Goethe-Medaille in Weimar vergeben

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Die Goethe-Medaille wurde 1954 vom Vorstand des Goethe-Instituts gestiftet und 1975 von der Bundesrepublik Deutschland als offizielles Ehrenzeichen anerkannt (Foto: GoetheInstitut)
Datum: 28. August 2018
Uhrzeit: 12:22 Uhr
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Autor: Redaktion
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Die kolumbianischen Theatermacher Heidi und Rolf Abderhalden vom Kollektiv Mapa Teatro, die schweizerisch-brasilianische Fotografin und Menschenrechtlerin Claudia Andujar und der ungarische Komponist und Dirigent Péter Eötvös wurden am 28. August mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet. Das Goethe-Institut verleiht das offizielle Ehrenzeichen der Bundesrepublik Deutschland jedes Jahr an Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise für den internationalen Kulturaustausch eingesetzt haben. Der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann ehrte damit das Engagement der vier Preisträgerinnen und Preisträger, die sich besonders für einen Neubeginn nach der „Katastrophe“ eingesetzt haben. Die Verleihung der Goethe-Medaillen fand in Anwesenheit der Staatsministerin für internationale Kulturpolitik Michelle Müntefering, des Thüringer Ministers für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten und Chefs der Staatskanzlei Benjamin-Immanuel Hoff und des Oberbürgermeisters der Stadt Weimar Peter Kleine statt.

Klaus-Dieter Lehmann betonte in seiner Eröffnungsrede das Denken, Arbeiten und das künstlerische Talent der Preisträgerinnen und Preisträger, die sich stets entschieden für emanzipatorische Bewegungen und Positionen eingesetzt und gegen Repressionen und gesellschaftliche Ungerechtigkeit aufbegehrt haben: „Alle vier Preisträger sehen in der künstlerischen Ausdrucksfähigkeit ein wesentliches Element des menschlichen Zusammenlebens und der menschlichen Teilhabe. Ohne kulturelles Verständnis, ohne Dialogfähigkeit wird unsere Welt immer weniger verständlich. Es braucht Menschen, die sich aktiv der kulturellen Vermittlung widmen, auch mit der Fähigkeit des Umgangs mit kulturellen Unterschieden – sei es in Südamerika, Afrika oder Europa.“ Die erste Vizepräsidentin des Goethe-Instituts und Vorsitzende der Kommission zur Verleihung der Goethe-Medaille Christina von Braun unterstrich: „Unsere drei Preisträger haben in Situationen des Bürgerkriegs und der Vertreibung Mut bewiesen und zugleich gezeigt, dass Kultur und Sprache etwas gegen Gewalt bewirken können.“

Der Theaterautor Deniz Utlu hob den Mut der Geschwister Heidi und Rolf Abderhalden hervor, sich immer wieder zu positionieren: „Angesichts unauflöslicher Widersprüche haben Heidi und Rolf Abderhalden mit ihrem Kollektiv immer wieder das Experiment nicht nur gewagt, sondern es zu einem Wesensbestandteil ihrer Arbeit gemacht. Eindeutige Antworten waren ausgeschlossen. Aber dies haben sie nicht als Vorwand genutzt, um sich nicht zu positionieren. Im Gegenteil, die Fragen, die sie stellen, sind immer die Suche nach einer Position angesichts unauflösbarer Widersprüche. Für ihre Arbeit, die aus einem kosmopolitischen Geist entsteht und in der die Überschreitung von Grenzen zur Methode wird, für die Präzision ihres Blicks vor Ort, die auch unseren Zentrismus hier auf der anderen Seite des Atlantiks erschüttert, werden sie heute mit der Goethe-Medaille geehrt.“

Der Anthropologe Stephen Corry würdigte das Werk der Künstlerin und Aktivistin Claudia Andujar „50 Jahre lang hat sie die Yanomami, einen im Amazonas-Gebiet lebenden Stamm, fotografiert […]. Die Yanomami waren bereits bekannt. Claudia zeigt uns Menschen, die versuchen, ihren Platz in der Welt zu finden und die volle Verantwortung für die physische und spirituelle Gesundheit ihrer weiteren Umgebung übernehmen – sowohl für das Sichtbare als auch für das Unsichtbare. Kein Amazonas-Stamm wurde jemals mit tiefergehendem Verständnis porträtiert.“ Und weiter sagte er: „Die Arbeit von Claudia, die bereits Millionen von Menschen bewundert haben, bleibt ein einmaliges Vermächtnis für die gesamte Menschheit.“ Claudia Andujar erklärte in ihrer Dankesrede, sie wolle die Auszeichnung mit Davi Kopenawa Yanomami, Sprecher der Yanomami, teilen.

Der Schriftsteller und Dramatiker Albert Ostermaier sprach in seiner Laudatio an Péter Eötvös über die Fähigkeit des Komponisten, das Unsichtbare mit seiner Musik sichtbar zu machen: „Atlantis, so heißt eine seiner frühen Opus, dieses Atlantis, es könnte auch, versunken in der Unterbühne liegen, oder sein Stück Levitation genau hier unter den bebenden Brettern. Jeder Ort ist ein Ort der Ohren, bei ihm lernen die Augen zu hören, die Ohren zu sehen. Und noch viel mehr: Er legt sie frei, die Mechanik des Unsichtbaren. Er ist ein Sprachakrobat, denn seine Musik spricht alle Sprachen und jedes Stück eine neue, er ist ein Stimmakrobat, er lernt die Sprachen, indem er sie den Stimmen abhört, aber seine Stimmen ergeben kein Babylon, sondern vermehren, überlagern, widersprechen, überschlagen sich, verschmelzen zu einer einzigen, universellen Sprache, die jeder versteht und die alles unverständlich Geglaubte verstehen lässt im Hören. Seine Musik befreit uns.“

Mapa Teatro

Das kolumbianische Theaterkollektiv Mapa Teatro um die Geschwister Heidi und Rolf Abderhalden ist seit seiner Gründung im Jahr 1984 einzigartig in seiner Form. Dem „experimentellen Labor“ gehören bildende so wie darstellende Musik- und Videokünstler an, die mit innovativen Stücken weltweit auf Theaterfestivals zu sehen sind. Dabei widmet sich das Kollektiv in seinen sozialdokumentarischen Projekten gleichermaßen regionalen wie globalen Themen und untersucht radikal und multimedial die Verflechtungen von Politik, Gesellschaft, Festkultur, Gewalt und Revolution in der kolumbianischen Gesellschaft. Damit leistet Mapa Teatro einen wichtigen Beitrag nicht nur zum zeitgenössischen kolumbianischen Theater, sondern auch zu den Aussöhnungsprozessen des Landes. Seit der Gründung spiegeln seine Stücke immer auch die Situation Kolumbiens und des Subkontinents wider. In „Testigo de las Ruinas“ (2005) behandeln sie die Räumung und Auflösung eines Stadtviertels. In „Die Unerzählten – Eine Anatomie der Gewalt in Kolumbien“ („Los Incontados”, 2014) betrachten sie verschiedene Parteien des Bürgerkrieges und ihren Umgang mit Gewalt. Auch ihre Spielstätten – allen voran das republikanische Gebäude, das das Kollektiv beheimatet und das dank des Kollektivs in den Achtzigerjahren vor dem sicheren Verfall gerettet wurde – zeugen davon. Der über 50-jährige bewaffnete Konflikt in dem Land, die damit einhergehenden Gewalt, Vertreibungen sowie die daraus resultierenden vielzähligen ungeklärte Schuldfragen erfordern aus Sicht des Kollektivs eine beständige Auseinandersetzung. Mapa Teatro tut dies mit mutigen und neuen Formaten.

Claudia Andujar

Claudia Andujar zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen der künstlerisch-dokumentarischen Fotografie Südamerikas. Nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten entschied sie sich für eine Karriere als Fotojournalistin, mit der sie sich am Kampf gegen Diktatur und Gewalt in ihrer neuen Heimat beteiligt. Im Rahmen ihres Engagements zum Schutz der Yanomami, Brasiliens größtem indigenen Volk, sind seit den 1970er Jahren über 60.000 Fotografien entstanden. Ihre eindrucksvollen Bildserien sind dabei künstlerisch und politisch zugleich – sie schaffen ein Panorama Brasiliens, das sich zwischen Stadt und Natur bewegt. Den größten Einfluss auf ihr Leben und ihr künstlerisches Schaffen hat ihre Begegnung mit den Yanomami, deren Existenz von der durch wirtschaftliche Interessen getriebenen Zerstörung ihres Lebensraums bedroht ist. 1971 reist sie im Rahmen eines Fotoauftrags des Magazins „Realidade“ erstmals in das brasilianische Amazonasgebiet und ist fasziniert von der Lebensweise der Yanomami. Mehr und mehr kehrt sie dem Fotojournalismus den Rücken zu, um sich fortan ihrem Lebensprojekt zu widmen: dem Schutz der Yanomami. Von 1971 bis 1978 lebt sie mit ihnen im Amazonas, bis die Militärregierung sie vertreibt. Daraufhin gründet sie mit dem Missionar Carlo Zacquini, dem Anthropologen Bruce Albert und anderen Aktivisten die „ComissaÞo Proì-Yanomami“ – eine NGO, die sich für die Errichtung eines Parks zum Schutze der Yanomami und der dazugehörigen Natur stark macht. Nicht zuletzt durch dieses Engagement wird dieser Lebensraum im Amazonasgebiet 1992 zum Schutzraum erklärt. Das Zusammenleben der Yanomami hat die Fotografin unter anderem in ihrer wichtigsten, in den 1980er Jahren entstandenen Serie „Marcados“ (zu Deutsch: Die Markierten) festgehalten. Die schwarz-weißen Portraits der Yanomami fertigt sie im Rahmen einer Impfkampagne an, um deren gesundheitliche Situation zu verbessern. Als Künstlerin und Aktivistin ist sie mit 87 Jahren bis heute eine wichtige Stimme in Südamerika – nicht zuletzt, weil die Verhältnisse in Brasilien sie nicht zur Ruhe kommen lassen.

Über die Goethe-Medaille

Die Goethe-Medaille wurde 1954 vom Vorstand des Goethe-Instituts gestiftet und 1975 von der Bundesrepublik Deutschland als offizielles Ehrenzeichen anerkannt. Die Goethe-Medaille wird zum Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe, am 28. August, verliehen. Seit der ersten Verleihung 1955 sind insgesamt 348 Persönlichkeiten aus 65 Ländern geehrt worden. Zu den Preisträgerinnen und Preisträgern gehören unter anderen Daniel Barenboim, Pierre Bourdieu, David Cornwell alias John le Carré, Sir Ernst Gombrich, Lars Gustafsson, Ágnes Heller, Petros Markaris, Sir Karl Raimund Popper, Jorge Semprún, Robert Wilson, Neil MacGregor, Helen Wolff, Juri Andruchowytsch oder Irina Scherbakowa.

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