Eine neue „Wahrheit“ über den Regenwald

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Satelliten spielen seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle bei der Überwachung der Abholzungsrate im Regenwald (Foto: esa)
Datum: 16. März 2022
Uhrzeit: 11:22 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Redaktion
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Satelliten spielen seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle bei der Überwachung der Abholzungsrate im Regenwald. Doch die Art und Weise, wie diese Daten genutzt werden, hat sich unter der Regierung von Präsident Jair Bolsonaro geändert. Seine Anhänger stellen wissenschaftliche Erkenntnisse in Frage, um eine Weltsicht zu propagieren, die den wirtschaftlichen Profit in den Vordergrund rückt. Seit den 1980er Jahren gibt es in Brasilien ein umfassendes Überwachungssystem des Amazonasgebiets auf der Grundlage von Satellitenbildern. In einer neuen Studie untersuchen M. Cecilia Oliveira (Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, Potsdam) and Leandro Siqueira (Universidade Metropolitana de Santos, São Paulo, Brasilien), wie sich die Verwendung der Daten seit dem Amtsantritt Bolsonaros im Jahr 2019 geändert hat.

„Wir weisen nach, dass rechtsextreme Gruppierungen umfassende Anstrengungen unternehmen, um eine andere ‚Wahrheit‘ über den Amazonas zu schaffen und zu verbreiten – nämlich die, dass die Abholzung ein akzeptabler Preis für wirtschaftliche Entwicklung ist. Über lange Jahre aufgebaute Strukturen, um die Abholzung sichtbar zu machen und zu kontrollieren, werden zunehmend demontiert“, sagt Cecilia Oliveira, Erstautorin der Studie und Forschungsgruppenleiterin am IASS.

Die „alternative Wahrheit“ Bolsonaros

Über viele Jahre hatten die wechselnden Regierungen Brasiliens die Satellitendaten den Umweltbehörden und der Zivilgesellschaft zu Verfügung gestellt. Damit förderten sie eine breite politische Beteiligung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, die sich aktiv für den Schutz und die nachhaltige Nutzung des Regenwaldes einsetzen. Zwar gaben die Berichte der Regierung über die Satellitenbilder wesentliche Daten nur in zusammengefasster Form wieder. Aber sie lieferten den Umweltschützerinnen und Umweltschützern die Informationen, die sie benötigten, um Druck auszuüben. Vor allem unter Präsident Lula, der von 2003 bis 2011 regierte, gelang es Brasilien, die Abholzung im Amazonasgebiet deutlich zu verringern.

Seit Bolsonaro 2019 an die Macht kam, sind erhebliche Rückschritte zu verzeichnen. „Neu ermächtigte Gruppen wie das Militär, Klimawandelleugner, rechtsextreme Aktivisten, die Agrarindustrie und rohstofffördernde Privatunternehmen begannen, ein alternatives Regime zu errichten, das darauf abzielt, eine ‚alternative Wahrheit‘ über die Entwaldung zu verbreiten“, erläutert Oliveira. Die Forschenden bezeichnen diesen neuen Umgang mit Informationen als „Hypertransparenzregime“, das mit dem alten „Transparenzregime“ konkurriere.

Vom Schutzgebiet zur Rohstoffressource

Das Zeitalter der Hypertransparenz zeichnet sich durch ein Übermaß an Informationen aus. „Das funktioniert im Wesentlichen so, dass Gegenaktivisten die wissenschaftliche Gültigkeit der vom Nationalen Institut für Weltraumforschung erstellten Bilder und Satellitendaten in Frage stellen und mit großer Regelmäßigkeit deren Überprüfung durch so genannte ‚Audits‘ fordern. Damit suggerieren sie, dass den Bildern nicht zu trauen sei. Das Ziel dieser Praxis ist offenbar, die Öffentlichkeit im Hinblick auf die Entwaldung zu verwirren“, sagt Oliveira. Darüber hinaus beschuldigt die Regierung Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sie würden sich mit Umwelt-NGOs verbünden, um Brasiliens wirtschaftlicher Entwicklung zu schaden.

Das vorherrschende Bild des Amazonasgebiets, so die Forschenden, habe sich in den letzten drei Jahren grundlegend gewandelt: Vorher galt es als Schutzgebiet mit einem begrenzten Flächenanteil, der nachhaltig entwickelt werden muss, mittlerweile setzt sich immer stärker die Vorstellung vom Amazonas als strategischer Rohstoffressource durch.

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