Corona und Brasilien: Politisches Überleben von Bolsonaro steht auf der Kippe

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Jair Messias Bolsonaro: Der Präsident ohne Gesundheitsbewusstsein (Foto: Archiv)
Datum: 20. Mai 2020
Uhrzeit: 17:20 Uhr
Leserecho: 7 Kommentare
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Brasilien meldete am Dienstagabend (19.) Ortszeit einen traurigen Rekord seit Ausbruch der Corona-Pandemie: 271.885 Infektionen und 17.983 Todesfälle. Die Krankheit breitet sich rasant aus, Präsident Jair Messias Bolsonaro wird zum Problem einer ganzen Nation. „Es wird immer schwieriger sich vorzustellen, dass Jair Bolsonaro das Ende des Mandats in Brasilien erreicht“, glaubt José Murilo de Carvalho, ein bekannter brasilianischer Historiker und Politikwissenschaftler. Die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas ist nicht nur mit der Gesundheitskrise aufgrund des Coronavirus konfrontiert, sie befindet sich auch in einer entscheidenden politischen und wirtschaftlichen Krise.

Die tatsächliche Zahl der Coronavirus-Opfer in Brasilien ist vermutlich erheblich höher als die offiziellen Statistiken zeigen, da keine ausreichenden Tests zum Nachweis von Infektionen vorliegen. Bolsonaro versucht die Bedrohung immer noch herunterzuspielen, sie als „kleine Grippe“ zu bezeichnen und widersetzt sich den von anderen Ländern ergriffenen Maßnahmen der sozialen Isolation. Allen Unkenrufen zum Trotz hat das Staatsoberhaupt eine große Zahl von Unterstützern, die sich bewusst der sozialen Isolation entziehen und alle ärztlichen Ratschläge gezielt ignorieren. Wissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass die Zahl der Infizierten bereits mehr als drei Millionen betragen könnte.“Ich kann kategorisch sagen, dass Brasilien das wichtigste Epizentrum für die Verbreitung des Covid-19-Virus in der Welt geworden ist“, so Domingos Alves, Professor an der Ribeirao Preto Medical School gegenüber „BBC News Brasil“.

Bolsonaro ist in Zeiten von Corona eine Ausnahme in Lateinamerika: Sein Image hat sich verschlechtert, anstatt sich zu verbessern. Ebenfalls hat sich das internationale Image des Landes hinsichtlich Bolsonaros fast unterwürfigem Verhalten gegenüber US-Präsident erheblich verschlechtert. Die brasilianische Situation ist also nicht nur intern, sondern auch extern außergewöhnlich, da sie schlechter ist als in anderen Ländern. In Brasilien wird derzeit offen diskutiert, ob es an der Zeit ist, ein Amtsenthebungsverfahren einzuleiten. Dabei ist klar: ein Präsident, der im Kongress keine Unterstützung hat, wird Opfer der Amtsenthebung.

Die Anwesenheit des Militärs in der Regierung bedeutet nicht, dass die Streitkräfte regieren. Die Position des Militärs in der Regierung wird für sie selbst allerdings immer unangenehmer, weil sich das Versagen der Regierung mit ihrer Anwesenheit im Bild der Streitkräfte widerspiegelt. Zudem ist das Image der Streitkräfte in der Bevölkerung sehr gut. In der gebildeten Mittelschicht gibt es eine klare Opposition gegen die militärische Präsenz, aber der Großteil der Bevölkerung unterstützt sie.

Daraus ergibt sich ein kompliziertes Schachspiel. Die Streitkräfte werden nicht als die wichtigste Unterstützung der Bolsonaro-Regierung bezeichnet – diese Rolle übernimmt seine fanatische Wählerschaft. Die Tatsache, dass es einen General als Vizepräsidenten gibt, ist für die Streitkräfte allerdings eine Art Garantie dafür, dass die Opposition nicht an die Macht zurückkehren wird, sollte Bolsonaro gehen. Aktuell gibt es keine Anzeichen dafür, dass Bolsonaro seine Haltung in irgendeiner Weise ändern wird und der Verlauf der Corona-Pandemie könnte entscheidend dafür sein, ob der ehemalige Fallschirmjäger-Hauptmann politisch überlebt.

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Kommentarbereich

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  1. 1
    Paul Landmesser

    Man kann Bolsonaro zutiefst ablehnen oder fanatisch befürworten, das ist eigentlich ohne Belang, denn es gibt nur eine Horrorvorstellung in dieser schweren Corona- und daraus folgend Wirtschaftskrise….. die Rückkehr der PT an die Macht! Und da liegt die Hoffnung vorrangig auf dem Militär, das sich bislang absolut klug verhalten hat, dass man mit oder ohne Bolsonaro das verhindern wird! Die Chancen stehen gut, denn das Militär hat zwischenzeitlich ein hohes Ansehen bei der Mehrheit der Bevölkerung!

  2. 2
    Peter Hager

    Ein Hinauszögern des längst überfälligen Amtsenthebungsverfahrens gegen Bolsonaro kostet täglich unschuldigen Menschen das Leben. Deshalb sollte man auch rechtlich prüfen, ob man ihn nicht einfach verhaften kann, entweder wegen fortgesetzter grobfahrlässiger Tötung in Tausenden von Fällen, oder gar wegen Massenmordes. – Klar, die PT an der Macht wäre vielleicht noch schlimmer als der Virus.

  3. 3
    Thomas Gerau

    Bolsonaro spricht zu recht von einer „kleinen“ Grippe. Wer die Einwohnerzahl Brasiliens, 210 Millionen in Relation zur Sterblichkeit setzt, wird schon ohne Taschenrechner schnell feststellen, dass es noch nicht einmal ein halbes Prozent beträgt(!)
    Die Infektionszahlen sagen überhaupt nichts aus, denn Infektion bedeutet nicht gleich Erkrankung . Das Ummunsystem eines Menschen ist ständig mit Infektionen beschäftigt, due wir gar nicht mitkriegen. Nur Alte und Vorerkrankte müssen wie bei jeder Grippewelle vorsichtig sein. Bolsonaro hat also völlig recht, daher verstehe ich den verunglimpfenden und unsachlichen Artikel nicht

    • 3.1
      Peter Hager

      Daß Covid-19 in schweren Fällen fast sämtliche Organe des Körpers angreift und zerstören kann, daß er Menschen jeden Alters tötet, bis hin zu Neugeborenen, daß der Erkrankte innerhalb von Stunden oder Tagen unter grauenhaftesten Qualen stirbt und z.Zt. nichts existiert, das ihn retten könnte, leugnen Sie. Daß man inzwischen durch Studien nachgewiesen hat, daß die tatsächlichen Infektionszahlen, mangels ausreichend Tests, 10 – 20 mal höher liegen als die bekannten, unterschlagen Sie. – Ihr Recht auf freie Meinungsäußerung in Ehren! Aber wenn Sie unwiderlegbare Fakten einfach ignorieren, genauso wie die grausamen Erfahrungen von Ärzten und Krakenpflegern in der Realität, zeigen Sie sich unmündig. Entweder Sie kommen der Pflicht eines jeden Bürgers, sich angemessen zu informieren, bevor er sein Ansichten verbreitet, nicht nach, oder Sie verbreiten von Feinden unserer Gesellschaft vorformulierte Lügen, ob vorsätzlich oder fahrlässig, sei dahingestellt.

      • 3.1.1
        noesfacil

        Es gibt für die Mehrheit der Erdenbürger, insbesondere denen in der sog. westlichen Welt keinerlei Pflicht sich angemessen zu informieren, geschweige denn, sich angemessen zu bilden!
        Das können Sie nicht nur hier, sondern im Allgemeinen überall sehen und lesen.
        Diese „Pflicht“ = Verpflichtung fühlt die Mehrheit auch gar nicht mehr.

        Gibt es dafür keine App oder irgendein, höchstens 5- zeiligen post in irgendeinem von diesen verdammten „sozialen Netzwerken“ dann findet das in der Wahrnehmung der Menschen einfach nicht mehr statt.
        Zudem wird all zu gerne frei nach dem Motto verfahren, was scheren mich überhaupt die Fakten, schließlich hab ich dazu eine eigene Meinung und bastel mir die Welt, so wie sie mir gefällt (frei nach Pipi Langstrumpf).
        noesfacil

    • 3.2
      noesfacil

      Sie müssen nur ganz fest dran glauben und vor allen Dingen u n b e d i n g t, dass weltweite Geschehen, also die Wirklichkeit völlig ausblenden, dann ist das auch so, wie Bolsonaro und seinesgleichen das sehen wollen!
      Die weltweiten Fakten und auch der Stand der Wissenschaft straft diese Leute, nebst deren „Auffassungen“ LÜGEN, aber was soll’s, gell?
      Free nach dem Trumpschen Motto, was scheren mich die Fakten, schließlich hab ich dazu eine eigene Meinung!
      noesfacil

    • 3.3
      Reiomar

      Sie sind ein Ignorant wie viele Bolsonaristas auch.
      es hat in früheren Zeiten kein Präsident gegeben der dem Land so viel Wirtschaftlichen schaden zufügt wiewie er.
      Eines ist sicher Bolsonaro muss verhaftet werden so schnell wie möglich bevor noch schlimmeres passiert. (Wirtschaftlich und wegen den Minderheiten)
      Bolsonaro muss weg!!!!!

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