Das UNESCO-Komitee für Immaterielles Kulturerbe hat am 1. und 2. Dezember in Windhoek, Namibia, 23 traditionelle Fertigkeiten und Wissensformen neu in die „Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ aufgenommen. Zum immateriellen Kulturerbe zählen lebendige Traditionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturwissen und Handwerkstechniken. Formen immateriellen Kulturerbes sind wesentlich von menschlichem Wissen und Können getragen. Sie sind Ausdruck von Kreativität und Erfindergeist, vermitteln Identität und Kontinuität. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben und immer wieder neu gestaltet. Immaterielles Kulturerbe ist oft auch die Grundlage von materiellem Kulturerbe. Insgesamt umfasst die Liste, die die Vielfalt des immateriellen Kulturerbes weltweit abbilden soll, nun 336 Kulturformen.
Seit 2003 unterstützt die UNESCO den Schutz, die Dokumentation und den Erhalt von Kulturformen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. 391 Bräuche, Darstellungskünste, Handwerkstechniken und Naturwissen aus aller Welt sind derzeit von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt, darunter der Tango aus Argentinien und Uruguay, die traditionelle chinesische Medizin und die italienische Geigenbaukunst. Bis heute sind 163 Staaten dem UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes beigetreten. Deutschland ist seit 2013 Vertragsstaat.
Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes
Kolumbien: Traditionelle Vallenato-Musik der Region Magdalena Grande. Traditionelle Vallenato-Musik verbindet verschiedene kulturelle Ausdrucksformen aus dem Norden Kolumbiens. Dazu gehören die Gesänge von Kuh-Hirten der Region Magdalena Grande, die Lieder der afrikanischen Sklaven sowie die traditionellen Tanzrhythmen der indigenen Völker der Sierra Nevada de Santa Marta. Auch spanische Poesie und Musikinstrumente europäischer Herkunft sind Komponenten der traditionellen Musik. Sie wird bei Vallenato-Musik-Festivals und bei sogenannten „parrandas“ gespielt, wo Freunde und Familie zusammenkommen und die somit eine entscheidende Rolle im Aufbau einer gemeinsamen regionalen Identität spielen. Die Kulturform ist insbesondere durch den Drogenhandel und die damit zusammenhängenden bewaffneten Konflikte in Kolumbien bedroht. Die Feier von parrandas im öffentlichen Raum ist zudem rückläufig.
Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit
Argentinien: Traditionelle Maltechnik Filete porteño in Buenos Aires. Filete porteño ist ein ornamentaler Malstil, mit dem Busse, Geschäftsschilder, Schaufenster und Häuserfassaden in Buenos Aires verziert werden. Merkmale der Filete porteño-Maltechnik sind leuchtende Farben und ein durch Schatten- und Lichtkontraste erzeugter 3D-Effekt. Zu den Hauptmotiven zählen Pflanzen und Tiere, berühmte Persönlichkeiten, religiöse Bilder sowie Schriftzüge, die mit Voluten („Schneckenformen“) und Bändern eingerahmt werden. Der Malstil ist erstmals Ende des 19. Jahrhunderts aufgekommen und wurde seither im Hinblick auf Motive, Materialien und Bildträger stetig weiterentwickelt. Filete porteño ist nicht nur ein ästhetisches Merkmal der Stadt Buenos Aires – durch die Motive (etwa Bilder von Politikern, Berühmtheiten, Redewendungen usw.) wird auch ein Stück kulturelle Geschichte weitergegeben. Meister der Maltechnik geben ihr Wissen und Können auf informellem Wege an Interessierte weiter.
Ecuador und Kolumbien: Traditionelle Gesänge und Tänze der Marimba-Musik. Marimba-Musik, Gesänge und Tanz sind bedeutende Ausdrucksformen der Menschen afrikanischer Abstammung in der kolumbianischen Südpazifik-Region und der Esmeraldas-Provinz in Ecuador. Marimba ist ein Xylophon aus Palmenholz, dessen Musik von Trommeln und Maracas-Rasseln begleitet wird. Bei rituellen, religiösen und festlichen Veranstaltungen werden von Männern und Frauen zur Marimba-Musik gesungene Geschichten und Gedichte vorgetragen und durch rhythmische Bewegungen des Körpers begleitet. Marimba-Musik ist stark im Alltag der Gemeinschaft verwurzelt und wird von Menschen jeden Alters oder Geschlechts praktiziert. Musik, Gesänge und Tänze, die mit dem Marimba-Instrument in Verbindung stehen, stärken das Identitätsbewusstsein und Gemeinschaftsgefühl der Praktizierenden.
Peru: Wititi-Tanz des Colca-Tals. Der Wititi-Tanz wird im Colca-Tal im Hochland von Peru während der Regenzeit im Rahmen von lokalen religiösen Feiern aufgeführt. Die Bewohner der ländlichen Andenregion feiern zu dieser Zeit die Fruchtbarkeit und Fülle der Erde sowie den Beginn des neuen Vegetationszyklus. Wititi ist ein dynamischer Gruppentanz, bei dem männliche und weibliche Tanzpaare Reihen bilden und in einer Parade durch das Dorf ziehen. Tänzerinnen tragen farbenfrohe Kleider und Hüte mit fein bestickten Naturmotiven. Die „Wititi“ genannten Tänzer kleiden sich mit zwei überlappenden Frauenröcken, einem Militärhemd, einer Steinschleuder und einem Hut. Die Verkleidung als Frau soll der Legende nach daher rühren, dass sich Krieger in der Vergangenheit zur Verwirrung von Feinden als Frauen verkleidet haben. Der Tanz ist Ausdruck der Freude und der gemeinsamen kulturellen Identität der Gemeinschaften im Colca-Tal.
Venezuela: Anbau und textile Verarbeitung von Curagua-Hartmais. Im Osten von Venezuela in der Stadt Aguasay wird die Curagua-Pflanze zu Textilien verarbeitet. Die aus Curagua gewonnenen weißen Fasern zeichnen sich durch Stärke, Beständigkeit und Geschmeidigkeit aus. Verwendet werden sie unter anderem zum Weben und Knüpfen von regionaltypischen Hängematten. Das jahrhundertealte Wissen um die Kultivierung von Curagua und das Verfahren zum Trennen der Naturfasern wird von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Da die Gewinnung der Fasern Kraft erfordert, übernehmen üblicherweise Männer diese Arbeit. Frauen verarbeiten und weben die Fasern zu den Endprodukten. Die Textilherstellung aus Curagua stellt sowohl für Männer als auch Frauen eine Erwerbsquelle dar. Die Anpflanzung und die Verarbeitung von Curagua fördert Kooperation innerhalb und zwischen den Familien und Gemeinschaften.
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