Deutscher Botschafter: „Venezuela braucht Versöhnung!“► Seite 2

Deutscher Botschafter Walter Lindner

Datum: 05. Oktober 2012
Uhrzeit: 17:44 Uhr
Leserecho: 2 Kommentare
Autor: Dietmar Lang
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Am Sonntag sind Wahlen. In ihrer Rede zum Tag der Deutschen Einheit haben Sie darauf hingewiesen, dass sich zwei unterschiedliche Systeme wie die BRD und DDR sich durchaus vereinigen können. In Venezuela ist das Land derzeit zutiefst gespalten. Glauben Sie, dass eine nationale Versöhnung möglich ist?
Ich würde zunächst einmal die Analogie zum Wiedervereinigungsprozess nicht zu weit treiben. Das ist nicht vergleichbar. Tatsache ist aber, dass es hier eine enorme Polarisierung gibt. Das ist zwar in einem Wahlkampf normal, da fallen auch mal Wörter, die man sonst nicht sagen würde und man sollte das dann auch nicht alles auf die Goldwaage legen. Es gibt aber Grenzen wie Gewalt, Beleidigungen oder Antisemitische Äusserungen. Da melden wir uns dann auch zu Wort.

Aber vor allem muss am kommenden Sonntag (7. Oktober), nachdem die „Schlacht“ geschlagen wurde, nach vorne geblickt werden. Es gibt eben auch noch einen 8. Oktober, und dann müssen die Menschen in den Familien, mit den Nachbarn, mit den Arbeitskollegen wieder zusammenarbeiten, auch wenn man unterschiedlich abgestimmt hat. In einer Demokratie ist das normal, nie werden alle mit dem Ergebnis einhundert-prozentig zufrieden sein, es gibt immer Gewinner und Verlierer. Ich appelliere daher zur „Reconciliación“ (Versöhnung), vor allem was die Verunglimpfung des politischen Gegners betrifft.

Es ist aber nicht nur eine Abstimmung über zwei Kandidaten sondern über zwei politische Systeme …
Natürlich, und das ist auch eine ganz klare Ansage hier. Im Vorwahlkampf wird natürlich alles noch mehr zugespitzt. Nach der Wahl muss man dann sehen, wie viel von den Versprechungen oder der vor der Wahl eingetretenen Radikalisierung noch besteht. Es kann natürlich auch sein, dass man es vor der Wahl alles auf die Spitze getrieben hat und sich dann hinterher in der Sprache wieder etwas mässigt. Aber es sind tatsächlich zwei klare Ansagen: das eine ist eher ein sozialistisches Modell, zumindest nennt er (Chávez) es so. Der andere (Capriles) setzt eher auf freie Marktwirtschaft, meiner Meinung nach ein sozialdemokratisches Modell. Aber das sind alles Schlagworte, man muss dann sehen, was es tatsächlich am Ende für das Land bedeutet.

Die deutsche Bundesregierung sieht Venezuela jedoch derzeit als gefestigte Demokratie?
Ich will mir da jetzt kein Urteil erlauben oder einen Maßstab anlegen, wie gut die Demokratie hier funktioniert. In den letzten 15 Jahren gab es hier Wahlen, die waren ordentlich. Der Präsident wurde in den letzten 15 Jahren demokratisch gewählt. Dass nicht alles zum besten steht, ist kein Geheimnis. Ich bin als neuer Botschafter nicht hier, um erst einmal mit einer moralischen Messlatte durchs Land zu gehen. Ich bin hier, um mir ein objektives Bild zu machen.

Und da sehe ich, dass es in Hinblick auf die Leistung der Regierung einige Fragezeichen und Kritikpunkte gibt, aber man darf auch nicht alles von der Opposition jetzt als bare Münze nehmen. Ich versuche also, hier eine echte Distanz zu behalten. Es ist auch nicht mein Job, für eine Seite Partei zu ergreifen. Mein Job ist es, mich um die Interessen Deutschlands zu kümmern und dafür zu werben, dass gleich welchem Wahlausgang anschliessend ein vernünftiges Zusammenleben möglich ist.

Was halten Sie denn von dem elektronischen Wahlsystem? Jimmy Carter hat es ja zuletzt als sehr fair und sicher bezeichnet.
Soweit wir wissen, und damit meine ich nicht nur die deutsche sondern auch andere Botschaften, die die Möglichkeit hatten, sich das System einmal anzusehen, deutet alles darauf hin, dass es sein sehr gutes und fälschungssicheres System ist. Ich weiss jetzt nicht, ob es einhundert-prozentig sichere Systeme auf der Welt gibt, aber es scheint hier ein System zu sein, auf das sich beide Seiten verlassen. Und da sogar die Opposition sagt, dass es fälschungssicher ist, müsste man sich ja dann auch auf die Zahlen verlassen können. Aber wenn es knapp wird, dann ist es ja in der ganzen Welt schwierig, die Nerven zu bewahren. Wenn der Abstand ohnehin gross ist, ist ja alles klar.

Die Opposition sagt ja selbst, dass es am Wahltag durch die Abstimmungsgeräte zu keinen Fälschungen kommen kann. Natürlich schliessen sie nicht aus, dass Wähler vor dem Wahllokal eingeschüchtert werden könnten oder zum Wahllokal gebracht werden, aber diese Grauzonen muss man sich genau ansehen. Wir müssen also in der Wahlnacht kühle Nerven bewahren und abwarten, wie das objektive Ergebnis dann aussieht. Wenn es knapp wird, müssen wir dann an beide Seiten appellieren, das Ergebnis zu akzeptieren, auch wenn es nur 500 Stimmen Unterschied sind.

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Kommentarbereich

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  1. lieber Herr Botschafter, Venezuelas Präsident muss gar nix…!… Und falls er – was ich als äußerst unwahrscheinlich halte – nochmals gewählt wird, dann können wir hier eh die Koffer packen.

  2. 2
    rene

    an die redaktion, an herrn lang : mein in jeder form korrekter kommentar zum thema suggestivfrage und journalsitische ethik … hat ihnen wohl nicht gefallen und daher wurde er nicht freigeschaltet !!!
    das eben macht latinapress aus, kämpft für meinungsfreiheit und gestattet sie nicht jedem ihrer leser …

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