Die Zentralbank von Venezuela hat am vergangenen Donnerstag eine Inflation von 4,4% im Monat September bestätigt. Damit beträgt die annualisierte Inflation im erdölreichsten Land der Welt 49,4% und wird nur noch von Belarus und dem Südsudan übertroffen. Der Preisanstieg bei den Nahrungsmitteln ist umso beunruhigender, er erreichte 70% in den letzten 12 Monaten. Essen in Venezuela ist allerdings nicht nur teuer, sondern auch immer schwieriger zu bekommen. Der Mangel-Index schloss im September um 21,2%, einer der höchsten in der Geschichte des Chavismo. Lebensmittel wie Milchpulver, Zucker und Speiseöl sind fast unmöglich zu erwerben, bei diesen Artikeln überschreitet der Mangel-Index 85%.
Angesichts dieser Tatsachen ist es nicht verwunderlich, dass die von der aktuellen Situation heillos überforderte Regierung fast wöchentlich neue und nie bewiesene Sabotageakte, Mordgerüchte und Putschversuche unter das Volk streut. Ein Ex-Busfahrer, der nach Angaben der Wahlkommission die Präsidentschaftswahlen vom 14. April gewonnen haben soll, leugnet die Realität. Die Schwere der wirtschaftlichen Situation hat zu einer beispiellosen politischen Krise geführt – mit offenen Auseinandersetzungen innerhalb der staatlichen Sektoren. Angesichts des herrschenden Chaos bleibt abzuwarten, wie lange sich Diosdado Cabello, Präsident der venezolanischen Nationalversammlung, das Unvermögen von Maduro noch anschauen wird. Dass der ehemalige Armeeoffizier und für einen Tag amtierender Präsident Venezuelas (13. April 2002) der wirklich starke Mann in Caracas ist, pfeifen die Spatzen von den Dächern.
Am vergangenen Donnerstag gab Maduro bekannt, dass seine Regierung über genügend Devisenreserven verfüge. Einen Tag später kündigte er die Wiederaufnahme der Dollar-Auktionen an, die für eine Umkehrung der Knappheit viel zu wirkungslos sind. Aufgrund des Devisenmangels ist in fast allen Bereichen der Wirtschaft die Produktion gefallen und ein Ende ist nicht abzusehen. Inzwischen hat die Krise auch das Gesundheitswesen erreicht. In der Tumordiagnostik werden zur genaueren mikroskopischen Beurteilung des Gewebes heute meist sogenannte Paraffinschnitte angefertigt. Dazu muss die Gewebeprobe zuerst konserviert werden, das entwässerte Material tränkt man anschließend mit heißem Paraffinwachs, das bei Abkühlung erstarrt. Dieses Einbetten ist notwendig, um hauchdünne Gewebeschnitte aus dem so gewonnenen Paraffinwachsblöckchen abhobeln zu können. Die fertigen Paraffinschnitte werden dann auf Objektträger aufgezogen. Solche mikroskopischen Präparate sind lange haltbar. Da wegen des Mangels an Devisen kein Paraffin mehr eingeführt werden kann, haben in Venezuela bereits mehrere Diagnose-Center geschlossen.
Dass die staatlich kontrollierte Presse darüber nicht berichtet, liegt auf der Hand. „Die Inflation in Venezuela steigt weiterhin sehr deutlich. Die Knappheits-Indikatoren sind hoch und was wir beobachten ist als unhaltbare Situation zu bezeichnen. Alle bisher getroffenen Maßnahmen der Regierung sind nicht nachhaltig“, analysiert Alejandro Werner, Direktor Abteilung Westliche Hemisphäre des IWF.
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