Niveau.

Mehr lesbische als schwule Paare

In den darauffolgenden Monaten sank die Zahl wieder auf das Niveau vor der Wahl, fiel aber nicht darunter. Paare haben sich also spontan zur Heirat entschieden, die bis dato keine Hochzeit geplant hatten.“ Zusätzlich zur Angst vor einem Verlust des Rechts auf Heirat führen die Autorinnen und Autoren der Studie noch wirtschaftliche und rechtliche Absicherung mittels Heirat als Grund für den Anstieg an. Verheiratete Paare profitieren in Brasilien bei Sozialleistungen, Krankenversicherung, Erbschaftsrechte und Steuervorteile im Vergleich zu unverheirateten Paaren. Das erklärt in den Augen der Forschenden auch, weshalb in dem Zeitraum mehr lesbische als schwule Pärchen heirateten. „Frauen gelten in der Forschung zu gleichgeschlechtlichen Ehen als risikoscheuer im Vergleich zu Männern“, sagt Sara Parente, Co-Autorin der Studie. Die Autorinnen und Autoren schlussfolgern, dass beide Punkte die wahrgenommene Bedrohung verstärkt und zu dem Anstieg gleichgeschlechtlicher Eheschließungen geführt haben.

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