Vier Jahre lang vom Chavismus gefangen und gefoltert: Interview mit Lorent Saleh

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Lorent Saleh soll eine Gefahr für die nationale Sicherheit gewesen sein (Foto: Saleh)
Datum: 31. Januar 2019
Uhrzeit: 09:17 Uhr
Leserecho: 4 Kommentare
Autor: Soledad Díaz Rodríguez, Caracas (Leser)
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Lorent Saleh, Einzelkind einer bescheiden lebenden und alleinstehenden Mutter mit pakistanischem Hintergrund, begann sich mit zwanzig Jahren als Aktivist für Menschenrechte in seinem Land, Venezuela, einzusetzen. Der Chavismo, die Ideologie des ehemaligen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, hat ihn vier Jahre lang eingesperrt und gefoltert, bis er am 12. Oktober 2018 freigelassen und nach Spanien gebracht wurde. 2017 erhielt er vom Europäischen Parlament den Sacharow-Preis für geistige Freiheit. Dies ist sein erstes Interview, das er als wieder freier Mensch gibt.

Interview vom 28. Okt. 2018. Übersetzung aus dem Spanischen: Soledad Díaz Rodríguez, 29.01.19  

Frage: Sie sind vier Jahre lang in Venezuela gefangen gewesen. Mehr als die Hälfte der Zeit verbrachten Sie an einem unheimlichen Ort, den man ,,La Tumba” – ,,Das Grab” nennt. Was ist ,,La Tumba”?

Antwort.- ,,La Tumba” ist ein Ort der Folter. Es liegt fünf Ebenen unter der Erde, in einem Gebäude bei der Plaza Venezuela im Zentrum von Caracas. Dort befindet sich der Hauptsitz des Bolivarianischen Geheimdienst, dem ,,Bolivarianischen Dienst der Nationalen Intelligenz” (SEBIN). Es ist ein Ort, der für einen sehr speziellen Einsatz der Folter geschaffen wurde. Ein hochentwickelter und moderner Ort.     

Frage.-  Modern? 

Antwort.- Sehr modern. Die Menschen wissen davon nichts. Man kennt nur die Fotos des ,,El Helicoide” – ,,Der Helikopter”, das andere große Zentrum der Folter des chavistischen Regimes. 

Frage.-  Ein hochentwickelter Ort. 

Antwort.- ,,El Helicoide” ist das Kreolische, derKnüppel, diegebrochene   Rippe, der Baseballschläger. Es ist die Fortsetzung des Niedergangs von  dem, was einst die Vierte Republik Venezuelas war. Es stimmt, das  1 Gebäude ist alt und sein Inneres ist schäbig. Die Institution ist die gleiche, doch die Ästhetik und Methoden sind andere. ,,La Tumba” steht für Technologie und dieFolter funktioniertp sychologisch. Alles glänzt.Alles ist  sauber und weiß. Die Stille ist absolut; die Einsamkeit ist komplett. Es hat  den Anschein einer Irrenanstalt aus der Zukunft. “El Helicoide” ist das Überfüllte, der üble Geruch, die Kakerlaken und Ratten. „La Tumba“ sind  Spiegel, Kameras und weiße Wände. Aber man kann den Gestank des Fremden perfekt riechen.      

Frage.-  Des kubanischen? 

Antwort.-  Russisch-Kubanischen. Das ist nicht Venezuela. Der  Venezolaner bricht Rippen. Aber er nimmt dir vor einem Verhör kein Blut  ab, um dich zu schwächen. Er setzt dich nicht der kalten Folter aus.      

Frage.-  Was ist die kalte Folter?  Lorent Saleh macht eine lange Pause, während er einen Seitenblick auf seine  Mutter wirft, die wenige Meter entfernt direkt neben dem Fenster sitzt. Er wartet, bis sie den Raum verlässt. Dann setzt er sich auf einen Stuhl, mit den       Händen hinter dem Rücken verschränkt.  

Antwort.-  Würden Sie sagen, dass ich wie ein Gefolterter aussehe?      

Frage.-  Nein… 

Antwort.- Man hat so von mir ein Foto gemacht. Jeder hätte gesagt: „Es sieht doch gar nicht so schlimm aus, Lorent“. Aber was geschieht nach 12 Stunden in dieser Position, mit verbundenen Händen und einem grellen weißen Licht, das einem ins Gesicht blendet? Und nach 24 Stunden? Und nach einer Woche? Entkräftet. Zerstört. In seinen eigenen Ausscheidungen stehend. Die Mechanismen des Schutzes und die Garantien der Menschenrechte haben sich in den vergangenen 70 Jahren weiterentwickelt. Allerdings nicht so sehr, wie die Methoden der Folter. Lorent steht auf. Er hebt einen Arm auf Schulterhöhe und stützt sich auf ein Regal, als ob er daran gebunden wäre. Antwort.- So festgebunden zu sein. Jede Stunde Wassergüsse über den Körper aushalten zu müssen. Das weiße Licht, immer weiß… Danach die Stromschläge…. Die Hiebe. Sie umwickeln dir die Gelenke mit Klebeband, sie nutzen Zeitungspapier mit Packband – damit die Fesseln keine Spuren hinterlassen. Das gleiche am Kopf. So war es in meinem Fall. Sie haben sich sorgfältig darum bemüht, keine Spuren zu hinterlassen. Sie haben Alternativen zur Gewalt mit Schlagstöcken gesucht, denn das hätte ihnen nicht genützt. Anderen Gefangenen hingegen haben sie direkt die Rippen gebrochen und sie sterben lassen.

Frage.- Man hat Sie aus Kolumbien in die ,,Tumba” geführt. Ex-Präsident Santos hat in einem Interview mit El Mundo bestätigt,  dass es sich um eine legale Auslieferung gehandelt hat.  

Antwort.-  Juan Manuel Santos, Friedensnobelpreisträger,hat mich nach  einer Vereinbarung mit Maduro entführt und mich ausgehändigt.      

Frage.- Warum?   

Antwort.- Erstens, weil ich seine Komplizenschaft mit der Diktatur seit langem angeprangert hatte. Santos persönliches Projekt – die Vereinbarung mit der FARC und dem Nobelpreis – kollidierte mit der Demokratie in Venezuela. Santo war auf die Zufriedenstellung Maduros angewiesen, der ihn mittels der Guerilla erpresst hatte. Die FARC, die ELN und die narco-terroristischen Gruppen, mit denen Santos eine Vereinbarung suchte, sind Teil des venezolanischen Regimes. Maduro hatte die Macht, den Friedensprozess zum Erliegen zu bringen. Zweitens hatte ich schon seit einiger Zeit an einer für Santos unbequemen Angelegenheit gearbeitet: Die Verschleierung von den Opfern der FARC. Während des Friedensprozesses sprach niemand über die Ermordeten, die Entführten, die Verschwundenen. Meine NGO allerdings schon. Diese beiden Tatsachen führten dazu, dass mich Santos an Venezuela übergab. Es war keine Auslieferung oder Deportation. Es gab nie einen Haftbefehl von Seiten des venezolanischen Gerichts oder eine Anfrage von Interpol. Nie wurde ich von einem kolumbianischen Gericht vorgeladen. Nie wurde ein Staatsanwalt eingeschalten. Ich durfte mich nicht verteidigen. Santos hat mich entführt, wissend, was mir bevorstehen würde. 
   
Frage.- Sie haben Sie in die ,,Tumba” gebracht.  

Antwort.- Als ich ankam, wurde ich entkleidet. Sie fotografierten mich. Sie haben mich rasiert. Sie haben mich in einen Khaki-farbenen Anzug gesteckt. Dann gingen wir an Türen vorbei. Dicke Türen. Gepanzerte. Bis wir an einem mit Spiegel und Kamera bedeckten Raum ankamen. Alles war sauber, makellos. Ich habe die Macht gespürt. Absolut. Totalitär. Wir durchquerten zwei enge Gänge. Türen und noch mehr Türen. Plötzlich hörte ich Lärm, wie von einer Turbine. Dekompression. Und dann noch eine Tür. Sie öffneten sie. Und wir gingen hinein. Es sah aus wie der Kühlraum eines Schlachthauses. Es gab nur sieben Zellen. Alle waren leer. Sie steckten mich in eine davon und schlossen die Gittertür. Ich sah mich um. Die Zelle war klein, zwei mal drei Meter. An der Decke befand sich eine Kamera, die all meinen Bewegungen folgte. Eine Klingel. Eine Matratze auf einer Zementplatte. Und zwei Töpfe. Einer zum Wasser trinken und einer zum urinieren. Ich dachte: Ohhhhh…   

Frage.- Oh…   

Antwort.- Das Gefühl, vom Staat in seinem größten Ausdruck von Gewalt und Terror niedergedrückt worden zu sein. Wörtlich und bildlich. Ich hörte das Geräusch der Metro über mir. Ich dachte an all die Leute, an all die, mehr oder weniger, besorgt Reisenden. Ich sagte mir selber: ,,Keiner von ihnen weiß, dass ich hier bin, unten, begraben in einem weißen Sarkophag”. Und auch: ,,Ich werde niemals lebend aus diesem Loch herauskommen.” An so einem Ort ist es nicht einmal mehr nötig, dich mit dem Finger anzurühren. Du wünscht dir, dass sie dich schlagen.
   
Frage.-  Sie haben sich gewünscht, geschlagen zu werden?    

Antwort.- ​Einen Moment. Ich muss das noch zu Ende erklären. Die Kälte. Eisig​. ​Das wenden sie an, um dich klein zu machen. Damit du dich nicht bewegen kannst. Um dich auf ein Blatt Papier zu reduzieren. Um dich zu erniedrigen. Damit du weißt, dass das Individuum, also du, nichts wert ist. Damit du, egal wie sehr du dich darauf vorbereitet hast, und die venezolanischen Menschenrechtsaktivisten haben sich auf darauf vorbereitet, untergehst. Ich fing an zu weinen.

Frage.- Wie überlebt ein Mensch zwei Jahre unter diesen Bedingungen? Lorent hebt ein Bein und stampft zwei, drei, viermal auf den Boden. 

Antwort.-  Das ist, was sie tun: Sie treten dich und treten dich und treten  dich. Aber sie töten dich nicht. Das ist das Schlimmste. Sie bringen dich nicht um. Sie lassen dich dort, um dir mit Tritten zu drohen, dich  anzusehen und dich auszulachen. Verstehen Sie, was ich meine?   
 
Frage.- Ja, und darum Frage aus einem Grund mehr: Wie haben  Sie überlebt? 
 
Antwort.- Meine Mutter sagt, sie haben mir vier Jahre meines Lebens  gestohlen. Ich glaube das nicht. Weder haben sie sie mir gestohlen, noch     habe ich sie verloren. Die Zeit stand still. Ich kam mit 26 Jahren in das  Gefängnis und mit 30 kam ich frei. Was ich gelernt habe, kann mir keiner mehr nehmen.  

Frage.- Was haben Sie gelernt?    

Antwort.- Die Macht der Kontemplation. Den Wert des Essentiellen, das unsichtbar scheint. Journalisten und Politiker hätten an dieser Stelle gerne, dass ich ihnen von anderen Dingen erzähle. Aber für mich ist dies das Fundamentale. Welchen Wert hat die Farbe grün? Und blau? Ich war in einem weißen Sarkophag gefangen, wie ein Blinder, Monat um Monat. Welchen Wert hat das Bewusstsein über die Zeit? Nicht, dass ich nicht wusste, ob es Tag oder Nacht war. Sondern dass ich nicht wusste, ob ich eine Stunde geschlafen habe oder zehn. Welchen Wert hat ein Spiegel? Wenn du dein Gesicht für lange Zeit nicht siehst, vergisst du, wie du aussiehst. Als ich mich das erste mal wieder in einem Spiegel sah, bekam ich einen Schock. Ich habe mich abgetastet und geflüstert… ,,Das bin ich”. Der Himmel ist nicht nur irgendeine Sache. Die Sonne, der Mond, der Regen, die Sterne… auch sie nicht. Schuhe. Ein Stuhl. Ich habe so darum gestritten, wie ein Verrückter, um Dinge zu finden, die anderen irrelevant scheinen. Ich habe einen 18-tägigen Hungerstreik gemacht, damit sie mir eine Uhr geben. Die Verteidigerin des Volkes (!) hat mir geantwortet: Wo steht geschrieben, dass eine Uhr ein Menschenrecht ist? Wo steht geschrieben, dass wir Ihnen einen Tisch geben sollen? 

 

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  1. 1
    Peter Hager

    Man sollten diesen Text zur Pflichtlektüre für alle Linksromantiker und Kubatouristen machen und solche die es werden wollen.

  2. 2
    caratinga

    Das schlmmste ist der Egoismus, Habgier, Machtgeilheit der Menschheit egal links oder rechts.
    Links oder Rechts kann man mit Maffia Strukturen vergleichen, wer im Weg steht wird beseitigt.
    Was haben wir doch für eine arme Gesellschaft, traurig traurig.
    Schmarotzertum!!!!!!!!!!!!!!!!

  3. 3
    Carlos

    Das “ Nobelkomite“sollte diesen Bericht zugesannt bekommen und über Friedensnobelpreisträger nachdenken, vieleicht kann man einem „Friedensfreund“ wie dem Menschenfreund Santos den Preis vor der Weltöffentlichkeit wieder aberkennen.

    • 3.1
      Peter Hager

      Warum Santos den Preis aberkennen? Er hat ihn doch redlich verdient! Denn der Friedensnobelpreis ist in meinen Augen seit Jahrzehnten zu einer tödlichen Beleidigung verkommen. Natürlich nicht alle, aber zu viele Empfänger waren korrupte Halunken, z.T. mit dem Blut anderer an den Händen, als daß ein anständiger Mensch ihn noch guten Gewissens annehmen könnte.

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