Covid-19 in Brasilien: Chronik eines angekündigten Kollaps

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Im südamerikanischen Land Brasilien breitet sich das Coronavirus rasant aus (Foto: Tomaz Silva/Agência Brasil)
Datum: 28. März 2021
Uhrzeit: 22:50 Uhr
Leserecho: 4 Kommentare
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Im südamerikanischen Land Brasilien breitet sich das Coronavirus rasant aus. Die Patienten, die in den Krankenhäusern von Porto Alegre ankommen und sterben, sind kranker und jünger als zuvor. In den Bestattungsunternehmen nimmt das Geschäft stetig zu, während bereits im Februar erschöpfte Ärzte und Krankenschwestern für einen lebensrettenden „Lockdown“ plädierten. Bürgermeister Sebastião Melo argumentierte jedoch, dass es einen dringlicheren Imperativ gebe. „Tragen Sie mit Ihrem Leben dazu bei, damit wir die Wirtschaft retten können“, so Melo zu seinen Wählern Ende Februar.

Porto Alegre, eine prosperierende Stadt in Südbrasilien, befindet sich jetzt im Zentrum eines überraschenden Zusammenbruchs des nationalen Gesundheitssystems: einer zuvor angekündigten Krise. Mehr als ein Jahr nach der Pandemie sind die Todesfälle in Brasilien auf dem Höhepunkt und hoch ansteckende Varianten des Coronavirus erobern das Land dank politischer Dysfunktion, weit verbreiteter Selbstzufriedenheit, Dummheit und Verschwörungstheorien. Das Land, dessen Führer Präsident Jair Messias Bolsonaro die Bedrohung durch das Virus heruntergespielt hat, ist in Bezug auf die Anzahl der Todesfälle weltweit in den letzten Monaten am stärksten betroffen und hat auch die höchste Pro-Kopf-Todesrate unter den bevölkerungsreichsten Ländern.

„Wir haben noch nie ein Versagen des Gesundheitssystems dieser Größenordnung gesehen“, klagt Ana de Lemos, Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen in Brasilien. „Und wir sehen kein Licht am Ende des Tunnels.“ Am Mittwoch (24.) hat das größte Land Südamerikas 300.000 Todesfälle durch COVID-19 überschritten: Ungefähr 125 Brasilianer erkranken stündlich an der Krankheit. Gesundheitsbeamte in öffentlichen und privaten Krankenhäusern versuchen die Intensivstationen zu erweitern, sich mit lebensrettenden Sauerstoff zu versorgen, der zu einem exponentiellen Preisaufschlag verkauft wird.

Auf den Intensivstationen in Brasilia, der Hauptstadt und in sechzehn der sechsundzwanzig Bundesstaaten Brasiliens stehen aktuell weniger als zehn Prozent der Betten zur Verfügung und in vielen Bundesstaaten nehmen die Infektionen rasant zu. In Rio Grande do Sul, dem Bundesstaat in dem sich Porto Alegre befindet, hat sich die Warteliste für ein Intensivbett in den letzten zwei Wochen verdoppelt und liegt nun bei 240 schwerkranken Patienten.

Der Zusammenbruch ist ein grausamer Misserfolg für ein Land, das in den vergangenen Jahrzehnten als Vorbild für andere Entwicklungsländer diente und einen guten Ruf hatte, agile und kreative Lösungen für Gesundheitskrisen vorzuschlagen – einschließlich von HIV-Infektionen und des Zika-Ausbruchs. Misstrauen und Verleugnung – und die Karawanen von Bolsonaristen, die vor Krankenhäusern hupen um gegen Pandemiebeschränkungen zu protestieren – sind verheerend und führen das Land ins Chaos. Am Sonntag (28.) waren trotz Verbot zehntausende Menschen an den Stränden von Rio de Janeiro, ohne Maske und Einhaltung des Sicherheitsabstands. „Die Leute weigern sich, die Katastrophe zu akzeptieren. Die Realität ist, dass wir nicht genug Atemschutzmasken, Sauerstoff und Betten für alle haben und die Menschen sterben in Scharen“, erklärt Ana de Lemos.

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Kommentarbereich

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  1. 1
    Bernhard Classen

    Corona-Brasilien ist eine Tragödie wie die der Titanic. Die Menschen tanzen und trinken bis zum Ende. Und dann sind nicht genug Rettungsmittel für alle da.

  2. 2
    Leo von Aarburg

    Covid-19 in Brasilien, eine noch tödlichere Variante aus Brasilien, wie ich zuweilen lese. Es scheint, dass der Tod noch tödlicher sein kann als der Tod, wenn er aus Brasilien kommt. Fakten per 28.02.2021:
    Todesfälle, Statistik, weltweit ist Brasilien an 19. Stelle mit 1468.79 per1M, Ungarn an 3.Stelle mit 2067.42 per1M etc. – http://www.ourworldindata.org – Aus Rio de Janeiro

  3. 3
    Paul Landmesser

    Die Situation ist ohne Zweifel aktuell richtig heftig bei uns, aber die höchste pro-Kopf-Todesrate weltweit hat die EU (!!), und auch Spanien, Großbritannien und Italien liegen deutlich vor Brasilien! Also immer schön bei der Wahrheit bleiben.

  4. 4
    Tino Reindl

    Also man mag von Präsident Bolsonaro halten was man will aber er hat einen Kurs gewählt, der einen totalen Zusammenbruch der Wirtschaft vermeiden soll, ähnlich wie Schweden, Südkorea und Weißrussland und diese Länder sind bekanntlich ganz gut gefahren! Weiterhin tut man ja gerade so als ob das Gesundheitssystem in Brasilien die letzten Jahre absolut Top war…vielleicht aber nur für die Jenigen die es sich auch leisten konnten. Ich verfolge die Sterbezahlen in Brasilien seit Mitte letzten Jahr, dabei habe ich festgestellt, das im Gegensatz zu Deutschland wo ca. 2500 Menschen pro Tag sterben, in den Jahren 2018, 2019 und 2020 nur ca. 3800 bis 4000 Menschen pro Tag sterben, was im Verhältnis wenn man die 220000000 Mio. Einwohner sieht nicht wirklich viel ist! Die Sterberate ist linear und nicht progressiv also was sollen uns solche panikmachenden Artikel bringen, wo keine wirklichen Fakten gebracht werden, genauso wie im Horrorbericht vom Stern aus Manaus…was hat das noch mit wahrhaftigen Journalismus noch zu tun!? Woran liegt es das der Virus in Brasilien so schnell zu einem „Killervirus“ mutiert und warum wird ein Antigenimpfstoff aus Lübeck, der Kostenlos zur Verfügung gestellt wird, in solchen Hotspots nicht mit Notzulassung verwendet!? In eine Pandemie hineinzuimpfen ist vielleicht doch nicht so eine gute Idee, da das Virus versucht zu überleben und sich schneller weiterentwickelt!? Fragen über Fragen bei All dem Wahnsinn und Fehlentscheidungen die zumindest auf unsere Deutsche bzw. Europäische Politik zurückzuführen ist! Die Kollateralschäden werden psychosozial und wirtschaftlich weit aus größer sein als Alle die letztendlich wirklich an diesem Virus Erkranken und oder auch Sterben werden!?

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