Bildungsnotstand in Venezuela: Lehrkräfte flüchten in Scharen

humboldt

Der Zustand vollständiger Unordnung oder Verwirrung macht auch vor den Toren des „Colegio Humboldt“ nicht halt, der deutschen Auslandsschule in Caracas (Foto: colegiohumboldtcaracas)
Datum: 12. Dezember 2019
Uhrzeit: 11:49 Uhr
Leserecho: 6 Kommentare
Autor: Redaktion
Autor folgen:
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Die humanitäre Krise in Venezuela ist im Begriff die Flüchtlingskrise in Syrien zu übertreffen und wird nach einer Studie der Denkfabrik „Brookings Institution“ die größte in der modernen Geschichte. Die am Montag (9.) veröffentlichte Studie macht den Vergleich: 4,6 Millionen Venezolaner haben ihr Land bisher verlassen, während in Syrien die Zahl der Flüchtlinge im Jahr 2015 4,8 Millionen betrug. Aus Venezuela flüchten die Menschen immer noch in Scharen, bis Ende des Jahres werden es knapp fünf Millionen sein. Die humanitäre Notlage und die Wirtschaftskrise veranlassen auch immer mehr Lehrkräfte, nach anderen Arbeitsplätzen zu suchen oder auszuwandern.

Im einst reichten Land Lateinamerikas verdient der ranghöchste Lehrer etwas weniger als zehn US-Dollar im Monat, das niedrigste Einkommen liegt bei weniger als fünf US-Dollar. Mit diesem mehr als kärglichen Gehalt kann sich dieser Berufszweig in Venezuela kaum fünf Prozent des Grundnahrungsmittelkorbes leisten. Laut der „Unidad Democrática del Sector Educativo (UDSE)“, eine Organisation, die Lehrer und Professoren aus dem ganzen Land vereint, gibt es im südamerikanischen Land 263.769 öffentlichen Schulen. Schätzungen der UDSE gehen davon aus, dass fünfzig Prozent der Lehrkräfte in den Bereichen Integrale Bildung, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Englisch ihre Klassenzimmer verlassen haben. Alleine in der Gemeinde Libertador, der größten im Großraum Caracas, gibt es von den 28.332 Lehrern, die im Jahr 2015 gezählt wurden, nur noch 14.926.

In der Krise sind die Chancen der Lehrer, Waren und Dienstleistungen zu erwerben, gering. Die kumulierte Inflation von Januar bis November lag bei 5.515,6 Prozent, während die Inflation im Jahresvergleich bei 13.475,8 Prozent lag. Das Regime von Nicolás Maduro erhöht permanent die Gehälter der Militärs, schuldet dem Bildungsministerium allerdings inzwischen 220 Prozent an Gehaltserhöhung für Lehrer. Seit September, als das Schuljahr 2019/2020 begann, haben Lehrer vor dem Bildungsministerium protestiert, um die Zahlung der Schulden zu fordern. Sie haben auch dreimal die Schulaktivitäten gelähmt und schließen einen Generalstreik nicht aus.

Allein in Fe y Alegría, einer Institution mit mehr als 170 öffentlichen Schulen in den beliebten Gebieten Venezuelas und abhängig vom Maduro-Regime, gibt es 1.765 offene Stellen. Es sind die Eltern und Verwandte, die diese Positionen besetzen, damit ihre Kinder eine Ausbildung erhalten können. Aber nicht nur Lehrer treten zurück. In diesem Jahr waren 46 Prozent der Schüler vom Schulsystem ausgeschlossen, da sie mangels Uniformen, Materialien, Lebensmitteln und Dienstleistungen keine Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen. Laut der „Lebensbedingungenumfrage 2018“ besuchten 28 Prozent der Schulkinder in Venezuela den Unterricht nicht, weil es an Wasser mangelt, 22 Prozent wegen Nahrungsmangel zu Hause und 13 Prozent aus dem gleichen Grund in der Schule. In diesem Jahr verabschiedete die vom Volk gewählte Nationalversammlung einstimmig die Notstandserklärung im Bildungsbereich.

P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie jetzt Fan von agência latinapress! Oder abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und lassen sich täglich aktuell per Email informieren!

© 2009 - 2020 agência latinapress News & Media. Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Inhalte dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung und Verbreitung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung von IAP gestattet. Namentlich gekennzeichnete Artikel und Leser- berichte geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Für Einsendungen und Rückmeldungen bitte das Kontaktformular verwenden.

Dies könnte Sie auch interessieren

Kommentarbereich

Hinweis: Dieser Kommentarbereich ist moderiert. Leser haben hier die Möglichkeit, Ihre Meinung zum entsprechenden Artikel abzugeben. Dieser Bereich ist nicht dafür gedacht, andere Personen zu beschimpfen oder zu beleidigen, seiner Wut Ausdruck zu verleihen oder ausschliesslich Links zu Videos, Sozialen Netzwerken und anderen Nachrichtenquellen zu posten. In solchen Fällen behalten wir uns das Recht vor, den Kommentar zu moderieren, zu löschen oder ggf. erst gar nicht zu veröffentlichen.
  1. 1
    noesfacil

    Das Ganze hat doch durchaus ein lange bekanntes und deswegen eben leicht durchschaubares System. Nutzen alle despotischen Regime, gleich welcher Ausrichtung.

    1. Die militares sichern die Macht, den Zugriff auf die Ressourcen und den Drogenhandel ab, also werden diese nach besten Kräften gut alimentiert. Zudem partizipieren diese am v.g. „System“.

    2. Lehrer vermitteln Bildung und Wissen. Bildung und Wissen befördert das Nachdenken und den Willen nach Selbstbestimmung, daher sind diese Personen, im Sinne der Maduro- Kamarilla und nicht nur dieser, eher als schwer staatsgefährdend einzustufen, es sei denn, diese würden das ewig dogmatisch- cubanische- Revolutionsgeschwurbel und patria o muerte, venceremos und viva la revolucion und die Wohltaten der Srs. Chávez & Maduro lobpreisen und verbreiten,…….. tun sie aber mehrheitlich nicht, ergo können die auch verhungern oder auswandern, flüchten, etc.
    Dumme und hungrige Leute lassen sich auch viel besser manipulieren und sind zudem mit dem täglichen Überleben beschäftigt.
    So einfach und perfide ist das!
    noesfacil

  2. 2
    Jasmin

    Genau das gleiche Phänomen macht leider auch vor der Deutschen Schule in Caracas nicht halt. Hungrige Lehrer lassen sich leichter manipulieren, während einige wenige sich eine goldene Nase verdienen.

    Die nationalen Lehrer verlassen die Deutsche Schule in Caracas (Colegio Humboldt) weiter fluchtartig. Aber es gibt auch gegenläufige Tendenzen für einige wenige in Caracas. Der Schulleiter Dr. Thomas Altrichter sorgt dafür, dass seine Familienmitglieder mit besonderen Gehältern finanziert aus Deutschland für ihn arbeiten. Seine Ehefrau wurde kurzerhand zu seiner Stellvertreterin gemacht und sein Sohn als Informatikberater eingestellt, selbstverständlich unter der Aufsicht des Schulvorstandes und der Verwaltungsleiterin Anja Nopper. Es sind sogar für besonders linientreue Mitarbeiter Bonuszahlungen eingeführt worden. Damit die Gelder aus Deutschland nicht über die Schulbücher laufen, wurde die vor einigen Jahren die F.C.H. ACADEMIC HOLDINGS CORPORATION auf Barbados gegründet. Nachzulesen unter: https://offshoreleaks.icij.org/nodes/101739822

    • 2.1
      noesfacil

      Ihren Beitrag, ab dem etwas, mit Verlaub, „verschwurbelten“ Teil, wo es um den Schulleiter des Colegio Humboldt in CCS geht würde ich gerne näher verstehen, da ich selber einmal Schüler an dieser Schule war.
      Ihre „heftige“ Kritik erschließt sich mir nicht.
      Bisher werde ich leider den Eindruck nicht los, dass es sich hier um pure Darstellung irgendeiner „Verschwörungskampagne“ oder etwas Vergleichbarem handelt.
      Auch die Verlinkung erbringt für mich zumindest keine wirklich erhellenden Erkenntnisse.
      Vielleicht können Sie hier mit erklärenden, belastbaren Informationen weiterhelfen.
      noesfacil

      • 2.1.1
        José

        Solche Hetzkampagnen gegen den Schulleiter wurden hier oder in Venezuela Foren schon häufiger gepostet hat. Vermutlich handelt es sich um eine frustrierte Lehrkraft aus Deutschland, die sich zu lokalen Konditionen hat anwerben lassen. La vida en Venezuela no es fácil!

      • 2.1.2
        noesfacil

        @José: so etwas in der Art hatte ich mir schon gedacht und daher diese „Jasmin“ um weitere „erhellende und belastbare“ Informationen zu deren fragwürdigen Beitrag gebeten.
        Das Ergebnis ist = 0, was klare Rückschlüsse auf die W e r t i g k e i t eben dieses Beitrages zulässt.
        La franquesa vale mucho, y la mentira muy poco!
        Ay si, la vida en Venezuela verdaderamente no es fácil.
        noesfacil

  3. 3
    José

    Ich denke, dass man es dem aktuellen Schulleiter hoch abrechnen muss, dass es das CH überhaupt noch gibt. Dass seine Frau auch in die Schulleitung aufgenommen wurde, kann man dem Organigramm auf der Homepage der Schule entnehmen. Warum soll das CH lokalen Lehrkräften mehr bezahlen als üblich.

Diese News ist älter als 14 Tage und kann nicht mehr kommentiert werden!